Zuckerfrei

Selbstversuch: 40 Tage ohne Zucker

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Zuckerfasten
Liviana Jansen: 40 Tage zuckerfrei. © Palmizi / ZVW
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An Ostern locken wieder Schoko-Eier. © Zürn / ZVW

Waiblingen. Jambo, Goededag und Alaaf! Eine Afrikareise, eine Frittenbude und das Karnevalswochenende haben Spuren hinterlassen. Nicht nur in Form von dunklen Ringen unter meinen Augen, sondern auch in dem einen oder anderen unerwünschten Ring um die Taille. Höchste Zeit, da etwas zu ändern – es lebe die Fastenzeit.

Im Video: Liviana Jansen fastet und versucht bis Ostern ohne Zucker auszukommen

Ich war dreieinhalb Wochen lang in Afrika unterwegs. Das war toll. Aber neben vielen schönen Bildern und Erinnerungen habe ich auch ein paar unliebsame Begleiter von meiner Reise mitgebracht. Zwei oder drei zusätzliche Kilos, die den Zeiger der Waage weiter als gewohnt ausschlagen lassen.

Der Übeltäter ist schnell identifiziert: Softdrinks. Die sind zwar einerseits klasse, weil verlässlich: Sie schmecken immer, sind, in Flaschen oder Dosen abgefüllt, hygienisch unbedenklich – und in Afrika häufig auch das Einzige, was gekühlt zu haben ist. Andererseits aber, als Quasi-Grundnahrungsmittel eingesetzt, auch extrem hinterhältig.

Der Körper bekommt seine tägliche Dosis Süßes

Denn der Körper gewöhnt sich daran. Meiner zumindest. Wieder zurück in Deutschland tut er alles, um sein erhöhtes Zucker-Level zu erhalten: „Zucker!“, verlangt er, sobald ich ihm nicht genug zuführe. Und obwohl die Hosen kneifen, will es mir nicht recht gelingen, ihm diesen Wunsch zu versagen. Er gewinnt, bekommt seine tägliche Dosis Süßes. Was soll’s.

Dass ich an Karneval eine Freundin in Köln besuche, hilft da nicht gerade. Als Halbkölnerin (meine Mutter kommt aus der schönen Stadt am Rhein) ist es für mich Pflicht, nicht nur den Kneipenkarneval, sondern auch den Straßenkarneval mitzunehmen. Also auch den Rosenmontagszug. Und da geht’s ja bekanntlich um – nein, nicht um die Wagen und auch nicht um die „Strüßje“ (Blumensträußchen), die man gegen „Bützje“ (Küsschen auf die Wange) bekommt, sondern vor allem um eins. Richtig, um „Kamelle“, Süßigkeiten eben.

Softdrinks, Kamelle und Fritten haben ihre Spuren hinterlassen

Ebenfalls nicht der gesunden Ernährung zuträglich ist die holländische Frittenbude bei meiner Freundin um die Ecke, wo es die besten Pommes Kölns, wenn nicht der ganzen Welt gibt. Besonders lecker in der Variante mit scharfer Mayo und Ketchup.

Wir werden dort am Karnevalswochenende Stammkundinnen. Kurz und gut: Softdrinks, Kamelle und Fritten haben ihre Spuren hinterlassen. Höchste Zeit, etwas zu tun. Wie gut, dass es die Fastenzeit gibt. Fast jeder in meinem Umfeld möchte in dieser Zeit auf irgendetwas verzichten. Das schafft Gemeinschaft – und den nötigen sozialen Druck. Mein Plan: 40 Tage lang will ich auf Zucker und Süßes verzichten.

Der gute alte Getreidekaffee

Den Druck kann ich gleich am ersten Tag gut brauchen, denn morgens in der Küche erwartet mich eine böse Überraschung: die leere Kaffeedose. Oh je. Wenn ich schon ohne Zucker in den Tag starten muss, dann doch bitte mit Kaffee. Doch die Inspektion der Küchenschränke ergibt: Das Einzige, das im Haus ist, ist Cappuccino-Pulver in Portionspäckchen. Und das ist gesüßt. Also muss der gute alte Getreidekaffee herhalten. Ohne Milch und Zucker schmeckt der aber leider, na ja.

