Motorsport Rems-Murr

Erinnerungen an den Waiblinger Formel-1-Fahrer Manfred Winkelhock

Winkelhock
Walter Lais bei seinem ersten „Rollout“ in Hockenheim: Der Esslinger hat den ehemaligen ATS-Formel-1 Rennwagen von Manfred Winkelhock gekauft und bei der Bosch-Hockenheim-Historic, dem „Jim Clark-Revival“ , erstmals auf einer permanenten Rennstrecke eingesetzt. © Werner Wagner

Die Zuschauer auf dem Hockenheimring staunen nicht schlecht, als plötzlich der knallgelbe ATS-Formel-1-Rennwagen von Manfred Winkelhock mit ohrenbetäubendem Lärm an ihnen vorbeidonnert. Erinnerungen an den gebürtigen Waiblinger werden wach, der 1985 bei einem Sportwagen-Rennen in Kanada tödlich verunglückt ist und heute 70 Jahre alt geworden wäre.

Sofort macht Manfreds Spitzname „Bibi“ die Runde, der vielen Rennsport-Fans bis heute ein Begriff ist. „Das ist doch das Auto von Bibi“, ruft einer auf der Zuschauertribüne lauthals in die Menge, als der gelb-weiße Formel-1-Bolide unter dem Applaus der Besucher im Motodrom auftaucht. „Sitzt da jetzt vielleicht sein Sohn Markus am Steuer?“, fragt der begeisterte Fan in der verwaschenen BMW-Rennjacke seine Kumpels. „Nein, laut Programmheft fährt den jetzt Walter Lais aus Esslingen“, antwortet sein Sitznachbar.

Besagter Walter Lais, den viele nur unter seinem Kosenamen „Wattle“ kennen, war bis 2011 Ferrari-Vertragshändler für den süddeutschen Raum und hatte seinen Firmensitz (Fa. Lais Power) in Stuttgart-Hedelfingen – direkt neben der B 10. Der 71-jährige Hobby-Rennfahrer, der früher sporadisch in der Ferrari-Challenge gestartet ist, träumt schon seit Jahren von einem Formel-1-Fahrzeug, das ihm gefällt und das er sich auch leisten kann. „Formel-1-Autos werden von rund 300 000 Euro aufwärts bis hin zu mehreren Millionen gehandelt, je nachdem, ob es Siegerfahrzeuge sind oder ob mit ihnen gar Weltmeistertitel gewonnen wurden“, erklärt Lais.

Fast ein Jahr lang über den Preis verhandelt

„Vorletztes Jahr sah ich im Internet dieses Auto bei einem französischen Rennwagen-Händler zum Kauf ausgeschrieben“, erzählt Lais. Als er dort den Namen seines früheren Freundes Manfred Winkelhock als Fahrer gelesen habe, „reagierte ich sofort“, sagt Lais. „Ich habe dann eruiert, um welches Fahrzeug es sich handelt, wo es steht und in welchen Zustand es sich befindet. Dann bin ich nach Frankreich gefahren und habe das Auto, das in der Nähe von Lyon stand, besichtigt. Bis zum Kauf im Oktober 2020 habe ich mit dem Händler allerdings noch fast ein Jahr lang über den Preis verhandelt“, erzählt Lais.

Der Formel-1-Rennwagen mit der Typenbezeichnung ATS-D5 wurde 1981 gebaut und hat einen rund 500 PS starken 3-Liter-V8-Cosworth-Motor im Heck. „Das Fahrzeug ist bis auf die Lackierung und die Seitenverkleidungen im Original-Zustand“, sagt Lais. Der Schriftzug „ABBA“ stamme von Slim Borgudd, dem ehemaligen Studio-Schlagzeuger der schwedischen Popgruppe, der 1981 für ATS gefahren ist. Winkelhock dagegen, der von 1982 bis 1984 für den Pfälzer Rennstall von „Felgenbaron“ Günter Schmid startete, habe damals die Abkürzung der Deutschen Verrechnungsstelle für Fahrschulen in Fellbach (dvf) als Sponsor auf den Seitenschürzen gehabt.

Die Recherche von Walter Lais ergab weiter, dass Manfred Winkelhock genau mit diesem Fahrzeug 1982 sein bestes Formel-1-Resultat, und zwar Platz fünf beim Großen Preis von Brasilien in Rio de Janeiro, erzielt hat – und das in seinem allerersten Formel-1-Rennen.

Das Fahrzeug wurde von dem französischen Händler komplett samt Motor und Getriebe zerlegt und revidiert und war somit fast fahrbereit. Den ersten Rollout habe er auf dem Flugplatz in Schwäbisch Hall unternommen, wo er die Start- und Landebahn ein paarmal rauf und runtergefahren sei, „um zu prüfen, ob die ganze Technik überhaupt funktioniert“, so Lais.

Nachdem der Esslinger Manfreds ehemaliges Formel-1-Auto gekauft hatte, schickte er Winkelhocks Frau Martina und auch Sohn Markus ein Bild von dem historischen Rennsport-Juwel und telefonierte mit ihnen. „Beide waren natürlich begeistert und informierten die anderen Familienmitglieder“, erzählt Lais.

