Die Flüchtlinge - eine Zwischenbilanz

Ein Amt lernt zu improvisieren

Fluechtlingsstab
Dr. Peter Zaar (rechts) und Melih Göksu vom Koordinierungsstab Flüchtlinge des Landratsamtes. © Palmizi / ZVW

Waiblingen. Schaffen wir das? „Wir haben’s eigentlich super geschafft“ bisher: eine Zwischenbilanz mit Dr. Peter Zaar und Melih Göksu vom Koordinierungsstab Flüchtlinge des Landratsamts.

Behörden sind schwerfällig, sie beherrschen das Routinegeschäft – aber wehe, diese seelenlosen Paragrafenreiter und Ärmelschoner sollen mal was anderes leisten als Business as usual ... So geht ein gängiges Vorurteil, und wenn die Flüchtlingsherausforderung eines gezeigt hat, dann dies: Das Klischee ist so was von falsch. In den vergangenen anderthalb Jahren haben Unmengen von Leuten in den Amtszimmern des Rems-Murr-Kreises, in Rathäusern von Fellbach bis Plüderhausen, den Ausnahmezustand bewältigt. Am Beispiel des Flüchtlingsstabes im Landratsamt lässt sich durchdeklinieren, was alles gut lief.

Erfolgsfaktor 1: Flexibilität

An einem Dienstag im September 2015 ging eine Mail um in der Belegschaft des Landratsamtes: Dr. Peter Zaar suchte dringend Leute, die für ein paar Tage als Sozialbetreuer in neu eröffneten Notunterkünften aushelfen. Das Rundschreiben las auch Melih Göksu, der in der Kfz-Zulassungsstelle arbeitete. Er dachte: Du sprichst türkisch, damit kannst du dich mit syrischen Flüchtlingen verständigen, du hast ein „Gefühl für die Mentalität“. Am Donnerstag derselben Woche stand er in der Waiblinger Ameisenbühlturnhalle – und wenige Tage später berief Zaar ihn gar in den Koordinierungsstab Flüchtlinge. Göksu wunderte sich: „Hä? Ich hab doch keinen gehobenen Verwaltungsdienst.“ Aber Zaar fand, dass „herkömmliche Strukturen das nicht mehr schaffen“, zum Team sollten neben Verwaltern und Juristen auch „junge Wilde“ gehören mit „interkultureller Kompetenz“.

Erfolgsfaktor 2: Improvisation

Ende 2015 kamen pro Woche 250 Flüchtlinge in den Rems-Murr-Kreis, das war die Normalzuweisung vom Land – und kaum war es dem Stab gelungen, genug Unterkünfte bezugsfertig zu machen, setzte es eine „Sonderzuweisung“: Nehmt bitte noch mal 100. „Um Gottes willen, was machen wir jetzt?“ Es war die Zeit, da Betten- und Matratzenproduzenten in Liefernöten steckten und „alle Landkreise sich gegenseitig anriefen“: Könnt ihr uns was leihen? Nein, und ihr uns? „Wir haben Gott und die Welt angehauen“, die Lufthansa wegen Schlafmasken, die Bundeswehr wegen Feldbetten, und Mutter Göksu sammelte bei Bekannten und Verwandten so viele Altkleider, dass der Sohn mit bis unters Dach vollem Auto zur Arbeit fuhr. Und dann: Freitagnachmittag, Woche bewältigt, durchatmen – bis das Telefon klingelt. Großschlägerei in der Backnanger Notunterkunft, zwei Schwerstverletzte, extrem dicke Luft zwischen der Mehrheit der Syrer und acht jungen Afghanen. Die bis Montag unbeaufsichtigt beieinanderlassen? Heikel. „Wir haben kurz entschlossen die acht in einem günstigen Hotel eingebucht fürs Wochenende.“

