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Jens Zimmermann: Moderator, Weltmeister-Manager und ein klein wenig Entertainer

Handball DHB Männer Laenderspiel - 18/19 - Deutschland vs. Schweiz
Seit 24 Jahren hat Jens Zimmermann das Mikrofon in der Hand. Zweites Standbein des 48-Jährigen ist das Athleten-Management. Unter anderem die Weltmeister Frank Stäbler und Johannes Rydzek sowie der Paralympic-Sieger Niko Kappel haben sich ihm anvertraut. © Marco Wolf

Herr Zimmermann, Wikipedia beschreibt Sie als Sportmoderator, Athleten-Manager und Entertainer. Erheben Sie Widerspruch?

Als Entertainer würde ich mich weniger bezeichnen. Da denke ich eher an Thomas Gottschalk oder Harald Juhnke. Im weitesten Sinne sind beim Moderieren vielleicht gewisse Entertainer-Fähigkeiten gefragt. Ein bisschen Witz und Charme sollte man schon haben, um den Funken überspringen zu lassen.

Aufgewachsen sind Sie im beschaulichen 2000-Einwohner-Dorf Mitteltal in der Gemeinde Baiersbronn im Schwarzwald. Als große Show-Bühne ist sie nicht bekannt – und doch war Ihr Heimatort in gewisser Weise der Startpunkt Ihrer Karriere.

Ich kam hier jedenfalls zum ersten Mal mit dem Leistungssport in Berührung. 1993 hat mein Verein SV Mitteltal-Obertal die Para-Europameisterschaften im Langlauf und Biathlon ausgetragen. Ich war im Organisationskomitee für die Pressarbeit mitverantwortlich und habe als freier Mitarbeiter Artikel für den Schwarzwälder Boten geschrieben. So bin ich mit der Nationalmannschaft und Bundestrainer Rolf Hettich in Kontakt gekommen und wurde quasi vom Fleck weg als Pressesprecher der Behinderten-Nationalmannschaft verpflichtet.

Sie spielten später Fußball in der ersten Mannschaft der SpVgg Freudenstadt und hatten als Co-Trainer der B-Jugend eine ganz spezielle Aufgabe.

Bei den Spielen habe ich die Aufstellung durchgesagt, bin bei Toren von der Bank hochgesprungen, habe die Namen der Schützen durchgegeben und vom Kassettenrekorder die Tormusik eingespielt. Weil in den 1990er Jahren viele Bundesligisten ihr Trainingslager im Schwarzwald absolvierten, hatte der Wirt Harry Kläger die Idee, ein Turnier auszurichten, den Schwarzwald-Cup. Ich wurde gefragt, ob ich moderieren möchte. Das war sozusagen der zweite Schritt zur Moderation.

Weil Sie zunächst beim Handball gelandet sind.

Das stimmt. Im November 1996 fand in Freudenstadt ein Frauenhandball-Länderspiel zwischen Deutschland und China statt. Das war meine erste große Moderation, quasi aus dem Nichts. Dem Deutschen Handball-Bund hat es offenbar gefallen, er fragte mich für weitere Spiele an.

Ein Jahr später wurden Sie ein „Blauer“.

Richtig. Beim besagten Schwarzwald-Cup, den die Stuttgarter Kickers veranstalteten, nahm mich der Geschäftsführer Hans-Peter Jakob zur Seite und bot mir einen Job an. Die Kickers wollten sich in der Jugend professioneller aufstellen. Ich sollte für die Organisation und Medienarbeit verantwortlich sein und Co-Trainer bei der A-Jugend werden. Mein Plan war aber eigentlich, Sportökonomie in Bayreuth zu studieren.

Wie lange mussten Sie überlegen?

Eine Nacht. Ich hatte eine Ausbildung zum Bankkaufmann in der Tasche, damit eine Sicherheit und nichts zu verlieren. Wenn es nicht funktioniert hätte bei den Kickers, hätte ich immer noch studieren können. Am Ende war’s aber die richtige Entscheidung. Die fünf Jahre bei den Kickers waren sozusagen mein Studium. Ich denke, bei mir trifft der Spruch, dass der Weg das Ziel ist, ganz gut zu.

Auf diesem Weg übernahmen Sie auch die Aufgabe des Stadionsprechers bei den Kickers.

Ja, das hat viel Spaß gemacht. Ich habe einen neuen Stil prägen dürfen. Bis dahin saßen die Sprecher oben in ihrer Kabine, haben zehn Minuten vor Spielbeginn das Mikro angemacht und die Zuschauer begrüßt. Ich dagegen stand unten auf dem Platz, das gab’s so auf der Waldau noch nicht. An die Zeit in der 2. Liga und mit dem legendären Präsidenten Axel Dünnwald-Metzler erinnere ich mich oft und gerne zurück.

