Rems-Murr-Sport

Der Ukraine-Krieg behindert die Planungen des Badminton-Erstligisten SG Schorndorf

Sozonov
Alexander Dunn (links) und Ivan Sozonov, das schottisch-russische Duo bei der SG Schorndorf. Beim überraschenden 4:3-Sieg gegen den Deutschen Meister Bischmisheim gewannen die beiden das erste Männerdoppel. © ULRICH KOLB

Platz acht in der ersten regulären Saison in der Badminton-Bundesliga und komfortable sieben Punkte Abstand zu den Abstiegsplätzen: Benjamin Wahl, Teamchef der SG Schorndorf, ist zufrieden – aber auch ein wenig gestresst nach der von der Pandemie bestimmten Spielzeit, die reichlich Improvisationskunst und einen langen Atem verlangte. Nervenaufreibend und von vielen Unwägbarkeiten geprägt sein dürfte auch die nächste Saison. Nicht nur wegen des nimmermüden Coronavirus: Der Krieg in der Ukraine bringt die Kaderplanungen durcheinander.

Wahl als Puzzlemeister

Es ist eine Saison gewesen, in der Benjamin Wahl nicht nur als Teamchef, Teammanager und Trainer gefordert war und ganz nebenbei als Bundesligaspieler nach seiner Fitness schauen musste. Wahl ist auch zum Puzzlemeister mutiert – und musste letztlich froh sein, dass er den Kader antizipativ üppig besetzt hatte. 20 Spielerinnen und Spieler kamen in den 20 Spielen zum Einsatz. „Das ist fast schon eine Kadergröße wie beim Fußball und eigentlich unglaublich“, sagt Wahl. Theoretisch kann ein Badminton-Team ein Spiel mit sechs Akteuren bestreiten.

Mit coronabedingten Ausfällen von Spielerinnen und Spielern hatten die Schorndorfer dabei kaum zu kämpfen – bis zum finalen Spieltag. David Kramer und Benjamin Wahl selbst mussten passen. „Das Schöne war, dass auch unsere Bundesliga-Reserve in der Lage war, Jena zu schlagen.“ Das zeige, dass die SG auch in „deutscher“ Besetzung besser sei als Jena und den Konkurrenten in der Tabelle nicht nur aufgrund der ausländischen Spieler hinter sich ließ.

Die ausländischen Spieler kamen längst nicht so oft zum Einsatz, wie geplant gewesen war. Das große Problem war der internationale Turnierkalender, der vom Coronavirus kräftig durcheinandergewirbelt wurde. Termine und Turniere mussten verschoben werden und kollidierten häufig mit den Bundesligaspieltagen. Sprich: Wahl musste immer wieder aufs Neue improvisieren bei der Mannschaftsaufstellung.

„Zu Beginn der Saison bin ich vom einen oder anderen für verrückt erklärt worden, so viele Ausländer zu verpflichten“, sagt Wahl. „Im Nachhinein war’s goldrichtig.“ Die meisten Spiele – von den ausländischen Akteuren – für die SG absolvierte die Engländerin Elizabeth Tolmann mit 16 von möglichen 20. Ivan Sozonov (Russland) und Josefine Jensen (Dänemark) waren jeweils zwölfmal im Einsatz, Mads Pieler Kolding (Dänemark) elfmal, Alexander Dunn (Schottland) fünfmal und Arnaud Merkle (Frankreich) sechsmal. Gerade den extrovertierten Elsässer, „unseren Kracher“ (Wahl), hätte der Teamchef gerne öfter auf dem Court gesehen.

Höhepunkt: Sieg gegen den Deutschen Meister

Sportlich flutschte es zu Beginn sehr gut bei der SG, Höhepunkt war der Sieg gegen den Deutschen Meister 1. BC Bischmisheim. Dann standen die ausländischen Akteure nicht mehr so häufig zur Verfügung, die SG rutschte in der Tabelle ein wenig ab. „Trotzdem war relativ früh klar, dass wir nicht absteigen werden“, so Wahl. Alles in allem sei er sportlich „super zufrieden, wir sind immer mit einem guten Gefühl und selbstsicher durch die Saison gegangen“.

