Die Flüchtlinge - eine Zwischenbilanz

Deutsch lernen mit Hindernissen

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Ausländerkinder
Zwei auf einem guten Weg: Aisha aus Afghanistan geht jetzt in die fünfte Klasse der Backnanger Mörikeschule, ihr Bruder Tawab ist schon in der siebten. © Habermann / ZVW
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Ausländerkinder
Zwei auf einem guten Weg: Aisha aus Afghanistan geht jetzt in die fünfte Klasse der Backnanger Mörikeschule, ihr Bruder Tawab ist schon in der siebten. © Habermann / ZVW

Backnang. „Was machen eigentlich die Kinder?“, fragten wir vor gut einem Jahr und besuchten eine Vorbereitungsklasse in der Backnanger Mörikeschule. Dort saßen zum Beispiel Aisha und Tawab, Geschwister aus Afghanistan, die nach ihrer Flucht hier Deutsch lernten. Heute sind die zwei weitergegangen. Andere Kinder lernen jetzt bei Susanne Frey. Doch die Zeiten sind nicht gut.

Aisha ist gerade zehn geworden und besucht jetzt die fünfte Klasse in der Backnanger Mörikeschule. Es geht ihr gut. Ihr Bruder Tawab, etwas älter, ist schon in der siebten. Auch er hat Fuß gefasst, ist gut in der Schule, „er gehört zu den Besten. Diese zwei sind wirklich Ausnahmen!“, sagt Susanne Frey. Sie, die Lehrerin der Vorbereitungsklasse, die Frau, die den Kindern aus aller Welt die Türen ins deutsche Leben öffnet, klingt so glücklich, wenn sie von diesen zwei Kindern spricht.

Beide kamen als Flüchtlinge aus Afghanistan

Vor einem Jahr lernten die Geschwister bei ihr, wie es heißt, wenn der Kopf schmerzt oder der Zahn, wie wir Möbel benennen, wie die Zahlen lauten, wie Matheaufgaben zu verstehen sind, welche Regeln des Miteinanders in Deutschland gelten. Die beiden kamen als Flüchtlinge aus Afghanistan. Der Vater hatte für die deutschen Soldaten gedolmetscht, seine Tochter wurde fast von Taliban entführt.

Viele Schicksale sind in Susanne Freys Klasse versammelt. Der Junge aus Nordkorea zum Beispiel, der seinen Namen nicht preisgeben wollte und nur durch die Blume verriet, dass er in seiner alten Heimat gehungert hatte. Und dass die Lehrer mit dem Stock zugeschlagen hatten. Er ist jetzt zusammen mit Tawab in der siebten Klasse. Auch er hat’s geschafft. Raus aus der Vorbereitungsklasse, rein ins ganz normale Schulleben.

Den Kindern fehlt Bildungs- und Fachsprache

Eine Riesenherausforderung. Denn wenn die Kinder nach rund einem Jahr von Susanne Frey an die Kollegen vermittelt werden, können sie sich wohl im Alltag verständlich machen. Doch für den Unterricht in Mathe, Naturwissenschaften, Geschichte, Fremdsprachen bräuchten sie mehr: Den Kindern fehlt, sagt Susanne Frey, „die Bildungs- und Fachsprache“. Die Kinder bräuchten noch eine Nachbetreuung, die ihnen im Fachunterricht vollends in den Sattel hilft. Die aber gibt es nicht. Die Kinder müssen es allein schaffen. Wer nicht schon selbst einen guten Bildungshintergrund, entsprechenden Willen und fördernde Eltern mitbringt, steht vor großen Problemen.

Aber eigentlich ist’s inzwischen noch viel schlimmer. Susanne Frey ist, was Vorbereitungsklassen angeht, ein alter Hase und Vollprofi. Sie unterrichtet seit Jahren die Kinder, die erst mal kein Wort sprechen können. Sie hat seit Jahren eine Bandbreite in der Klasse zu bewältigen, die ihresgleichen sucht: große Altersunterschiede, verschiedene Nationen, verschiedene Religionen, sehr begabte Kinder mit Bildungshintergrund, Analphabeten. Auch Kinder mit schwerer Traumatisierung. Ein Junge macht ihr sehr große Sorgen. Sie bangt um seine Zukunft.

