Die Flüchtlinge - eine Zwischenbilanz

Ehrenamtliche Hilfe beeindruckt

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Nabil El Tolony ist voller Dank für all die Ehrenamtlichen, die sich in Schorndorf für Flüchtlinge engagiert haben und es noch immer tun. © Danny Galm

Schorndorf. Wenn Sozialarbeiter Nabil El Tolony an die Bewältigung der Flüchtlingskrise in Schorndorf denkt, überkommt ihn vor allen Dingen eines: Dankbarkeit. Die Notsituation hätte in den meisten Menschen, mit denen er zu tun gehabt habe, das Beste herausgekehrt. Kein Ruf nach Hilfe sei je verhallt. Gab es Probleme, fand sich immer jemand, der zur Lösung beitragen konnte.

Wie die Stadt mit der Situation umgegangen sei, sei beispiellos. Die Ehrenamtlichen, Sprachhelfer, Mitarbeiter des DRK sowie die vielen Freiwilligen von Schorndorf hilft, die Kirchen, allesamt hätten sie angepackt, wo es nur ging. Hatten die Sozialarbeiter etwas gebraucht, war es oft Stunden später schon da. Und noch etwas hat Nabil El Tolony gelernt.

Alles, was groß und strahlend wird, fängt einmal klein an. Die Fahrradwerkstatt hatte mit drei rostigen Drahteseln gestartet. Die Zauberfaden-Werkstatt hat ihren Ursprung in zwei Nähmaschinen, die unter dem Schreibtisch des Sozialarbeiters auf eine neue Bestimmung warteten.

Ehrenamtliche und ihre Hilfe waren der Schlüssel zum Erfolg

Das ZIB, das Zentrum für internationale Begegnung, war ursprünglich ein bescheidener Weihnachtswunsch des Sozialarbeiters nach einem Aufenthaltsraum für seine Schützlinge. Mit der Hilfe der Stadt Schorndorf und der Rotarier konnte es das werden, was es heute ist. Mit „Schorndorf hilft“ – einer spontanen Idee von Jürgen Dobler - mauserte sich die DRK-Kleiderkammer zum zentralen Dreh- und Angelpunkt der Flüchtlingsversorgung.

El Tolony ist sich sicher, dass das Engagement der Ehrenamtlichen ein wichtiger Faktor dafür ist, dass es in Schorndorf zu keinen größeren Problemen bei der Unterbringung der Flüchtlinge in Massenunterkünften gekommen ist. „Das ist nicht unser Verdienst als Team alleine, ohne die Ehrenamtlichen und die Stadt hätten wir das nie geschafft.“

Angespannte Stimmung in den Gemeinschaftsunterkünften

Immerhin, die Stimmung in den Gemeinschaftsunterkünften sei oft angespannt gewesen. Schon der Einzug sei von Missmut geprägt gewesen: Die Flüchtlinge waren aus vollkommen überfüllten Erstaufnahmestellen hergebracht worden, hegten nun die Hoffnung, endlich eine entspanntere Form der Unterbringung zu finden – und kamen in Sporthallen. Massenunterkunft. Ständige Geräusche. Gerüche. Wenig Ruhe.

„Der Hunger nach Privatsphäre ist quasi täglich gestiegen“, erinnert sich El Tolony. Immer habe es geheißen, die Flüchtlinge würden baldmöglichst auf andere Unterkünfte verteilt werden. Dass „baldmöglichst“ heißen würde „im Sommer 2016“ konnte damals noch keiner ahnen.

Im Nacken eine unbändige Angst, dass der eigenen Familie etwas passieren könnte

Die Situation nagte an den Seelen der Bewohner. Vor allem diejenigen, die ihre Familie in Syrien kurz vor irgendeiner Grenze zurückgelassen hatten, seien ungeduldig geworden. Wie hätten sie denn ihre Lieben zu sich holen sollen, ohne eine Wohnung. Sie hingen in einer nicht enden wollenden Warteschleife – im Nacken eine unbändige Angst, dass der eigenen Familie etwas passieren könnte. Helfen können hätte von Deutschland aus keiner der Familienväter.