Zwischenzeitlich bestand sogar die Aussicht auf einen Play-off-Platz. Dann fiel der Punkte-Garant Arnaud Merkle an zwei Spieltagen wegen Corona aus. Einmal hatte er eine internationale Turnierverpflichtung in Uganda. Die hatte natürlich Vorrang, schließlich musste Merkle wichtige Weltranglistenpunkte für die Qualifikation zu den Olympischen Spielen sammeln. Der Trip nach Afrika lohnte sich, Merkle gewann das Turnier.

„Wer weiß, was passiert wäre, wenn wir im Februar mit einer stärkeren Besetzung angetreten wären“, so Wahl. Andererseits seien dadurch die deutschen Spieler wie David Kramer, Alan Erben („Beide haben sich noch mal gesteigert“), Xenia Kölmel, Kerstin Wagner oder auch er selbst öfter zum Einsatz gekommen. Und alle hätten bewiesen, dass sie an der Seite der internationalen Spieler sehr gut mithalten und den einen oder anderen Nationalspieler bezwingen können. „Das ist ein schönes Gefühl.“

Das Coronavirus sorgte nicht nur für eine schweißtreibende Tüftelei bei den Aufstellungen. Relativ ernüchternd waren die Zuschauerzahlen. Erst mit der 3G- und 2G-plus-Regelung kamen wieder ein paar Leute mehr in die Halle. Im Schnitt 150 bis 200 Fans verfolgten die Heimspiele in der Karl-Wahl-Halle, auf rund doppelt so viele hatte der Teamchef vor der Saison gehofft. „Ich glaube, im Normalbetrieb hätten wir die auch gehabt.“ Vielleicht habe die Maskenpflicht den einen oder anderen davon abgehalten, die Spiele zu besuchen.

Russische Spieler verpflichten oder besser nicht?

Nun hofft Wahl, dass die Fans in der neuen Saison ihre Scheu ablegen. Welche Spieler sie zu Gesicht bekommen werden, steht allerdings noch in den Sternen. Die Vorbereitungen für die zweite Saison im Badminton-Oberhaus gestalten sich für die SG Schorndorf doppelt schwierig. Erstens, weil die ausländischen Spieler wieder anderweitig beschäftigt sein werden und ihr Einsatz in der Bundesliga nicht langfristig planbar sein wird. „Theoretisch wäre es gut, wir könnten mit den Spielern eine Vereinbarung treffen, wie oft sie kommen“, sagt Wahl. „Weil es aber immer dazu passen muss, wie der Teamkollege zur Verfügung steht, macht es das furchtbar schwierig.“ Die Vereinbarungen könnten so aussehen, „dass die Spieler – stets in Abstimmung miteinander – maximal oft kommen“.

Das zweite Problem bei der Kaderplanung ist ein relativ neues: der Ukraine-Krieg. Eigentlich wollte Wahl, auch weil er mit Ivan Sozonov sehr gute Erfahrungen gemacht hat, weitere russische Spieler für die SG Schorndorf begeistern. Die Planungen seien schon weit fortgeschritten. Gespräche seien geführt, aber noch keine Vereinbarungen unterschrieben worden. „Die große Frage ist: Sollen wir in der aktuellen Situation einen Russen holen?“ Keiner wisse, wie lange der Krieg noch dauere. Keiner wisse, ob und wie lange die russischen Spieler gesperrt werden. Es sei nicht so einfach, damit umzugehen. „Ich habe mir meine Meinung darüber noch nicht abschließend gebildet“, so Wahl. „Aber natürlich sind unsere Probleme im Vergleich zum furchtbaren Leid, den der Krieg verursacht, ein Witz.“

Schon in der vergangenen Saison haben sich die Verantwortlichen der SG Schorndorf mit dem Thema beschäftigen müssen. So wäre Ivan Sozonov gegen Ende für zwei weitere Spiele verfügbar gewesen. Theoretisch. Mit der Diskussion indes, ob russische Spieler eingesetzt werden sollen oder dürfen wegen des Ukraine-Krieges, hätten sich diese Überlegungen erledigt. „Wir haben uns dafür entschieden, dass wir das nicht machen.“ Auch wenn der Badminton-Verband keine Sperren verhängt hat.