Warum haben Sie die Kickers dann verlassen?

Im Winter 2001/2002 standen wir, nach dem Zweitliga-Abstieg, in der Regionalliga ganz schlecht da. Im Januar wurde ich vom ADAC Württemberg angefragt, er suchte einen Verantwortlichen für den Bereich Medien, Events und PR. Ich sagte zu, machte die Saison aber zu Ende. Ich war zu der Zeit auch noch Teammanager und wollte die Blauen nicht einfach im Stich lassen. Am 1. Juni trat ich meine Stelle beim ADAC an – und war aber nach vier Wochen schon wieder weg.

Warum?

Mitte Juni kam bei einem Handball-Länderspiel im Sindelfinger Glaspalast der damalige Geschäftsführer von Uhlsport, Jürgen Kiefer, auf mich zu, der mich aus meiner Kickers-Zeit kannte. Das Angebot, die Sportsponsoring-Leitung bei Uhlsport und Kempa zu übernehmen, konnte ich einfach nicht ausschlagen. Wir hatten damals im Fußball zwei Erst- und fünf Zweitligisten als Partner. In meiner Zeit bei den Kickers hatte ich mein Netzwerk aufgebaut, kannte in jedem Verein jemanden. Das war ein perfekter Einstieg. Wenn ich vom Studium zu Uhlsport gekommen wäre, hätte ich bei null anfangen müssen. Es war eine tolle Zeit, die ich nicht missen möchte.

Und doch hatten Sie im Jahr 2008 genug.

Ich war phasenweise über 100 000 Kilometer im Jahr mit dem Auto unterwegs, ging fast nicht in den Urlaub. Mein Akku war nach sechs Jahren leer. Ich wollte etwas anderes machen, und der Handball-Spielerberater Wolfgang Gütschow holte mich in seine Agentur. Sie betreute unter anderem Pascal Hens und Carsten Lichtlein. Ich holte unter anderem Kai Häfner und Fabian Gutbrod dazu.

Dann lief Ihnen Ihre alte Liebe wieder über den Weg.

Das kann man so sagen. Die Stuttgarter Kickers waren gerade aus der 3. Liga abgestiegen und suchten einen neuen Geschäftsführer. Die Aufgabe, gemeinsam mit Trainer Dirk Schuster die Blauen wieder zurückzuführen, reizte mich. Wir stellten einen Dreijahresplan auf und lieferten. 2012 waren die Kickers wieder drittklassig.

Warum trennten sich die Wege nach dreieinhalb Jahren?

Es harmonierte nach dem Aufstieg in die 3. Liga nicht mehr so gut zwischen mir, dem neuen Investor und einigen Funktionären. Wir hatten eine unterschiedliche Auffassung über die Ausrichtung des Vereins.

Fließt trotzdem noch blaues Blut in Ihren Adern?

Die insgesamt achteinhalb Jahre gehen nicht spurlos an einem vorüber. Allerdings tut es schon weh, die Kickers in der Oberliga spielen zu sehen. Wenn ich heute ins Stadion gehe, treten die Kickers gegen Astoria Walldorf II an. Früher hat die zweite Kickers-Mannschaft gegen die erste von Astoria gespielt.

Wie waren Ihre Pläne nach dem Ende bei den Kickers?

Ich hatte eine Sportmanagement-Agentur gegründet und wollte darauf den Fokus legen. Dann kam aber wieder ein sehr interessantes Angebot. Die Firma Imtech war damals einer der Top-5-Sponsoren des FC Bayern München. Ich sollte das Sponsoring umsetzen, hatte eine Zweitwohnung in München. Es war eine super spannende und lehrreiche Zeit. Leider ging es Imtech kurze Zeit später finanziell nicht mehr so gut, so dass ich mich dann doch ganz meiner Agentur zuwandte.

Haben Sie, parallel zu Ihren vielen Jobs, eigentlich immer moderiert?

Ja, seit 1996. Das war immer mein Hobby. Wenn ich fest angestellt war, habe ich dafür Urlaub genommen.

In Ihrer Agentur betreuen Sie 13 Athleten, es ist aber kein Fußballer darunter. Warum?

