Die Flüchtlinge - eine Zwischenbilanz

Wie berufliche Integration gelingen kann: Lehrer erzählen

Flüchtlinge BBQ
„Fachkraft Metall“: Alagie Jarju aus Gambia, Shezad Baloch aus Belutschistan und Hussein Gohari aus Afghanistan. © Habermann / ZVW

Waiblingen. Wie kann Integration gelingen? Zum Beispiel so – und vielleicht nur so: Ein Gespräch mit Silvya Broyer und Wolfgang Wacker von der beruflichen Bildungseinrichtung BBQ in Waiblingen. Die beiden haben 2016 an einer spektakulären Erfolgsgeschichte mitgeschrieben.

Zehn Flüchtlinge haben sich, nach halbjähriger Vorbereitung in der Maßnahme „Teilqualifizierung Metall Plus Intensiv Modul 1“, der Prüfung zur „Fachkraft Metall“ gestellt und bestanden, vier haben mittlerweile bereits einen Ausbildungsvertrag in der Tasche. Wie konnte das gelingen?

Im Grunde, sagt Kursleiterin Silvya Broyer, gab es neben den drei Fächern Deutsch, Mathe und Metallkunde noch ein viertes: Lebenseinstellung. Zunächst seien sie Regeln durchgegangen, „so ticken wir hier in Deutschland“, von Anfang an gab Broyer eine klare Linie vor: „Das ist hier unser Land, unser Zuhause, wir haben euch aufgenommen mit vollem Herzen, das ist eine Riesenchance für euch, ein Millionen-Dollar-Geschenk, das ihr da kriegt – seid dankbar für das, was ihr habt, lernt, seid strebsam! Ihr müsst ne Menge, Menge tun in diesem Kurs. Deutschland schaut auf euch. Ich möchte, dass die Leute gute Beispiele in euch sehen.“

Ziemlich bald habe sie „drei rausgeschmissen“. Sie hätten sich „unmöglich“ benommen, „arrogant“, nur gefordert, nichts geleistet.

Eine Einheit mit einem Ziel

In dem Kurs saßen Christen und Muslime, Dunkelhäutige und Hellhäutige, und als Chef hatten all die jungen Männer eine Frau mit langen blonden Haaren – potenzielle Reibungspunkte ohne Ende. So läuft das bei uns, sagten die Broyer unterstellten männlichen Lehrer, in diesem Kurs sind wir über Länder, Sprachen, Glaubensrichtungen, Geschlechter und Hautfarben hinweg „eine Einheit mit einem Ziel“. Auch über Religion hätten sie geredet, erzählt der Lehrer Wolfgang Wacker: „Euer Prophet Isa im Koran – das ist unser Jesus.“ Und warum ist uns so wichtig, dass wir einander die Hand reichen, auch als Mann und Frau? Die Rechte ist traditionell „die Kampfhand“, sie trug einst das Schwert. Wenn du sie offen hinstreckst, dann ist das „eine Friedenserklärung“. Fortan „war es für keinen ein Problem, einer Frau die Hand zu reichen“.

Klassen sieben bis zehn binnen eines halben Jahres

Sie peitschten den Mathestoff der Klassen sieben bis zehn binnen eines halben Jahres durch, beginnend bei den Grundrechenarten über „Klammer vor Punkt vor Strich, Bruchrechnen, Prozente“ bis hin zu Flächen-, Volumen- und Dichteberechnungen. Einer der Lehrer hatte zuvor 35 Jahre an einer Realschule unterrichtet. Er sagte: Er sei „unglaublich dankbar“, so etwas erleben zu dürfen – „sieben Stunden am Stück Mathe“, und alle ziehen mit. Auch Praktika in der Ausbildungswerkstatt der Paulinenpflege gehörten zum Programm. Ein Ausbilder sagte: Höhere Motivation und größere Wissbegier habe er nie erlebt.

Fördern und fordern ist mehr als eine ausgelutschte Phrase

„Fördern und fordern“: Das ist eine derart ausgelutschte Phrase, dass man eigentlich schon gar kein Zeitungspapier mehr damit besudeln will. Aber einmal noch muss es sein: „Fördern und fordern“ – genau so kann das aussehen. Dein Handeln hat Konsequenzen, du trägst für dein Schicksal Verantwortung, wir reichen dir die Hand, wir geben dir Halt, mach was draus! Wenn das gelingt, sagt Wolfgang Wacker, „können wir alle gewinnen“.

Die BBQ Berufliche Bildung gGmbH ist ein gemeinnütziger Bildungsträger und verfügt über ein Netzwerk in ganz Baden-Württemberg mit 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 42 Niederlassungen. Alleingesellschafter von BBQ ist das „Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft“.

Das „Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft“ unterstützt Unternehmen durch praxisbezogene Bildungskonzepte bei der Personal- und Organisationsentwicklung.

Das auf dieser Seite vorgestellte Modellprojekt „Teilqualifikation Metall Plus Intensiv“ geht auf erfolgreiche Vorgängerformate zurück, deren Ziel es war, un- oder angelernte Beschäftigte zu anerkannten Abschlüssen zu führen und so dem Fachkräftemangel zu begegnen. Für die Arbeit mit Flüchtlingen wurde das Projekt nun weiterentwickelt: von drei auf sechs Monate verlängert und um die Inhalte Sprache und Praktikum angereichert.