Vier Wochen vegan

Lebe vegan. Und alle nehmen Anteil

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Zu Gast beim veganen Stammtisch: Maria Alexander, Alexandra Mersiovsky, Claudia Bihlmaier und Nadja Mersiovsky lassen’s sich schmecken. © Gabriel Habermann / ZVW

Waiblingen. Bei einem veganen Stammtisch treffe ich nette Menschen und hole mir jede Menge Tipps. Trotz Umzugsstress läuft mein Selbstversuch auch in der dritten Woche gut. Schwierig ist es allerdings auf den German Masters in der Schleyerhalle – und in der Nähe von Rührei.

Video: Liviana Jansen zieht Bilanz über die dritte Woche als Veganerin

„Natürlich sind vegane Ersatzprodukte nicht unbedingt gesund“, sagt Maria Alexander. „Aber ich mache das ja auch nicht in erster Linie wegen der Gesundheit, sondern wegen der Tiere“, pflichtet ihr Nadja Mersiovsky bei. Und, ergänzt Alexandra Mersiovsky, Fleisch und Wurst seien ja auch nicht unbedingt als besonders gesund bekannt. Ich treffe die drei beim Veganer-Stammtisch im Restaurant „Gaja’s Welt“ - ehemals „Schwobastüble“ - in Ebni. Das Ausflugslokal ist ein Familienbetrieb, den Claudia Bihlmaier in vierter Generation führt. Schon länger wird bei ihr nur vegetarische und seit einem Jahr rein pflanzliche Kost serviert. Ein veganes Restaurant mitten in der Provinz, für mich ein tolles Erlebnis: Zum ersten Mal seit Beginn meines Selbstversuchs kann ich mir einfach aussuchen, was mir schmeckt - ohne auf die Zutaten achten zu müssen. Ich entscheide mich für ein Gulasch mit Kartoffelecken.

Überzeugte Veganer ernähren selbst ihre Haustiere vegan

Nadja und Alexandra Mersiovsky sind überzeugte Veganer. Sie ernähren sogar ihre Hunde vegan. Das sei kein Problem, erklären sie mir, denn: „Der Hund ist ja schon seit Jahrtausenden domestiziert und wurde häufig mit Küchenabfällen gefüttert. Daran hat sich sein Verdauungssystem angepasst.“ Ihre zweieinhalbjährige Hündin Sofie scheint ihnen recht zu geben. Sie isst seit 14 Monaten vegan und gewinnt internationale Windhundrennen. „Wenn mir jemand sagt, das sei nicht natürlich, der Hund stamme vom Wolf ab und brauche Fleisch, dann antworte ich ihm: Wir stammen auch vom Affen ab. Siehst du mich auf Bäume klettern und Rinde nagen“, erklärt Alexandra, wie sie Kritikern begegnet. Ohnehin schildern alle drei, sie hätten sehr häufig das Gefühl, sich für ihre Lebensweise rechtfertigen zu müssen. Da kann ich ihnen nur zustimmen: Seit Beginn meines Experiments ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht irgendjemandem habe erklären müssen, wieso ich das mache, dass ich noch keine Mangel- oder Ausfallerscheinungen habe und dass es für mich derzeit auch kein schwieriger Verzicht, sondern vielmehr bereichernd ist. „Ich sage dann immer: Ich kann alles essen, aber ich will es nicht“, gibt mir Alexandra als Ratschlag mit auf den Weg. Und Maria ergänzt: „Warum streicheln wir die einen, aber essen die anderen? Das ist doch nicht logisch. Tier ist Tier.“ Dann doch lieber ganz auf Tierisches verzichten, sagt die Ernährungsberaterin, die zu Hause für ihren Mann vegetarisch und für sich selbst vegan kocht.

"Nach ein paar Wochen kommt der ganze Scheiß raus"

Zeit, mir ein paar Tipps zu holen. Nicht nur zu veganen Ersatzprodukten („Diese Schokolade musst du unbedingt probieren, die ist sooo lecker!“ und „Es gibt einen veganen Parmesan, der ist von echtem fast nicht zu unterscheiden“), sondern auch zu einem Thema, das mich seit einiger Zeit umtreibt. Zu meiner Haut. Denn was mir sofort aufgefallen ist: Alle hier haben tolle, reine Haut. Meine eigene hingegen explodiert derzeit förmlich: Auf meiner Stirn, am Kinn und am Hals breiten sich Pickelchen aus. Kommt das von der veganen Ernährung? Das sei ganz normal, versichert mir Nadja. Bei ihr sei das am Anfang genauso gewesen. Oder: „Nach ein paar Wochen kommt der ganze Scheiß raus“, wie Alexandra es ausdrückt. Na, wollen wir es hoffen.

Am nächsten Tag wird mein Durchhaltevermögen auf eine harte Probe gestellt. Konnte ich morgens beim Bäcker noch einen veganen Apfelkuchen (Fazit: zimtig und lecker!) ergattern, wird es tagsüber und abends umso schwieriger. Bei den German Masters, dem großen alljährlichen Reitturnier in der Stuttgarter Schleyerhalle, ist veganes Essen rar. Mein einziger Lichtblick: Pommes mit Ketchup. Und die veganen Würstchen, die ich mir selbst mitgebracht habe. „Ist das auch vegan“, ruft es plötzlich von der Seite, als ich eines dieser an Wienerle erinnernden Ersatzprodukte an den Mund führe. Es ist ein Bekannter, der mein Experiment offenbar auf Facebook verfolgt und sich um meine Willensstärke sorgt. Spätestens als mich meine frühere Chefin Steffi Lempart auf mein Experiment anspricht („Oh, du Arme!“), wird mir klar: Anscheinend nehmen alle Anteil, wie auch immer der geartet sein mag. Übrigens auch die Peta. Denn die, oder besser gesagt, eine Dame von der Unternehmenskommunikation, schreibt mir einige Tage später eine E-Mail und bedankt sich für meine ausführliche Berichterstattung zum Thema.

Sehnsucht nach Ei

Trotz Vor-Umzugsstress verläuft auch der Rest der dritten Woche meines Vegan-Experiments weitgehend ohne Komplikationen. Ich probiere einige Gerichte aus – vegane „Schinkennudeln“: lecker! Vegane Schokolade: sehr lecker! Auch für den veganen Käse, der seit meinem ersten Geschmackstest im Kühlschrank auf seinen Einsatz wartete, finde ich Verwendung: als Topping auf gebackenem Spaghettikürbis mit Tomatensoße. Da ist er gar nicht so schlimm, aber immer noch weit entfernt von lecker. Richtig schwierig wird das vegane Leben lediglich in der Nähe von Rührei: Schon am Londoner Hotelbuffet hatte ich mich nur schwer beherrschen können, nun scheint der Eierkarton in der Küche förmlich meinen Namen zu rufen - und der vegane Ei-Ersatz scheint mir immer noch keine vernünftige Lösung. Auch der Geruch von kross gebackenem Käse macht mir das Leben schwer: Welches rein pflanzliche Produkt könnte mir das ersetzen?