Peter Winkelhock, der mit 72 Jahren älteste der vier Winkelhock-Brüder, ließ es sich nicht nehmen, persönlich im badischen Motodrom bei der „Bosch-Hockenheim-Historic“, dem „Jim-Clark-Revival“, vorbeizuschauen, um die ersten Runden von Walter Lais auf einer permanenten Rennstrecke zu verfolgen. „Ich war happy, als ich von Markus die Nachricht vom Kauf des Fahrzeugs bekam“, erzählt Peter Winkelhock sichtlich bewegt. „Wenn ich jetzt weitererzählen soll, holen mich die Emotionen ein, denn dann kommen die ganzen Erinnerungen hoch“, unterbricht der in Stetten lebende Bruder die Unterhaltung. Peter war früher ebenfalls im Motorsport tätig, allerdings nur im Amateurbereich, nie als Profi. Er begann zunächst auf zwei Rädern und fuhr Moto-Cross-Veranstaltungen, später wechselte er zum Automobil-Slalom und Rallyesport.

Fachhochschule Esslingen stellt Ersatzteile her

Markus Winkelhock hingegen konnte nicht nach Hockenheim kommen, da er beruflich verhindert war. Doch auch er hatte das ehemalige Arbeitsgerät seines Vaters bereits in Augenschein genommen. „Zusammen mit Peter habe ich die Werkstatt von Walter Lais in Esslingen besucht“, erzählt Markus.

Dort habe er im Fahrzeug Platz nehmen dürfen und irgendwann lasse ihn Walter Lais auch einmal damit fahren, schwärmte Markus, der auf Wunsch des neuen Eigentümers seine Unterschrift links und rechts auf der Cockpitverkleidung verewigte. „Fast hätte ich das Fahrzeug selbst gekauft, denn vor zwei Jahren habe ich die Anzeige des französischen Händlers ebenfalls im Internet gelesen“, verrät der 41-jährige Sohn von Manfred.

Walter Lais, der als studierter Kfz-Diplom-Ingenieur laut eigener Aussage ein Leben lang geschraubt hat, betreut den Formel-1-Rennwagen in Eigenregie. „Da es ATS nicht mehr gibt, bekomme ich natürlich auch keine Teile mehr für das Auto. Doch da hilft mir die Fachhochschule Esslingen, zu der ich seit Jahren gute Beziehungen pflege. Sowohl das dortige Kfz-Labor, als auch die mechanische Werkstatt stellen mir die Teile her, die ich brauche“, bekräftigt er.

Ein Ritt auf der Kanonenkugel

„Meine ersten Runden in Hockenheim waren ein Ritt auf der Kanonenkugel“, sagt Lais in der Box tief beeindruckt. „Die Beschleunigung ist gigan-tisch. Der Motor setzt bei 6000 Umdrehungen richtig ein und zieht bis 10 000 wie am Bungee-Seil. Allerdings ist das Fahrzeug für diese Strecke viel zu kurz übersetzt, denn ich bin schon Mitte der langen Parabolika im Drehzahlbegrenzer, der bei 9800 Umdrehungen einsetzt.“

Ebenso gewöhnungsbedürftig seien die Bremsen, die zunächst warmgefahren werden müssen. Lais: „Als sie dann auf Betriebstemperatur waren, habe ich natürlich viel zu früh gebremst, weil ich es nicht gewöhnt bin, erst 50 und nicht schon 150 Meter vor der Kurve bremsen zu müssen.“ Anfangs habe er so ziemlich alles falsch gemacht und das Auto sei mehr mit ihm, als er mit dem Auto gefahren, lacht der Hobby-Rennfahrer. „Ich habe nicht nur zu früh gebremst, sondern bin auch viel zu langsam durch die Kurven gefahren, denn man spürt sofort: Das Ding klebt förmlich auf der Straße.“

Walter Lais fuhr in Hockenheim an allen drei Veranstaltungstagen kein Rennen, sondern drehte zusammen mit einigen anderen historischen Formel-1-Fahrzeugen mehrere viel umjubelte Präsentations-Runden.

Apropos Rennen: „Mein Ziel ist es, mit diesem Fahrzeug in den nächsten Jahren an einigen Läufen zur historischen Formel-1-Weltmeisterschaft teilzunehmen“, erklärt Lais abschließend und lehnt sich in seinem Camping-Stuhl zufrieden zurück, denn ein langgehegter „Männertraum“ wurde endlich wahr.

Die Zuschauer auf dem Hockenheimring staunen nicht schlecht, als plötzlich der knallgelbe ATS-Formel-1-Rennwagen von Manfred Winkelhock mit ohrenbetäubendem Lärm an ihnen vorbeidonnert. Erinnerungen an den gebürtigen Waiblinger werden wach, der 1985 bei einem Sportwagen-Rennen in Kanada tödlich verunglückt ist und heute 70 Jahre alt geworden wäre.

Sofort macht Manfreds Spitzname „Bibi“ die Runde, der vielen Rennsport-Fans bis heute ein Begriff ist. „Das ist doch das Auto von Bibi“,

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