Menschen im Fadenkreuz

Politiker Nikolaos Sakellariou stand auf einer NSU-Feindesliste – warum er heute die AfD verhindern will

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Ein AfD-Wahlplakat. © ZVW/Gabriel Habermann

„Ich kann mich erinnern, ich glaube ich bin von der Polizei informiert worden in einem Schreiben – und habe natürlich erstmal einen kleinen Schreck bekommen“, sagt Nikolaos Sakellariou.

Der SPD-Politiker und Anwalt, der im Stadtrat von Schwäbisch Hall sitzt, stand im sogenannten „Telefonbuch für Deutschland“. Was nach einem harmlosen Nachschlagewerk klingt, ist eine Feindesliste der rechtsextremen Terrorgruppe NSU.

Die NSU-Liste: Antifa-Bäpper an der Kinderzimmertür

Sakellariou erfuhr davon während seiner Zeit im baden-württembergischen Landtag, wo er von 2001 bis 2016 Abgeordneter war. „Die erste Reaktion war, dass meine Kinder auf ihre Kinderzimmertüren irgendwelche Antifa-Aufkleber gebäppt haben“, so Sakellariou.

Er selbst habe sich gefragt: Wie real ist die Bedrohung? Damals war über den NSU, der für zahlreiche Morde, mehrere Anschläge und Überfälle verantwortlich ist, sehr viel weniger bekannt, als wir heute wissen.

„Ich habe dann mal geschaut, wer sonst noch alles so auf der Liste war. Dann habe ich gemerkt: das war ziemlich wahllos, ziemlich ziellos.“ Auch sein FDP-Kollege Walter Döring, damals Landeswirtschaftsminister, habe auf der Liste gestanden. „Wahrscheinlich, weil die Herrschaften aus dem O-Umlaut den Schluss gezogen haben, dass er türkische Wurzeln haben muss. Insofern habe ich dem dann keine so große Bedeutung mehr beigemessen.“

Damals war über den NSU sehr viel weniger bekannt als heute. Sakellariou hat sich als Obmann seiner Partei im ersten baden-württembergischen NSU-Untersuchungsausschuss ab 2014 selbst ausgiebig mit den Taten der Terrorgruppe beschäftigt. Vor allem mit der Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter am 25. April 2007 auf der Theresienwiese in Heilbronn.

„Heute ist man eine Zielscheibe“: Der raue Ton und die surfenden Querdenker

Die Bedrohung von Politikerinnen und Politikern durch Rechtsextreme begann nicht mit dem NSU, und endete auch nicht mit dessen Selbstaufdeckung. 2019 wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke (CDU) auf seiner Terrasse von einem Rechtsextremisten ermordet.

Nikolaos Sakellariou hat seit seinem Auftauchen auf der NSU-Feindesliste keine vergleichbaren Erfahrungen mehr machen müssen, sagt er. Aber ihn beunruhigt, dass der Ton gegenüber Politikern deutlich rauer geworden sei – in der gesamten Gesellschaft.

Nikolaos Sakellariou SPD Schwäbisch Hall
Nikolaos Sakellariou, SPD-Stadtrat und Anwalt aus Schwäbisch Hall. © Nikolaos Sakellariou

Bürgermeister, Kreis-, Stadt- und Gemeinderäte aus dem Rems-Murr-Kreis hatten unserer Redaktion in den vergangenen Jahren immer wieder über Anfeindungen, Drohungen und Angriffe berichtet. Umfragen zeigen: Kommunalpolitiker in anderen Teilen Deutschlands erleben Ähnliches.

„Stadtrat in einer Stadt zu sein, das war etwas Besonderes“, erinnert sich Nikoalos Sakellariou an die Zeit vor zweiundzwanzig Jahren, als er das erste Mal dieses Amt bekleidete. „Heute ist man eine Zielscheibe.“ Egal, um welches Thema es ginge, würde Politikern überzogene Kritik entgegenschlagen, die immer „gnadenloser“ werde.

Querdenker „surfen praktisch auf dieser Welle“, sagt Sakellariou. „Die wissen genau, die Stimmung ist aufgeheizt, aggressiver, brutaler. Und sie müssen sich nur noch auf die Welle draufsetzen, um mit ihren Zielen in die richtige Richtung – aus ihrer Sicht – zu treiben.“

Die AfD verhindern: „Die Parolen sind menschenverachtend.“

Auf die Frage, wie er die rechte Szene in der Region einschätzt, sagt Sakellariou, man könne heute von Stuttgart und Umgebung nicht mehr als Szene-Hochburg sprechen. Da habe es schlimmere Phasen gegeben. Aber er sei immer noch „erschüttert“, wie viele Stimmen die AfD in seinem Wahlkreis bekomme.  

Er selbst sei 2021 noch einmal zur Landtagswahl angetreten, weil er unbedingt einen AfD-Politiker hatte verhindern wollen – was ihm nicht gelang. „Das treibt mich um und stimmt mich traurig“, hatte er uns bei einem Telefongespräch vor einigen Wochen gesagt.  

Wir haken nach: Warum war es ihm so wichtig? Der SPD-Politiker findet deutliche Worte.

„Die Parolen spalten und sind menschenverachtend. Und wenn solche Leute mit solchen menschenverachtenden und spalterischen Parolen von unsrer Bevölkerung in ein solches Amt gewählt werden, verstärkt sich der Effekt“, sagt Sakellariou.

Auch mit seinem Bild der „prosperierenden“ und „wunderschönen“ Region bringe er eine starke AfD nicht zusammen.

„Ausgerechnet dort, wo am wenigsten Flüchtlinge untergebracht worden sind, kommen dann unglaubliche Stimmenergebnisse für AfD-Abgeordnete, die ich auch persönlich als unterbelichtet bezeichnen würde“, sagt Sakellariou.„Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie unsere Region solche Leute in den Landtag schicken kann. Das tut mir persönlich weh.“

Wenn er sich vorstelle, dass seine Enkelkinder einmal den Landtag besuchten und dort von einem AfD-Politiker begrüßt würden, der ihnen seine Sicht der Dinge erzählt, werde ihm „speiübel.“

Projekt, Podcast und Ausstellung

Dieses Gespräch ist im Rahmen des Projekts „Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors“ zustande gekommen. Die komplette Unterhaltung können Sie hier nachhören.

„Menschen – Im Fadenkreuz des rechten Terrors” ist einer Kooperation elf renommierter Regionalmedien in Zusammenarbeit mit dem Weissen Ring e.V., unter Leitung des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV.

Die Ausstellung zum Projekt ist vom 22. bis 29. August im Rems-Murr-Kreis zu sehen. Alle Infos unter zvw.de/menschen-im-fadenkreuz oder www.menschen-im-fadenkreuz.de.