Sport

Der Absturz der Stuttgarter Kickers

Testspiel SV Stuttgarter Kickers – VfB Stuttgart, 09. Juli 2017, Gazi-Stadion auf der Waldau_5
Die Stuttgarter Kickers und der VfB Stuttgart trennen sich im Derby mit 1:1. © Danny Galm

Stuttgart. Einst machten bei ihnen Spieler wie Jürgen Klinsmann oder Fredi Bobic ihre ersten Schritte im Profifußball, nun stehen die Stuttgarter Kickers vor dem endgültigen sportlichen Niedergang. Eine Geschichte von Pech, schwierigen Umständen und manch einer Fehlentscheidung.

Bei Heimspielen werden die Anhänger der Stuttgarter Kickers immer mal wieder nass. Der Fan-Block ist im Gazi-Stadion auf der Gegentribüne und die hat seit März 2016 kein Dach mehr. Es musste entfernt werden, weil die Holzelemente zum Teil durchgefault waren.

Den Blauen droht der Sturz ins Niemandsland

Seitdem steht nur noch das Trägergerippe des Dachs dort - und die Tribüne macht einen angeschlagenen Eindruck. Das ist auch sinnbildlich für den ganzen Verein, aus dessen Reihen die Weltmeister Jürgen Klinsmann und Guido Buchwald sowie der Europameister Fredi Bobic hervorgegangen sind und der früher mit dem Rivalen VfB um die Vorherrschaft in Stuttgart kämpfte.

Nun steht er vor dem Sturz aus der Regionalliga Südwest ins Niemandsland der Oberliga.

Lange vorbei sind die Zeiten, als der legendäre Präsident und 2004 gestorbene Mäzen Axel Dünnwald-Metzler den Traditionsclub mit Millionen-Summen zweimal in die Bundesliga und 1987 ins DFB-Pokalfinale gegen den Hamburger SV führte.

Nun könnte es wirklich schlimm kommen: Geschieht rund um den letzten Spieltag gegen den FSV Frankfurt am Samstag nicht noch ein Wunder, dann steigen die "Blauen" erstmals in ihrer fast 120-jährigen Geschichte in die fünfte Liga ab. Profifußball ade hieße es dann. Der Niedergang wäre perfekt.

Eine sportliche Katastrophe

Retten könnte sich die Elf von Jürgen Seeberger nur dann, wenn sie gegen Frankfurt gewinnt und der Tabellen-16. Hessen Kassel gegen Stadtallendorf verliert. Zudem müssten sich anschließend die Topclubs 1. FC Saarbrücken und SV Waldhof Mannheim in der Aufstiegs-Relegation zur 3. Liga durchsetzen.

Bei so viel Konjunktiv glaubt fast niemand mehr an die Rettung. Die Entwicklung sei sportlich eine "Katastrophe", sagt daher der Präsident Rainer Lorz der Deutschen Presse-Agentur. "Es ist ein Schock und eine Situation, die man lieber nicht erleben möchte. Innerlich ist da eine relativ große Leere."

Ganz unerwartet kommt der Absturz nicht, schon im vergangenen Jahr retteten sich die Kickers nur knapp. Im Prinzip kämpfen sie seit dem Ausstieg des Brillen-Unternehmers Dünnwald-Metzler, der auch im Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes saß, ums Überleben.

Fehler in der Vereinsführung

Einen Mäzen wie ihn hat der heute hoch verschuldete Verein nie mehr gefunden und leidet zudem unter der Konkurrenz des übermächtigen Bundesligisten VfB. Der einstige Arbeiterclub aus Bad Cannstatt lockt nicht nur viel mehr Zuschauer in sein Stadion als der "Blaue Adel" aus dem Stadtteil Degerloch, sondern zieht auch viele Sponsorengelder an.

Lorz räumt aber auch Fehler in der Vereinsführung ein. "Im Nachhinein gab es viele Weggabelungen, wo man sagen kann, man hätte sich anders entscheiden können", sagt der Rechtsanwalt.

Zudem sei der aktuelle Kader "nicht richtig zusammengestellt". Und seit sich der Verein im November 2012 von Dirk Schuster trennte, der anschließend Darmstadt 98 in die Bundesliga führte, gab sich rund ein Dutzend Trainer die Klinke in die Hand. Seeberger ist der dritte in dieser Saison.

"Die Marke Stuttgarter Kickers ist trotz allem nicht kaputt"

Allerdings kam auch Pech dazu: Im Frühjahr 2015 verpasste der damalige Drittligist nur knapp den Zweitliga-Aufstieg, um im Jahr darauf mit 43 Punkten in die Regionalliga abzusteigen. Das ist eine Punktzahl, die ansonsten fast immer zum Klassenverbleib reicht.

Sollte es nun wirklich zum Abstieg in die Oberliga kommen, würden die Kickers den sofortigen Wiederaufstieg anstreben. Potenzial sieht Lorz nach wie vor.

"Die Marke Stuttgarter Kickers ist trotz allem nicht kaputt", sagt der Präsident und verweist unter anderem auf die gute Nachwuchsarbeit. Die Fans sollen im Herbst auch wieder ein Dach über dem Kopf bekommen, der Stuttgarter Gemeinderat hat das bereits beschlossen. Dann stehen wenigstens sie nicht mehr im Regen.