Erfolgsfaktor 3: Planung

Neben dem anpackenden Pragmatismus der jungen Wilden gab es im Stab auch das geballte Verwaltungswissen der alten Hasen. Vor allem der damalige, unlängst überraschend verstorbene Stabschef Bernd Friedrich habe dafür gesorgt, dass selbst „in den anspruchsvollsten Zeiten“ die Abrechnungen stimmten, die Prognosezahlen ausgewertet wurden und der statistische Überblick nie verloren ging. Ergebnis: Der Rems-Murr-Kreis hat die ihm zugewiesenen Kontingente „fast immer punktgenau“ untergebracht und keinen „Rückstau“ angehäuft. Während andere Landkreise derzeit Altschulden begleichen müssen, kommen an Rems und Murr momentan kaum Flüchtlinge.

Erfolgsfaktor 4: Offenheit

Es gab nicht wenige Tage, da die Leute vom Koordinierungsstab von morgens um acht bis abends um sieben arbeiteten – und danach in eine Gemeindehalle hechelten, besorgten Anwohnern „erklärten, was wir planen“, um Verständnis warben für neue Unterkünfte. Manchmal nahmen sie kurzerhand einen Flüchtling mit aufs Podium, der aus seinem Leben erzählte. Es war ein „Erfolgsrezept, dass wir keine Berührungsängste hatten“, sagt Göksu; auch nicht gegenüber der Presse: Ein Newsletter informierte regelmäßig zahlensatt über aktuelle Erfolge und Nöte, Medienvertreter durften in Turnhallen ein- und ausgehen, sich ein eigenes Bild machen, mussten nie das Gefühl haben, hier würden Probleme verheimlicht.

Ein Gemeinwesen wächst über sich hinaus

Manchmal wankte Peter Zaar abends platt nach Hause, wollte nur noch an was ganz anderes denken, schaltete den Fernseher ein – und „Maybrit Illner diskutiert über die Flüchtlingskrise“. Es war „eine spannungsreiche Zeit. Aber auch schön!“ Schön, den Samstag zu genießen, wenn es am Freitagnachmittag noch gelungen ist, „vier Flüchtlingskindern einen Kindergartenplatz zu organisieren“; schön, so etwas wie gesellschaftlichen Teamspirit spüren zu dürfen; Polizisten, Schulleiter, Kollegen anderer Behörden, Bürgermeister, die vielen ehrenamtlichen Helfer – alle einte das Gefühl: „Wir müssen gemeinsam ein Stück weit über uns hinauswachsen.“

Alle Flüchtlinge im Kreis sind registriert

Dieser Tage wird die letzte Notunterkunft geräumt, alle Flüchtlinge im Kreis sind registriert, „wir wissen, wer bei uns ist, die Akten sind geordnet“. Die Arbeit wird jetzt nicht ausgehen, nicht im Baurechts-, nicht im Jugend-, nicht im Sozial- und nicht im Ausländeramt, nicht in der Abteilung Beschaffungswesen und nicht in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit. Die Integration der Flüchtlinge bleibt eine Jahrzehntaufgabe. Aber zu wissen, dass „wir’s eigentlich super geschafft“ haben bisher, macht Mut für die Zukunft.

Abschiebungen

134 Abschiebungen aus dem Rems-Murr-Kreis gab es im Jahr 2016 – und fast dreimal so viele „freiwillige Rückkehren“, nämlich 359. Das hat mit der erfolgreichen Rückkehrberatung des Landratsamtes zu tun, obwohl lediglich zwei Kollegen das neben ihrer anderen Arbeit machen. Dr. Peter Zaar erklärt das Prinzip: Im Grunde sei „jede Abschiebung eher ein Misserfolg“, denn wenn nachts Polizei anrückt und Ausreisepflichtige zum Flugplatz bringt, sei dies „nicht die ideale Form der Ausreise“, weder humanitär noch finanziell. Billiger und menschlicher ist es, Leuten, die absehbar keine Chance auf ein Bleiberecht haben, im klärenden Gespräch „deutlich zu machen“, dass eine ordentlich organisierte freiwillige Rückkehr vernünftig ist.

Grafiken und mehr

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