Vier Wochen vegan

Können Veganer wirklich die Welt retten?

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Essen konnten die Besucher der „Veggie & frei von“ in allen Variationen – natürlich rein pflanzlich. © Sarah Utz

Waiblingen/Stuttgart. Den Rundgang über die „Veggie & frei von“-Messe nutze ich, um einige Fragen zu stellen, die mir schon seit längerer Zeit durch den Kopf gehen. Kann vegane Ernährung wirklich die Welt verbessern? Und was soll eigentlich mit den Abermillionen von Nutztieren passieren, wenn auf einmal alle Menschen vegan essen?

Video: 360°-Rundgang über die "Veggie & frei von"-Messe

So viele Erfolgsgeschichten über rein pflanzliche Ernährung sich im Internet finden, genauso viele kritische Berichte kursieren auch. Vegane Ernährung sei unnatürlich, der Mensch sei nicht dafür geschaffen. Das zeige sich schon daran, dass bei einer rein pflanzlichen Ernährung Nahrungsergänzungsmittel zugeführt werden müssten, ist beispielsweise zu lesen.

Auch wird Veganern vorgeworfen, sie seien zu kurzsichtig, eine rein pflanzliche Ernährung mache die Welt nicht besser, sondern sogar schlechter. Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind hier die Stichworte. Beispielsweise kritisierte Spitzenköchin Sarah Wiener in einem Gastbeitrag für ein Zukunftsmagazin: „Auch vegane Industrieprodukte lassen Böden erodieren, versauen das Klima und vergiften das Wasser.“

Zudem bleibt die Frage, was mit den Tieren geschehen soll, die heute als Nutztiere gehalten werden, wenn plötzlich alle Menschen vegan äßen – und wovon die Landwirte leben sollen, die bislang ihr Geld mit der Nutztierhaltung verdient haben. Erst kürzlich hatte der Geschäftsführer des Wurstherstellers Rügenwalder Mühle, Christian Rauffus, in einem Zeitungsinterview angekündigt, in den kommenden Jahren Fleisch durch vegetarische Zutaten ersetzen zu wollen – und damit unter Landwirten einen Protest ausgelöst. Auf sozialen Netzwerken riefen Schweinebauern zum Boykott auf.

1. Ohne wenigstens Vitamin B 12 zuzuführen, kommen Veganer nicht aus. Bedeutet das nicht, dass eine rein pflanzliche Ernährung unnatürlich und der Mensch nicht dafür geschaffen ist?

Es stimme schon, dass jeder Veganer Vitamin B 12 supplementieren sollte, sagt Zsuzsanna Banvölgyi-Stadler. „Aber was viele nicht wissen, ist, dass auch Nutztieren meist Vitamin B 12 zugefüttert wird, Fleischesser das Nahrungsergänzungsmittel also nur auf einem Umweg zu sich nehmen“, erläutert die als „Leckerschmecker Küchenfee“ bekannte Waiblinger Veganerin. Diesen Fakt bestätigt die Albert- Schweitzer-Stiftung auf ihrer Internet-Seite: „Bevor man aus der B-12-Thematik ein Argument gegen die vegane Ernährung macht, sollte man bedenken, dass ,Nutztier’-Futter meistens mit verschiedenen Vitaminen und Mineralstoffen angereichert wird – u. a. mit Vitamin B 12“, heißt es dort.

2. In Deutschland werden in der Landwirtschaft derzeit laut Angaben des Statistischen Bundesamtes etwa 12,6 Millionen Rinder, 27,1 Millionen Schweine, 1,6 Millionen Schafe und 39,6 Millionen Legehennen gehalten. Was soll mit ihnen passieren, wenn sich auf einmal alle vegan ernähren? Sollen sie freigelassen werden? Oder gar getötet?

Die Küchenfee Banvölgyi-Stadler sagt: „So eine Entwicklung passiert nicht von heute auf morgen.“ Der Umstieg sei ein langwieriger Prozess, nach und nach könnten weniger Tiere gezüchtet und so die Bestände abgebaut werden. Natürlich wisse sie aber auch, dass das ein wenig utopisch sei. So sieht das auch Julia Schneider vom Vegetarierbund Deutschland (Vebu): „Es geht gar nicht um Extreme, jeder Schritt in Richtung vegane Ernährung und weniger Tierleid ist doch schon hilfreich.“

3. Aber was ist mit den Landwirten, die von der Tierzucht, der Fleisch- oder Milchproduktion leben? Ihnen würde die Existenzgrundlage genommen, wenn alle Menschen auf vegane Ernährung umstiegen.

