Rems-Murr-Sport

Ärger: Voraussichtlich doch Absteiger im Handball

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Aufsteiger SG Weinstadt (am Ball Timo Lederer) muss wohl runter in die neue Verbandsliga. © Joachim Mogck

Eigentlich hat der Württembergische Handball-Verband beschlossen, dass es nach dem Abbruch der Saison zwar Aufsteiger, aber keine Absteiger geben soll. Doch was „keine Absteiger“ bedeutet, ist Interpretationssache. Viele Württembergligisten werden wohl doch unfreiwillig eine Liga runter müssen.

Niemand will derzeit in der Haut der Verbandsverantwortlichen stecken. Eine faire Regelung für alle Mannschaften kann es bei einer nicht zu Ende gespielten Saison nicht geben. Doch mit seiner Erklärung vergangene Woche hat sich der HVW selbst in die Bredouille gebracht. Er folgte beim Thema Auf- und Abstieg exakt der Empfehlung des Deutschen Handball-Bundes. Laut Beschluss wären damit nur der freiwillige Rückzug von Mannschaften in die nächstniedrige Klasse sowie der Verzicht auf den Aufstieg möglich. Offensichtlich aber haben die HVW-Strategen bei der Formulierung ihre eigene Verbandsreform außer Acht gelassen.

Verschieben der Ligenreform offenbar keine Option

Zur kommenden Saison soll es in der Württembergliga nur noch eine statt zwei Staffeln geben und die Landesliga von drei auf vier Staffeln vergrößert werden. Dazwischen wird eine neue zweigleisige Verbandsliga eingezogen. Wie aber diese füllen? Steigen wie vorgesehen die jeweils vier Besten der Landesligen auf und gibt es keine Absteiger aus den Württembergligen, bestünde die Verbandsliga nur aus zwölf Teams. Will der HVW an der Zweigleisigkeit der neuen Spielklasse festhalten, muss somit wie ursprünglich geplant rund die Hälfte der Württembergligisten den Gang nach unten antreten.

Die Ligenreform um eine Saison zu verschieben, ist beim HVW offenbar keine Option. „Wir haben den Beschluss nicht geändert“, sagt Verbandsmanager Thomas Dieterich. Hintergrund ist das Problem der fehlenden Schiedsrichter, mit Hilfe der Reform soll die Anzahl der Spiele reduziert werden. Verzichtet der HVW nun darauf und gäbe es heuer nur Auf- und keine Absteiger, „hätten wir nächste Saison gut 300 Spiele mehr auf Verbandsebene“.

Außerdem: Sind Mannschaften, die künftig in der Verbandsliga statt in der Württembergliga spielen, wirklich Absteiger? Alles eine Frage des Blickwinkels. „Wir müssen mit den vorhandenen Mannschaften den Verband neu ordnen“, erklärt Dieterich mit der Formulierungsgeschicklichkeit eines Anwaltfuchses. Von der Württembergliga aus gesehen liege die Verbandsliga zwar um eine Klasse tiefer, aber von unten betrachtet bleibe die Höhe unverändert: eine Stufe über der Landesliga. Somit könne man also vom Klassenverbleib statt vom Abstieg sprechen.

Dieterich will die Ligenreform im Regelwerk berücksichtigen

Allerdings räumt Dieterich sogleich ein, dass die Vereine mit derartigem Wortzauber nicht einzulullen sind und sich selbstverständlich doch als Absteiger fühlen werden. Deshalb empfinde er die Kritik als Anregung, einen Passus in die Saisonregelung einzuarbeiten, der die Ligenreform berücksichtigt. Vorausgesetzt, wovon auszugehen ist, der DHB-Bundesrat schafft bald Rechtssicherheit und beschließt den Abbruch der Saison in den Landesverbänden und die Aufstockung der Mannschaften in der 3. Liga. Laut Dieterich werden die Mitglieder des Bundesrats, darin sitzen Vertreter der Bundesligen und aller Landesverbände, nicht wie zunächst geplant schon von diesem Mittwoch, sondern erst von Donnerstag an befragt. Spätestens drei Tage später werde der „Beschlussumlauf“ voraussichtlich abgeschlossen sein.

Und wie wird dann die Aufstiegsregelung aussehen? In der vergangenen Woche wurde der HVW dafür kritisiert, sich anders als andere Landesverbände noch nicht dazu geäußert zu haben. „Wir haben gesagt, es macht erst wirklich Sinn, darüber nachzudenken, wenn der Beschluss des Bundesrats feststeht“, rechtfertigt Thomas Dieterich das Zögern der Württemberger. Wie die anderen Verbände auch, favorisiere der HVW aber die Quotientenregelung nach norwegischem Vorbild. Um Mannschaften, die zum Zeitpunkt des Saisonabbruchs zum Teil unterschiedlich viele Spiele absolviert haben, vergleichen zu können, würden dafür die jeweiligen Pluspunkte durch die Anzahl der Partien geteilt. „Das ist die fairste Lösung.“ Das allerdings sehen manche Vereine anders.

Einige Rems-Murr-Teams hoffen auf den Aufstieg, andere müssen um den Verbleib in der Württembergliga zittern. Doch die Hängepartie geht weiter. Bis zum 15. Mai haben Vereine die Möglichkeit, den freiwilligen Abstieg oder Aufstiegsverzicht zu verkünden. Erst danach können die Spieltechniker die Einteilung für die kommende Saison vornehmen. „Doch es gibt so viele Wenns und Abers“, betont Dieterich. „Wir wissen ja nicht mal, ob’s im September wieder losgeht.“


Frust beim VfL Waiblingen

Endlich wissen die Vereine genauer, wohin die Reise gehen wird: keine komplette Annullierung der abgebrochenen Saison, sondern wohl eine Wertung, wie sie bereits in Norwegen praktiziert worden ist. Einige Rems-Murr-Teams dürfen sich schon vorsichtig über Aufstieg oder Klassenverbleib freuen. Bei anderen macht sich trotz allen Verständnisses für den Handball-Verband Württemberg Frust breit. Besonders bei den Männern des VfL Waiblingen.