Das war eine bewusste Entscheidung. Ich hätte mit meiner Vergangenheit auch ein Fußball-Management aufbauen können. Das wäre definitiv lukrativer. Aber es macht extrem viel Spaß, mit unseren Olympia- und Para-Sportlern zusammenzuarbeiten und gemeinsam tolle Erfolge zu feiern. Ich denke an die beiden Olympiasiege und sechs WM-Titel von Johannes Rydzek oder an die drei WM-Titel von Frank Stäbler. Das sind extreme Glücksmomente.

An Angeboten für Moderationen mangelt es nicht, auf der anderen Seite müssen Sie sich aber auch um Ihre Athleten kümmern. Verlieren Sie da nicht den Überblick?

Sicherlich muss es einem liegen. Ich war aber noch nie der klassische 9-to-5-Arbeiter. Ich denke schon, dass ich meinen Terminkalender im Griff habe. Jedenfalls hat in den 24 Jahren, in denen ich moderiere, noch nie jemand bei mir angerufen und gesagt, Herr Zimmermann, wir warten auf Sie (lacht). Aber ich muss zugeben, manchmal ist es eine Herausforderung. Ich denke da beispielsweise an die ersten beiden Monate des neuen Jahres.

Was steht in diesem Zeitraum in Ihrem Terminkalender?

Falls uns Corona keinen Strich durch die Rechnung macht, moderiere ich am zweiten Weihnachtsfeiertag den TVB in der Porsche-Arena. Dann geht’s gleich weiter nach Oberstdorf zur Vierschanzentournee. Von dort fahre ich in die Schweiz zur Tour de Ski. Da moderiere ich die komplette Serie bis Val de Fiemme. Von den Dolomiten fahre ich nach Mailand und fliege wahrscheinlich nach Kairo zur Handball-Weltmeisterschaft. Anfang Februar komme ich zurück, um die nächste Folge des Academy Talks zu produzieren. Und schließlich mache ich mich wieder auf nach Oberstdorf zur nordischen Ski-WM.

Kommen bei einem so straffen Programm die Athleten nicht zu kurz?

Nein. Wir gehen eine Verpflichtung ein, wenn wir mit den Athleten zusammenarbeiten. Ich kann ja nicht sagen, ich bin jetzt mal zwei Monate nicht ansprechbar. Heutzutage helfen einem die modernen Kommunikationsmittel sehr. Per Mail ist man 24 Stunden erreichbar. Wenn ich von Druck sprechen möchte, den ich habe, dann ist das der Druck, den ich mir vielleicht mache, weil ich mich um eine rasche Antwort bemühe. Zuverlässigkeit ist mir ganz wichtig.

Sie sprachen die Erfolge an, die Sie mit Ihren Athleten feiern durften. Haben Sie auch schon die andere Seite kennengelernt?

Sicherlich gab’s auch schwierige Momente. Beispielsweise Marcel Nguen zu begleiten, als er die Heim-WM wegen einer Schulterverletzung absagen musste. Ein einprägsames Erlebnis hatten wir im Jahr 2002. In Salt Lake City gab’s den ersten Dopingfall überhaupt bei Paralympics. Unser Skilangläufer Thomas Oelsner, er hatte da schon zwei Goldmedaillen gewonnen, wurde positiv getestet und wurde zwei Jahre gesperrt. Bis heute sind wir felsenfest davon überzeugt, dass Oelse nicht wissentlich gedopt hat. Er war so eindeutig überlegen, er hatte es nicht nötig. Wir haben in Salt Lake City eine Pressekonferenz vor etwa 50 Journalisten durchgeführt. Das war keine schöne Zeit, aber eine sehr lehrreiche.

Zurück zur Moderation. Wie viel Zeit benötigen Sie zur Vorbereitung in etwa?

Das kommt darauf an. Beim Academy Talk können das schon drei, vier Stunden sein. Ich will mich intensiv mit der Vita des Gastes beschäftigen und mich einlesen. Anders läuft die Vorbereitung zum Beispiel bei der Vierschanzentournee. Das musst du vorab alle Fakten zusammentragen, wobei einem da die sogenannte "Extended Startlist" sehr hilft. Früher mussten wir alle Daten mühsam auf Karteikarten schreiben. Da hat sich mit dem Internet schon sehr viel gewandelt. Früher bedeutete Wissen jedenfalls viel mehr Macht.

Trotzdem dürften die neuen Medien für Ihre Arbeit ein Segen sein.

Auf jeden Fall. Sie haben mir ermöglicht, dass ich in so vielen Sportarten schon moderieren konnte. Wenn mir jemand vor 25 Jahren gesagt hätte, dass ich die Welt- und Europameisterschaft in der Rhythmischen Sportgymnastik moderieren würde, hätte ich ihn ausgelacht. Natürlich sollte ich verstehen, wie der Sport funktioniert, ich sollte den Wettkampfablauf kennen und die Namen unfallfrei aussprechen können. Was nicht immer ganz einfach ist.