Lehrerinnen und Lehrer sind nicht mehr zu finden

Diese Kinder brauchen, sagt sie, eigentlich die Besten, die das Schulsystem zu bieten hat. Längst aber gibt es die Besten so gut wie nicht mehr für die Kinder. Denn Lehrerinnen und Lehrer sind nicht mehr zu finden. Es gibt keine. Nicht mehr für Grundschulen, Gemeinschaftsschulen, Werkrealschulen, Realschulen, Gymnasien, auch nicht mehr für Vorbereitungsklassen. Hier werden inzwischen sogenannte „Nicht-Erfüller“ eingesetzt. Menschen, die mal das Lehramt angestrebt hatten, aus welchen Gründen auch immer aber kein Staatsexamen, kein Referendariat gemacht haben. Kurz: die keine ausgebildeten Lehrer sind. Einige davon machen ihren Job trotzdem gut. Andere aber eben auch nicht. Es soll sogar welche geben, die selbst nicht perfekt Deutsch sprechen.

Susanne Frey hat zurzeit 18 Kinder in ihrer Klasse, davon sind über die Hälfte Flüchtlingskinder. Wenn die eine Kollegin, die schwanger ist, nicht ersetzt werden kann, bekommt sie noch eine halbe Klasse dazu. Und schon längst stehen Kinder in der Warteschleife: Zurzeit geht es zum Beispiel um zwei Kinder aus Aspach. Werden sie in eine der Vorbereitungsklassen in der Mörikeschule gehen?

Der Kampf mit der Sprache, dem Lernstoff und der Angst

Doch die Kinder kämpfen nicht nur mit der Sprache und dem Unterrichtsstoff. „Ich besuche sie ja auch immer mal daheim“, sagt Susanne Frey. Wie die Kinder untergebracht sind? Die Kinder sind oft chronisch übermüdet, sagt sie. Sie haben kaum Platz in den Wohnheimen, keine Ruhe, es gibt Gewalt. Und über zu vielen hängt das Damoklesschwert der Abschiebung. Eine ihrer Schülerinnen aus Afghanistan war jetzt erst beim sogenannten „Interview“, nach dem entschieden wird, wie die Zukunft aussieht. „Sie weiß nicht, was wird.“ Das Mädchen hat Angst. Und Angst wirkt sich aus. Auf die Fähigkeit zu lernen. Auf die Seele.

Oft, sagt Susanne Frey, verschwinden Kinder plötzlich und niemand weiß, wo sie bleiben. Tawabs guter Freund Adonit, ein kleiner, fröhlicher Junge aus dem Kosovo, wurde von heute auf morgen abgeschoben. Zu ihm haben die Kinder immer noch Kontakt, übers Internet. Adonit, sagt Susanne Frey, sei „todunglücklich; er weint nur noch“.

Hintergrund

  • „Passende Bildungsangebote für junge Flüchtlinge sind entscheidend, damit sie sich möglichst rasch integrieren und einen guten Platz in unserer Gesellschaft finden können“, heißt es auf der Homepage des baden-württembergischen Kultusministeriums.
  • „An den Schulen erhalten die jungen Menschen zunächst in sogenannten VKL-Klassen (Vorbereitungsklassen der allgemeinbildenden Schulen) und Vabo-Klassen (Vorqualifizierung Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse der beruflichen Schulen) eine intensive Sprachförderung und werden auf den Wechsel in eine reguläre Klasse vorbereitet. Über 1160 zusätzliche Lehrerstellen stehen für die Arbeit in den Vorbereitungsklassen aktuell zur Verfügung.“ Nächster Schritt: Integration in eine Regelklasse.