Coach Tim Baumgart ist angesichts der voraussichtlichen Entscheidung, die Pluspunkte der Mannschaften durch die jeweilige Anzahl der Spiele zu teilen und so die Tabellen zu berechnen, sehr enttäuscht. „In unserem speziellen Fall finde ich das nicht gerecht.“ Weil die drei besten Teams der Württembergliga Nord – TSV Schmiden, TSV Alfdorf-Lorch und VfL Waiblingen – alle neun Minuspunkte haben, wäre Schmiden nur aufgrund eines mehr ausgetragenen Spiels Meister und Aufsteiger. Und das auch noch basierend auf einer Entscheidung am Grünen Tisch.

Waiblingen hatte wegen eines Fehlers der Schiedsrichter nach der verlorenen Hinrundenpartie in Schmiden Einspruch eingelegt. Dem wurde zunächst stattgegeben, das Wiederholungsspiel gewann der VfL. Doch vergangene Woche war der Vorteil plötzlich wieder dahin: In einer neuerlichen Verhandlung entschied das Verbandsgericht zugunsten der Schmidener. Damit verlor Waiblingen seinen ersten Tabellenplatz. Ob der Verein erneut in Revision geht, ist fraglich. Steigt der VfL nun nicht auf, Baumgart glaubt, dass sich kein Team freiwillig aus der Oberliga zurückziehen wird, wäre das ein harter Schlag. Zumal Waiblingen wohl auch deshalb einige Punkte verloren hat, weil Kreisläufer und Leistungsträger Lukas Baumgarten im ersten Schmiden-Spiel wegen einer vermeintlichen Tätlichkeit disqualifiziert und für vier Partien gesperrt worden war. Somit fühlt sich der Verein jetzt – zu Recht – doppelt bestraft.

Es spricht für Baumgart, dass er die Schuld am Abrutschen in der Tabelle auch bei seinem Team sucht: „Wir haben es letzten Endes selber vergeigt, weil wir gegen [Kellerkind] Oppenweiler verloren haben.“

Ligenreform: "Unmöglich"

Deutlich besser ist die Laune bei Trainer Frank Gehrmann. Voraussichtlich wird er mit den Frauen der SV Hohenacker-Neustadt als Staffelsieger aufsteigen. „Ich find’s super, das nehmen wir gerne mit.“ Die Oberligasaison werde jedoch ein Abenteuer. „Wir wissen ja nicht, wann wieder trainiert und gespielt werden kann.“

Für Ärger bei Vereinen sorgt die voraussichtliche Entscheidung des HVW, die Ligenreform durchzuziehen und trotz des Beschlusses vergangene Woche, es werde keine sportlichen Absteiger geben, doch rund die Hälfte aller Mannschaften aus der Württembergliga in die neue Verbandsliga fallen zu lassen. „Das ist unmöglich!“, zürnt Silke Zindorf, Trainerin der SV Remshalden. Obwohl ihr Team als Tabellensiebter womöglich gerade noch in der Württembergliga bleiben könnte.

Das Gleiche gilt für die Männer der SF Schwaikheim (Platz acht unter 14 Mannschaften). Deren Trainer Heiko Burmeister sieht es allerdings pragmatisch, dass wohl Mannschaften absteigen werden: „Absteiger hätte es auch so gegeben.“ Von der Anwendung der norwegischen Quotientenregel hält er dagegen wenig, weil der restliche Spielplan nicht berücksichtigt wird: „Von den letzten sieben Partien hätte Waiblingen fünf Heimspiele gehabt.“ Für Burmeister steht fest: Der VfL wäre Meister geworden und wird nun ungerecht behandelt. Genauso wie die HSG Schönbuch, die als Neunter wohl absteigt, obwohl sie fast nur noch gegen schwächer einzuschätzende Gegner gespielt hätte.

Ebenfalls den Gang in die neue Verbandsliga antreten müssen höchstwahrscheinlich die SV Remshalden (11.) und Weinstadt (10.). Der SG-Interimscoach Jochen Klingler sagt zwar, die Verbandsliga wäre für sein Team die bessere Lösung, „weil es in der eingleisigen Württembergliga schwer wird“. Doch er kritisiert das Vorgehen des HVW. „Das Riesenproblem ist: Wie groß sind die ganzen Ligen nachher? Das hätte man bis zum Ende durchdenken müssen. Eigentlich muss es überall sportliche Absteiger geben.“

So aber darf sich der TV Bittenfeld II freuen: Er wird wohl in der Baden-Württemberg-Oberliga bleiben. Coach Thomas Randi ist erleichtert, betont aber auch: „Ich bin davon überzeugt, dass wir unsere Punkte für den Klassenerhalt geholt hätten.“

Eigentlich hat der Württembergische Handball-Verband beschlossen, dass es nach dem Abbruch der Saison zwar Aufsteiger, aber keine Absteiger geben soll. Doch was „keine Absteiger“ bedeutet, ist Interpretationssache. Viele Württembergligisten werden wohl doch unfreiwillig eine Liga runter müssen.

Niemand will derzeit in der Haut der Verbandsverantwortlichen stecken. Eine faire Regelung für alle Mannschaften kann es bei einer nicht zu Ende gespielten Saison nicht

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