Haben Sie einen bestimmten Trick?

Ich habe nie ein Seminar besucht dazu – allerdings schon zwei Seminare gegeben beim Schwäbischen Turnerbund (lacht). Ich erinnere mich an das Handball-Länderspiel der Frauen gegen China 1996. Da bin ich mit der Betreuerin, die auch Übersetzerin war, die Namensliste durchgegangen und habe mir die Namen in Lautschrift dahintergeschrieben. Es mag zwar nicht alles hundertprozentig richtig gewesen sein. Aber außer den 20 Chinesen, die in der Halle waren, hat das niemand gemerkt. Wichtig ist, dass du flüssig durchsprichst. Speziell bei Namen, die fremd sind fürs Ohr. Im Handball frage ich vor dem Spiel einen Betreuer, wenn ich mir nicht sicher bin. Da fällt mir kein Zacken aus der Krone. Ich will’s lieber richtig machen. Der Holländer Bobby Schagen, der „Sjaachen“ ausgesprochen wird, ist ein leuchtendes Beispiel.

Wie schwierig ist es, als Moderator eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, ohne sich zu sehr anzubiedern?

Das ist sicher ein Spagat – vor allem bei Gästen, die ich gut kenne. Da fällt es mir zugegebenermaßen manchmal schwerer, richtig kritisch zu sein. Wenn ich mich selbst reflektiere, bin ich vielleicht manchmal zu nett zu meinen Gästen.

Haben Sie eine bestimme Strategie?

Ich lass’ die Leute gerne ausreden. Ich finde es auch nicht gut, wenn ein Moderator keine Frage stellt, sondern eine These aufstellt. Das ist ein großer Unterschied. Es ist gut und wichtig, kritisch nachzufragen. Es ist aber nicht gut, ständig zu widersprechen.

Ist es also in bestimmten Situationen angebracht, sich etwas zurückzunehmen als Moderator?

In meiner Anfangszeit hatte ich bei einem Wirtschaftsforum vor rund hundert Gästen ein Interview mit Reiner Calmund. Dem stellst du eine Frage, er plappert los, erzählt eine Anekdote nach der anderen. Dann muss ich doch nicht meinen Fragenkatalog durchbringen, solange es lustig und interessant ist, was er erzählt. Die Leute kommen ja, weil sie den Menschen reden hören möchten, und nicht wegen meinen Fragen. Ich sehe mich als Mittel zum Zweck. Ich freue mich aber, wenn ich ein positives Feedback bekomme. Das motiviert mich, auf diesem Weg weiterzumachen. Umso schwieriger ist es in diesem Jahr, auf einiges verzichten zu müssen.

Wie hart hat Sie Corona getroffen?

Extrem hart. 2019 war für uns, auf die Events bezogen, ein herausragendes Jahr mit den Großveranstaltungen Handball-WM, Turn-WM in Stuttgart und den European Games in Minsk. In diesem Jahr haben wir über 80 Prozent Umsatzrückgang im Eventbereich. Wichtig ist, dass wir nach wie vor den TVB Stuttgart haben. Ohne unser zweites Standbein wäre es für uns an die Substanz gegangen. Aber wir haben auch schwäbisch gewirtschaftet in den vergangenen Jahren und nicht immer alles investiert.

Mit 48 Jahren ist zwar die Zeit noch längst nicht gekommen, um auf die Karriere zurückzublicken. Trotzdem: Was waren bisher die Höhepunkte?

Die Olympische Spiele waren schon herausragend. 2010 in Vancouver und 2014 in Sotschi war ich der einzige deutsche Moderator im Stadion. In Vancouver war es etwas ganz Besonderes und eine große Herausforderung, als nicht-englischer Muttersprachler in einem englischsprachigen Land Stadionsprecher auf Englisch zu sein. Es hat aber super funktioniert. Mein Englischlehrer, Herr Wolf, wäre stolz gewesen (lacht). Das Gespräch führte Thomas Wagner

Herr Zimmermann, Wikipedia beschreibt Sie als Sportmoderator, Athleten-Manager und Entertainer. Erheben Sie Widerspruch?

Als Entertainer würde ich mich weniger bezeichnen. Da denke ich eher an Thomas Gottschalk oder Harald Juhnke. Im weitesten Sinne sind beim Moderieren vielleicht gewisse Entertainer-Fähigkeiten gefragt. Ein bisschen Witz und Charme sollte man schon haben, um den Funken überspringen zu lassen.

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