Wahl ist hin- und hergerissen bei diesem heiklen Thema. Auf der einen Seite seien die russischen Spieler die Leidtragenden. Auf der anderen Seite hat Wahl auch Verständnis dafür, dass Sportler ausgeschlossen werden. „Je mehr russische Menschen sanktioniert werden, desto eher passiert etwas. Wir werden jetzt im SG-Vorstand diskutieren, was wir machen. Wir haben ja auch eine politische Verantwortung.“

Kunst: Die Mischung bewahren

So schnell also wird Benjamin Wahl den Kader für die neue Saison nicht beisammen haben. Aus der aktuellen Mannschaft hätten alle Spielerinnen und Spieler signalisiert, dass sie gerne bleiben würden. „Wir haben aber noch nicht zu Ende verhandelt, das Kernteam bleibt wohl zusammen.“ Ein Fragezeichen stehe beispielsweise noch hinter Mads Pieler Kolding, der die Erwartungen nicht ganz erfüllt habe. Kolding habe angeboten weiterzuspielen und als Spielervermittler für dänische Spieler zu fungieren.

Grundsätzlich, so Wahl, sei’s auch eine Kunst, eine gesunde Mischung im Team zu bewahren. „Wir wollen keinen Söldnertrupp, sondern auch weiterhin regionale deutsche Spieler einsetzen.“ Meldeschluss für den Kader ist Ende Juli, allzu lange Zeit lassen indes darf sich Wahl nicht. Die Topspieler seien relativ früh unter Dach und Fach. Auf alle Fälle weiter für die SG Schorndorf spielen soll Ivan Sozonov. „Er ist bodenständig und hilfsbereit. Es wäre sehr schade, wenn er nicht mehr dabei wäre.“

Zeit zum Durchschnaufen bleibt also nicht für Benjamin Wahl und seine Mitstreiter bei der SG Schorndorf. Kaum ist der letzte Ball gespielt, schwirren schon die Gedanken im Kopf, was in der neuen Saison auf den Verein zukommen wird. „Natürlich hat man schon wieder Bedenken, ob die Runde normal anlaufen wird – ohne Beschränkungen. Das frustriert schon ein bisschen.“ Von ständig wechselnden Einreisebestimmungen, Risiko- und Virusvariantengebieten, Quarantäneverordnungen, der permanenten Planungsunsicherheit und von kurzfristigen Änderungen hat Wahl eigentlich genug. „Ich stelle mir alle zwei Wochen die Frage, ob der ganze Aufwand sein muss“, sagt er. „Dann gewinnt man wieder ein Spiel und fühlt sich belohnt.“ Zudem gibt’s noch eine schnöde Zahl, die Wahl zum Weitermachen motiviert: „In Deutschland gibt es 3400 Badmintonvereine und wir sind die Nummer acht. Das ist ein gutes Gefühl.“

Der Traum vom Final Four

Vielleicht geht’s für die SG irgendwann auch mal noch eine Stufe höher in der Tabelle. Die Qualifikation für die Play-offs wäre jedenfalls ein Traum. In diesem Jahr finden sie am 22. und 23. April in der Schleyer-Halle im Rahmen des Porsche-Tennis-Grand-Prix statt. Im Gespräch sei, so Wahl, das Final Four fix nach Stuttgart zu vergeben. „Es wäre cool, vor der eigenen Haustüre mit einem eigenen Team aufzulaufen.“

In vier Wochen darf die SG Schorndorf schon mal Finalluft schnuppern, stellt Linienrichter und unterstützt bei der Organisation. „Wir stellen sozusagen das Badminton-Know-how“, sagt Wahl.

Platz acht in der ersten regulären Saison in der Badminton-Bundesliga und komfortable sieben Punkte Abstand zu den Abstiegsplätzen: Benjamin Wahl, Teamchef der SG Schorndorf, ist zufrieden – aber auch ein wenig gestresst nach der von der Pandemie bestimmten Spielzeit, die reichlich Improvisationskunst und einen langen Atem verlangte. Nervenaufreibend und von vielen Unwägbarkeiten geprägt sein dürfte auch die nächste Saison. Nicht nur wegen des nimmermüden Coronavirus: Der Krieg in der

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