Eine Lösung könne beispielsweise sein, die Gelder, die derzeit in die Fleisch- und Milchproduktion fließen, anders zu investieren, sagt Banvölgyi-Stadler. „Die Milliardensubventionen könnten dazu verwendet werden, die Bauern bei ihrem Umstieg zu unterstützen“, schlägt sie vor. Ähnliche Projekte gebe es in Deutschland bereits im Kleinen. Julia Schneider sagt, sie könne die Sicht der Bauern gut verstehen. „Erst kürzlich habe ich mich mit einem Schweinezüchter unterhalten“, berichtet sie. „Der liebt seine Tiere auch wirklich und sorgt sich um sie.“ Es sei eben nicht immer alles schwarz oder weiß.

4. Vegane Ernährung ist schlecht fürs Klima. Viele vegane Gerichte basieren auf exotischen Zutaten wie Kokosmilch, Mango oder Zitronengras. Vegan und regional geht doch gar nicht. Und für den Anbau von Sojabohnen wird der Regenwald abgeholzt – durch den Verzehr von Tofu schaden Veganer also dem Klima.

Auf den Flächen, die für die Sojaproduktion abgeholzt werden, wird zu 90 Prozent Tierfutter angebaut, stellt Schneider vom Vebu klar. „Der Tofu, der in unseren Nahrungsmitteln landet, wird ganz überwiegend in Europa angebaut“, sagt sie. Beispielsweise am Bodensee, im Hunsrück und in Österreich gebe es große Sojafelder. Dass vegane Ernährung auch regional und saisonal möglich ist, davon kann ich mich auf der „Veggie & frei von“ selbst überzeugen: Es gibt beispielsweise mit Kürbis und Apfel gefüllte Tortellini, Säfte von heimischen Streuobstwiesen oder Eis aus Zutaten, die überwiegend aus der Region stammen.

5. Vegane Ernährung kann das Problem des Welthungers nicht lösen: Menschen, die sich heute nichts zu essen leisten können, könnten es doch auch nicht, wenn die ganze Menschheit sich rein pflanzlich ernährte.

Zahlreiche Ackerflächen in der dritten Welt, sagt Zsuzsanna Banvölgyi-Stadler, werden derzeit für den Anbau von Futtermitteln genutzt. „Wenn die Menschen dort Nahrung für sich und ihre Familie anbauen könnten, wäre vielen schon geholfen.“ Aber natürlich, gibt sie zu bedenken: „Unseren Reichtum hier gibt es nur, weil andere ausgebeutet werden.“ Solange sich am gesamten System nichts ändere, könne auch die vegane Ernährung alleine nicht die Welt retten – ein wenig Politik gehöre schon noch dazu.

Vegan im Rems-Murr-Kreis

Auch mehrere Aussteller aus dem Rems-Murr-Kreis sind auf der Messe „Veggie & frei von“ vertreten.

Veganes und glutenfreies Eis produziert das Winterbacher Unternehmen „Bruna natürlich Eis“ – alles handgemacht und aus möglichst regionalen Zutaten, wie die Inhaberin Angelika Bruna erklärt.

Süßes in allen Variationen von Cookie bis Cremetorte gibt’s am Stand von Zsuzsanna Banvölgyi-Stadler aus Waiblingen. Als „Leckerschmecker Küchenfee“ vertreibt sie Backwaren und bietet Kochkurse und Catering an.

„Grün Gesund Glücklich“ heißt das Motto und die Firma von Silvia Lehmann aus Weinstadt. Bei ihr gibt’s grüne Smoothies und Vitalkost – alles vegan und rohköstlich und ebenfalls als Catering.

Gesunde Snacks verkauft der Online-Shop „Snackbaron“ von Zainab Shah. Auf ihrem Messestand türmen sich Kokosbällchen, Kürbischips und Kekse aus Datteln und Nüssen.

Vegane Säfte präsentiert das Unternehmen „Streker Natursäfte“ aus Aspach.