Vier Wochen vegan

Von verrückt bis praktikabel

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Instagram ist verrückt. © Sarah Utz

Waiblingen. Nach gut zwei veganen Wochen habe ich so langsam den Dreh raus: Ich weiß, was mir schmeckt und welche Gerichte ich leicht zubereiten kann. Neue Anregungen will ich mir auf der Veggie-Messe in Stuttgart holen – und treffe dort auf eine Menge netter Leute, aber auch auf seltsame Trends.

Video: Veganes Eis aus Winterbach.

Mittlerweile zähle ich die Tage nicht mehr – ein gutes Zeichen, finde ich. Ich habe einige Produkte gefunden, die mir schmecken, und auch ein paar Gerichte, die sich gut zum Mitnehmen eignen. Nur vegan und schnell, diese Kombination beherrsche ich noch nicht. Wenn ich in Eile bin, gibt es bei mir daher Brot (immerhin selbst gebacken) mit veganem Aufstrich – oder Gummibärchen, vegan natürlich. Nicht sehr gesund, dafür aber lecker.

Alles in allem lebe ich aber sehr gut vegan, vor allem weil ich viel selbst koche. Das hat nicht nur den Vorteil, dass ich mich mehr mit dem beschäftige, was ich esse – frisch zubereitet schmeckt ganz einfach auch besser. Und auch meinem Körper tun Gemüse, Reis und Früchte besser als belegte Brötchen vom Bäcker, Tiefkühlpizza und Sahnesaucen. Weil ich mir nicht ständig irgendwo zwischendurch etwas holen kann, gebe ich zudem insgesamt weniger Geld für Essen aus – auch wenn die einzelnen Produkte etwas teurer sind.

Am Freitag (es ist bereits Halbzeit meines Selbstversuchs) gehe ich auf die „Veggie & frei von“-Messe, um mir Anregungen zu holen. Was mir dort begegnet, sind keineswegs die ausgezehrten, mageren Gestalten, als die Fleischesser sich „den Veganer“ gerne ausmalen, sondern wohlgenährte, gesund aussehende Menschen. Am stärksten beeindruckt mich ihre Ausstrahlung: Sie wirken irgendwie zufrieden mit ihrem Leben. Ob Veganer nun wirklich per se glücklichere Menschen sind, sei allerdings dahingestellt. Vielleicht spielt mir mein mit rein pflanzlichem Kraftstoff betriebenes Hirn ja auch einen Streich.

Von rohköstlichem „Superfood“ bis hin zu energiegeladener Kosmetik

Auf der Messe gibt es die verrücktesten Dinge: rohköstliches „Superfood“ (Nahrungsmittel, die eine besonders hohe Nährstoffdichte haben und uns gesünder und jünger machen sollen, wie mir die Verkäuferin am Stand erklärt), eine riesige Auswahl an veganen Imbissständen – Veggie-Döner lockt neben Burgern, deftigen Knödeln mit Soße und veganem Eis aus Winterbach –, Dinkel- und Gerstengrassaft sollen die Zellerneuerung ankurbeln und ein veganer Energy-Drink auf Basis von Koffein den Pflanzenesser zu Höchstleistungen befähigen. Auch der Hersteller des Ei-Ersatzproduktes, das mich neulich an meine Ekel-Grenze gebracht hatte, ist auf der Messe. Prima, denke ich. Das ist doch die Gelegenheit, mir erklären zu lassen, wofür der eigentlich gut ist. „Auf die Würzung kommt es an“, erfahre ich vom Erfinder und Inhaber Chris Geiger. Aha. Tja, das habe ich dann wohl falsch gemacht, obwohl es mir eigentlich ja mehr um die Konsistenz ging. Ich stelle fest: Der Ei-Ersatz und ich, wir werden trotz Profi-Tipps wohl keine Freunde werden. Vegane Klamotten mit schillernden Jesus-Pailettenbildern gibt’s am Stand von Michael Bender und seiner Freundin Teresa Iglesias. Trotz der Geschmacksverirrung bei den Klamotten sagt Bender dann auch den Schlüsselsatz für mich an diesem Tag: Artgerechte Haltung hin oder her, „kein Tier wird zu Tode gestreichelt“. Womit er natürlich recht hat. Das bringt mich vom Ei-Ersatz wieder zum Grund meines Experiments und ich lasse mich an einem Stand zur veganen Kosmetik beraten. „Unsere Blütenkosmetik ist mit Energien angereichert. Das macht unsere Engelsfrau“, erklärt mir die Verkäuferin. Ah ja. Schnell weg.

Am Stand nebenan gibt es ebenfalls vegane Kosmetik, da wirkt das Ganze aber glücklicherweise deutlich bodenständiger. „Hautidentische“ Kosmetik sei das, erklärt mir die Inhaberin Iris Knaus. Ohne ätherische Öle, Duftsstoffe oder Farbstoffe – denn die belasteten die Haut nur unnötig. Und selbstverständlich ohne tierische Inhaltsstoffe, denn: „Wer will schon Schlachtabfälle in seiner Creme“, fragt Knaus. Hyaluron beispielsweise, sagt sie, sei bis vor zehn oder 15 Jahren noch aus Hahnenkämmen und Kuhaugen hergestellt worden. Igitt.

Instagram ist irre

Was ich ebenfalls auf der Messe feststelle, ist: Instagram ist irre. Vollkommen. Kaum poste ich ein Foto, hagelt es Likes. Vor allem, wenn es sich um ein Bild von etwas Essbarem handelt. Auch unsere Follower-Zahl hat sich seit Beginn des Experiments fast verdoppelt. Worüber ich mich anfangs noch freute wie ein kleines Kind, hinterlässt mir mittlerweile allerdings einen leicht schalen Beigeschmack. Bei einigen der Namen fällt schon beim Lesen auf, dass sich diese Profile ausschließlich um sogenannten Food Porn drehen – die Besitzer der Seiten also nichts anderes tun als unglaublich tolle Bilder von unglaublich leckerem Essen zu posten. Bei anderen Profilen wird spätestens beim Anschauen der Bilder klar, dass es diesen Veganern in erster Linie um Fitness, „health“, „youth“ – kurz gesagt: um Selbstoptimierung – geht.

Gelesen habe ich zwar schon von sogenannten Instamodels, Fitness- und Food-Bloggern, so richtig in Berührung gekommen war ich mit ihnen aber noch nicht. Mein Selbstversuch wirft mich mittenrein in den Wust aus Superfood und Superkörpern. Das ist tatsächlich ein Trend, den ich noch nicht so ganz verstehe. Woher kommt dieser Drang zur Selbstoptimierung? Und selbst wenn ich meine Ernährung, meinen Körper und mein Aussehen optimieren möchte – woher kommt dann der Drang, das auch noch mit aller Welt teilen zu wollen? Immerhin: Auf der Messe treffe ich keinen dieser zwanghaften Selbstoptimierer. Alle hier berichten mir, sich aus ethischen Gründen vegan zu ernähren, vor allem aus Sorge ums Tierwohl. Ganz alleine bin ich wohl doch nicht.