Menschen im Fadenkreuz

Schorndorf/Winnenden/Waiblingen: "Hier wird bald etwas explodieren" – Wie Rechtsextremismus uns alle bedroht

CORRECTIV Menschen im Fadenkreuz Schorndorf Ausstellung
Die Ausstellung "Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors" auf dem Marktplatz in Schorndorf. © ZVW/Gabriel Habermann

Mittwoch, 24. August, Marktplatz Schorndorf: "Hier wird bald etwas explodieren, glauben Sie mir.“ Was die Frau sagt, die am Stand der Ausstellung „Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors“ steht, klingt wie eine Mischung aus Prophezeiung und Drohung.

Ob sie mit dem „Hier“ den Marktplatz in Schorndorf, oder ganz allgemein Deutschland meint, erschließt sich aus dem Kontext ihrer darauffolgenden 15-minütigen rassistischen Hassrede nicht. Sie zeigt auf die überlebensgroßen Porträts, die an diesem Tag vor der Fachwerkkulisse der Stadt zu sehen sind, und sagt: „Ich kann verstehen, dass diese Leute solche Listen machen.“

Rechtsextremismus: Aufmerksam machen, so zentral wie möglich

„Diese Leute“, das sind Rechtsextremisten. Solche Listen, damit sind sogenannte „Feindeslisten“ gemeint. Eine Bedrohung, auf die die Ausstellung des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv in Zusammenarbeit mit dem ZVW und weiteren Regionalmedien sowie dem "Weißen Ring" aufmerksam machen will. An zentralen Plätzen.

Äußerungen wie die der Frau in Schorndorf könnten als Hinweis darauf gelesen werden, wie wichtig das ist.

Sophia Stahl ist Volontärin bei Correctiv und hat sowohl journalistisch als auch organisatorisch an „Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors“ mitgewirkt. Bei dem Projekt sei es Correctiv darum gegangen, die Kontinuität rechten Terrors in Deutschland aufzuzeigen, sagt sie. „Aber mit einem neuen Fokus, damit die Leute vielleicht einen anderen Zugang dazu bekommen.“

„Wichtig war vor allem der Perspektivwechsel hin zu den Betroffenen, weg von den Tätern“, sagt Sophia Stahl. Der Fotograf Ivo Mayr hat 57 Menschen porträtiert, die auf sogenannten „Feindeslisten“ stehen.

Was sind „Feindeslisten“? Eine kurze Einführung

Was sind das für Listen? Man könne zwischen verschiedenen Zwecken von „Feindeslisten“ unterscheiden, sagt Sophia Stahl.  

Es gebe „interne ‚Feindeslisten‘“, die Rechtsextremisten untereinander austauschen würden um sich gegenseitig auf bestimmte Personen aufmerksam zu machen. Beispiele hierfür: die Listen der Terrorgruppen NSU und Nordkreuz.

„Dann gibt es auch aber so was wie ‚Pranger‘, die im Internet veröffentlicht werden und mit denen Leute zur Schau gestellt werden sollen.“ Ziel sei es, möglichst viele Menschen zu erreichen – „und das ist natürlich besorgniserregend.“

Ein Problem dabei sei, dass die Betreiber solcher Internetseiten nur schwer zu fassen seien. „Und dass selbst wenn eine dieser Internetseiten mal gelöscht wird oder nicht mehr zugänglich ist, die Namen immer weiter kursieren.“

CDU-Politiker Walter Lübcke, damals Regierungspräsident in Kassel, wurde 2019 von einem Rechtsextremisten auf der Terrasse seines Wohnhauses mit einem Kopfschuss getötet. Er stand zeitweise auf einem solchen Online-Pranger – demselben, auf dem noch heute der Journalist Alfred Denzinger aus Rudersberg steht.

Die Menschen im Mittelpunkt: Es kann jeden treffen

Alfred Denzinger ist einer der 57 Menschen, die ihm Rahmen des Projekts porträtiert wurden. Sie erzählen den Besuchern der Ausstellung in Form von Zitaten aus ihrem Leben. Ganz alltägliche Geschichten, Sorgen, Wünsche, Hoffnungen.

Die Betonung des Projekts liege auf dem Wort „Menschen“, sagt Stahl, „weil wir zeigen wollten, was uns am allermeisten verbindet: Das Menschsein.“ Und jeder Mensch könne in das Visier von Rechtsextremen gelangen.

Trotzdem ließen sich bei der Recherche zu „Feindeslisten“ auch immer wieder konkrete Feindbilder beobachten, sagt Stahl. Die Menschenfeindlichkeit beschränkt sich dabei nicht auf Rassismus und Antisemitismus.

„In letzter Zeit geraten zum Beispiel vermehrt Feministinnen oder auch Wissenschaftler auf solche Listen“, sagt Stahl. Diese tauchten zum Beispiel auf Dokumenten auf, die in Corona-Leugner-Netzwerken verbreitet würden.

Und: Nicht immer ist ersichtlich, warum ein Mensch auf einer rechtsextremen Feindesliste steht. Einige haben erst im Rahmen des Projekts „Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors“ überhaupt davon erfahren. Die Behörden hatten sie nicht informiert.

Das Projekt und die Ausstellung

Um die Ausstellung herum liefern Recherchen des Teams von „Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors“ – zum Beispiel im gleichnamigen Buch oder dieser Zeitung – einen vertiefenden Einblick. Zur Kontinuität rechten Terrors, zu aktuellen Auswüchsen, zum Umgang mit der Bedrohung.

Die Ausstellung ist ab Donnerstag, 26., bis Sonntag, 29. August, in Waiblingen auf dem Alten Postplatz zu sehen.

Am Donnerstag um 15 Uhr findet dort ein Live-Talk mit Sophia Stahl und den Redakteuren Peter Schwarz und Alexander Roth statt. Anmeldung unter Angabe von Adresse und Kontaktdaten an online@zvw.de. Bitte beachten Sie, dass keine Sitzplätze zur Verfügung stehen werden.