Die Halle – mit all ihren Geschichten – ist inzwischen Vergangenheit. Nun gehe es darum, Wohnungen für jene Geflüchtete zu finden, deren Familien nach Deutschland nachfolgen dürfen. Möglich wird es in Schorndorf unter anderem dadurch, dass die Stadt mit der Städtischen Wohnbaugesellschaft SWS als Mittler einspringt. So müssen die Mietverträge nicht mit den Asylbewerbern, sondern mit der SWS abgeschlossen werden. Das, so erklärt’s El Tolony, erhöhe die Bereitschaft der Vermieter ungemein. So gelinge es, die ehemaligen Flüchtlinge dezentral und in privaten Wohnungen unterzubringen. Das wiederum beuge der Ghettobildung vor.

"Wir haben die Wahl"

Integration – das sei die Herausforderung der Stunde. Man müsse der Tatsache ins Auge sehen. „Jetzt sind die Flüchtlinge da und wir haben die Wahl, entweder wir helfen ihnen, hier anzukommen, oder wir bekommen ein Problem. Wir haben die Wahl.“ Hat einer eine Beschäftigung, kann sein Geld selbst verdienen, steigt seine eigene Moral. Menschen, die keine Aufgaben haben, kämen viel leichter auf dumme Gedanken. Das weiß El Tolony ganz bestimmt.

Für nicht zielführend hält er, was einem jungen Gambier jüngst widerfuhr. Obwohl klar war, dass er kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht bekommen würde, gelang es ihm, einen Arbeitsplatz in einer Werkstatt zu finden. Er verdiente Geld, konnte seine Wohnung selbst bezahlen. Dann folgte das jähe Ende.

Ohne Wohnung, ohne Möglichkeit

Die Abschiebung in den sicheren Drittstaat. Nach eineinhalb Jahren. Nach Italien ging’s. Dort angekommen, war der junge Mann ohne Wohnung, ohne Möglichkeit, Geld zu verdienen. Er kannte die Sprache kaum, wusste nicht wohin. Er tat das Einzige, was ihm sinnvoll erschien: Er setzte sich in den Zug. Nach Hause. Zurück zu dem Ort, an dem er sich sicher fühlte. Drei Tage später stand er wieder in Schorndorf auf der Matte.

Das Asylverfahren startete von Neuem. Allerdings: Etwas Entscheidendes ist nun anders. Er hat keine Arbeitserlaubnis mehr – und das, obwohl sein bisheriger Chef ihn sehr gerne wieder im Team hätte. Aber es hilft nichts. Er darf kein eigenes Geld mehr verdienen. Und so zahlt eben wieder der Staat für einen jungen Mann, der eigentlich dabei war, sich zu integrieren und auf eigenen Beinen zu stehen.

Episode fürs Herz

Nabil El Tolony erinnert sich an eine alte Dame. Sie, die selbst einmal als Aussiedlerin nach Deutschland kam, konnte sich bestens in die Lage der Flüchtlinge hineinversetzen. Viel Geld hat sie bis heute nicht zur Verfügung. Aber fünf Euro hatte sie von ihrem eigenen Ersparten abgeknapst. Damit kam sie zu dem Sozialarbeiter ins Büro. Der schlug ihr vor, von dem Geld eine Tüte Brezeln zu kaufen. Die sollte sie dann einfach in einen Korb in seinem Büro legen, damit der nächste hungrige Flüchtling, der vorbeikommt, sich davon bedienen kann. Die Dame zog los und kam mit einer Tüte voll des salzigen Gebäcks wieder.

Gerade in diesem Augenblick kam eine Familie mit sechs Kindern in der Unterkunft an. Jedem der wirklich hungrigen Kinder konnte sie nun eine Brezel in die Hand drücken. Die Kleinen waren glücklich, der Mutter liefen vor Dankbarkeit Tränen über die Wangen, der alten Dame auch – vor Glück.