Nach diesem Rückschlag geht’s erst mal wieder aufwärts: Statt Süßigkeiten gibt es frische Früchte. Ja, die enthalten Fruchtzucker. Aber nein, die verbiete ich mir trotzdem nicht. Ein bisschen Spaß muss ja noch sein, und das ist wie die Politik der kleinen Schritte, nur süß und in der Praxis angewandt. Außerdem sind Früchte gesund. Ende der Diskussion.

Jede Zelle meines Körpers ist nicht glücklich

Richtig schlimm wird es am Freitagnachmittag. Es ist Tag drei, ich bin müde (das Karnevalswochenende hängt mir nach), und jede Zelle meines Körpers ist nicht glücklich, nein, sondern schreit nach: Zucker! „Zucker“, höre ich von meinen Zehen. „Zucker“, aus meinen Haarspitzen. „Schokolade, Kekse, Cola. Egal was, nur süß“, mischen sich meine Geschmacksnerven ein.

„Nein, nix da. Du bleibst stark“, hält mein Wille dagegen. Und siehe da, nach einiger Zeit werden die Rufe leiser und der Krieg in meinem Körper beruhigt sich. Fies ist allerdings, dass auch zuckerfreies Kaugummi nicht erlaubt ist. Auf Süßstoff, Honig und andere Süßungsmittel will ich nämlich auch verzichten – den Zucker einfach durch etwas anderes zu ersetzen, das wäre ja geschummelt ...

Der Weg durch den Supermarkt avanciert zum Spießrutenlauf

Schummeln würde ich am liebsten am Wochenende. Denn am Samstag habe ich einen ganzen Stapel Papierkram zu erledigen, und wie ich da so am Schreibtisch sitze, meldet sich der Süßhunger wieder aus voller Kehle. Aber nein, nein, nein. Kommt gar nicht infrage. Ich esse stattdessen etwas Obst. Und ein Käsebrot. Und noch eins.

Am Montag beim Einkaufen wird meine Willenskraft erneut auf eine harte Probe gestellt. Der Weg durch den Supermarkt avanciert zum Spießrutenlauf: An jeder Ecke, in jedem Regal, auf jedem Präsentationstisch locken sie. Kekse, Schokolade, Kuchen – alles sieht so lecker aus, als hätte ich nicht erst seit sechs Tagen auf Zucker verzichtet, sondern mindestens doppelt so lange gar nichts gegessen. Meine Knie fühlen sich an wie Pudding und mein Hirn wie Popcorn. Sind das Entzugserscheinungen?

Rechts und links von mir lauert die Verführung

„Jetzt reiß' dich mal zusammen“, schreie ich meinen inneren Schweinehund an, lade Obst, Gemüse, Nüsse und Käse in den Einkaufswagen und lasse den vegetarischen Aufschnitt dort, wo er ist, im Kühlregal. Auch der enthält nämlich Zucker – Traubenzucker. „Aber Honig, Honig ist doch natürlich. Den darfst du essen“, souffliert mir der Schweinehund, als ich ihn gerade am Regal mit den Brotaufstrichen vorbeischleife.

Ich packe noch etwas fester zu und steuere die Kasse an. Dort wünsche ich mir nichts sehnlicher als Scheuklappen. Rechts und links von mir lauert die Verführung – in Form von Schokoriegeln, portionierten Pralinen und Kaudragees. Halte durch, flüstere ich mir tröstend ins Ohr. Es sind nur noch 34 Tage!

Was Fasten mit Fasching zu tun hat

  • Ob nun Fasching, Fastnacht, Fasnet oder das rheinische Fastelovend – alle diese Begriffe gehen tatsächlich auf das Wort Fasten zurück. Gemeint ist meist der Abend – oder die Nacht – vor dem Fasten.
  • Das Wort Fasching leitet sich vom Fastenschank her, dem letzten Ausschank alkoholischer Getränke vor der Fastenzeit.
  • Die Fastenzeit dauert 40 Tage und beginnt mit dem Aschermittwoch. Die Sonntage werden traditionell nicht gezählt.
  • Der Verzicht auf Dinge wird als Buße und Besinnung und somit als Vorbereitung auf die Osterzeit gesehen.