Fußball im Rems-Murr-Kreis

Nico Schlotterbeck macht die Grätsche: Warum dem Weinstädter die Zukunft gehört

WM 2022 - Spanien - Deutschland
Nico Schlotterbeck zeigt sich von der heftigen Kritik unberührt: Hier klärt er gegen Alvaro Morata in höchster Not und verhindert die Niederlage gegen Spanien. © pciture alliance/dpa | Tom Weller

Unser aus Weinstadt stammender Nationalspieler Nico Schlotterbeck wird uns noch viel Freude bereiten. Er wird einer der besten Innenverteidiger Europas werden. Und an dieser Prognose ändert die geballte Kritik, die ihn nach dem Japan-Spiel ereilt hat, genau gar nichts. Schlotterbeck vereint moderne Innenverteidiger-Kompetenzen mit klassischen Tugenden, ihm gehört die Zukunft: eine Analyse.

Spieleröffnung, nach vorne verteidigen: Nico Schlotterbecks Klasse

Blenden wir zunächst zurück aufs Japan-Spiel – es gab viele Szenen, in denen Schlotterbecks große Qualitäten erkennbar waren: hinreißend seine vertikalen Spieleröffnungen, die manchmal zwei gegnerische Reihen auf einmal chirurgisch sauber durchschneiden; bewundernswert seine Art, „nach vorne zu verteidigen“, wie es auf Fachchinesisch heißt, nicht hasenfüßig in der Abwehrkette zu verharren, sondern Spielentwicklungen vorauszuahnen, bei gegnerischem Ballbesitz ins Mittelfeld vorzustoßen und gefährliche Situationen zu unterbinden, bevor sie überhaupt als solche erkennbar werden.

Diese Spielweise zeugt sowohl von Mut als auch von Intelligenz. So wurde Mats Hummels zum Weltstar, so will der Guru des Weltfußballs, Pep Guardiola, seine Innenverteidiger spielen sehen. All das war gegen Japan zu bestaunen. Nur ging es danach total unter.

Sicher, Schlotterbeck sind auch Fehler unterlaufen, ein paar zu viel, Fahrigkeiten bei Ballannahme und Pass – aber sind das unbegreifliche Schandtaten bei einem 22-Jährigen, der gerade sein allererstes WM-Spiel bestreitet?

Das zweite Gegentor gegen Japan: Eine Kette aus vielen Fehlern

Und ja, beim zweiten Gegentor sah er nicht sehr glücklich aus – aber das gilt auch für mehrere andere. Zum Beispiel schaffte es kein Stürmer, kein Mittelfeldspieler, auch nur ansatzweise Druck auf den Japaner auszuüben, der vollkommen ungestört den Pass in die Tiefe spielte. Der nächste deutsche Spieler war zehn Meter entfernt. Hinten hob Rüdiger den Arm, weil er offenbar nicht für möglich hielt, dass rechts noch jemand fünf Meter hinter ihm stehen könnte; Süle aber stand dort und hob das Abseits auf, das ansonsten sauber gegriffen hätte: Denn Schlotterbeck hatte sich mustergültig präzise auf Rüdigers Höhe postiert.

Nun musste Schlotterbeck mit fünf Metern Rückstand ins Laufduell gegen den japanischen Stürmer gehen und schloss die Lücke tatsächlich noch, wirkte aber, das stimmt, im Zweikampf etwas unentschlossen. Nur: Wenn Neuer dem Angreifer zwei, drei Meter entgegengekommen wäre, den Winkel verkürzt, die kurze Ecke zugemacht hätte, würde sich heute niemand mehr an die folgenlose Szene erinnern.

Die allerwenigsten Gegentore sind die exklusiven Fehler eines Einzelnen – dieses 2:1 war ein Musterbeispiel für mannschaftstaktische Unkoordiniertheit und eine Reihe individueller Unsauberkeiten. Schlotterbeck hat uns das Match verloren? So ein Quatsch.

Aber genug vom Japan-Spiel. Aus welchem Holz Nico Schlotterbeck geschnitzt ist, offenbarte er gegen Spanien.

Nico Schlotterbecks Spanien-Grätsche: Löwenmut trifft Chirurgenpräzision

Er hatte seinen Platz in der Startelf verloren, die halbe Republik hatte sich auf ihn als Sündenbock eingeschossen, Millionen und Abermillionen von Bundestrainern hatten ihn in die Pfanne gehauen. Und nun wurde er eingewechselt, die Aufgabe war extrem undankbar: In einem engen Spiel sollte er auf Knopfdruck funktionieren, mit der ganzen Last der Kritik auf den Schultern, fachfremd aufgestellt, als Außenverteidiger.

Und vereitelte kurz vor Schluss eine dicke Chance der Spanier mit einer spektakulären Grätsche, bei der sich Löwenmut und Chirurgenpräzision paarten; im eigenen Strafraum. Ein Video dieser Szene sollte man im Museum für Charakterfestigkeit ausstellen: Da hat sich einer nicht weggeduckt, sondern Verantwortung übernommen, den Glauben an sich selbst bewahrt und ist im Dienst der Mannschaft erfolgreich ins Risiko gegangen. Danach ballte er die Faust und zeigte, dass ihm bei all dem Druck die Freude am Wettkampf, die Lust am leidenschaftlichen Spiel nicht verloren gegangen sind.

Nico Schlotterbeck gehört die Zukunft: Eine Wette

Ganz egal, ob er bei dieser WM noch einmal zum Einsatz kommt, vollkommen schnuppe, ob Deutschland die Vorrunde übersteht – eins steht fest, und falls jemand widersprechen will, biete ich hiermit eine Wette an, ich setze eine Kiste Bier, wer will, darf dagegenhalten: Selbst, wenn Nico Schlotterbeck bei der WM 2022 keine Schlüsselrolle mehr spielen sollte, wird er spätestens bei der EM 2024 und der WM 2026 eine tragende Säule unserer Mannschaft sein.

Unser aus Weinstadt stammender Nationalspieler Nico Schlotterbeck wird uns noch viel Freude bereiten. Er wird einer der besten Innenverteidiger Europas werden. Und an dieser Prognose ändert die geballte Kritik, die ihn nach dem Japan-Spiel ereilt hat, genau gar nichts. Schlotterbeck vereint moderne Innenverteidiger-Kompetenzen mit klassischen Tugenden, ihm gehört die Zukunft: eine Analyse.

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Spieleröffnung, nach vorne verteidigen: Nico Schlotterbecks Klasse

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