TVB Stuttgart

Letztes TVB-Spiel für Schagen und Schimmelbauer

1/2
SchimmelbauerT26
Neun Jahre legte sich Tobias Schimmelbauer für den TVB ins Zeug, nun setzt er seine Karriere in Hamburg fort. © Ralph Steinemann Pressefoto
2/2
_1
Kaum einer jubelt so schön wie Bobby Schagen. In der nächsten Saison wird der Niederländer für den Liga-Konkurrenten TBV Lemgo auf Torejagd gehen.

Mit dem Spiel gegen den HC Erlangen am Sonntag (ab 15 Uhr / ZVW-Liveticker) geht nicht nur die vierte Erstliga-Saison des TVB 1898 Stuttgart zu Ende, sondern auch die Zeit von Bobby Schagen und Tobias Schimmelbauer (31) beim TVB. Drei Jahre bildeten der flinke Niederländer und der abwehrstarke Hüne die Flügelzange, jetzt verabschieden sie sich nach Lemgo und Hamburg.

Am Sonntagnachmittag ist er ausgeträumt, der „Traum von Amsterdam“. Drei Jahre lang dröhnte der Song durch die Boxen in der Porsche-Arena und Scharrena. Immer dann, nachdem Bobby Schagen den Ball ins gegnerische Tor gezwirbelt hatte. Fast 400 Treffer erzielte der niederländische Nationalspieler für die Stuttgarter in drei Jahren, zum Abschied sollen noch ein paar hinzukommen. Für die Statistik, aber auch für die Fans. Die haben ihren „Fliegenden Holländer“, der so schön jubeln kann, schnell ins Herz geschlossen.

Dabei waren die Fußstapfen, die Schagens Vorgänger auf der rechten Außenbahn hinterlassen hatte, ziemlich groß. Auch Michael „Spatzi“ Spatz kam bei den Zuschauern gut an.

Aus Nettelstedt kam Schagen zur Saison 2016/2017 – und fand sich im Süden der Republik schnell zurecht. „Ich durfte gleich viel spielen, das hat mir natürlich geholfen“, sagt er. „Und Siebenmeterwerfen, da bekommt man viel Verantwortung.“ In den ersten beiden Spielzeiten war Schagen bester TVB-Schütze, in dieser Saison liegt er in der internen Rangliste auf Rang vier. Allerdings fehlte er auch in drei Spielen.

„Ich wollte einfach eine Entscheidung, eine Sicherheit haben“

Vom Siebenmeterstrich war der nervenstarke Linkshänder eine Bank, mit raffinierten Würfen von außen überlistete er die gegnerischen Torhüter. Nach erfolgreich abgeschlossenen Gegenstößen kurvte der schnelle Amsterdamer mit weit ausgebreiteten Armen zurück. Schagen hat das gewisse Etwas – und doch ist für ihn beim TVB jetzt Schluss.

„Eigentlich wollte ich ja noch ein Jahr hierbleiben – mindestens“, sagt Schagen, dessen Vertrag am Ende dieser Saison ausgelaufen wäre. Das eine oder andere Angebot habe ihm vorgelegen, doch er habe zuerst mit dem TVB sprechen wollen. „Irgendwie ging mir das aber nicht schnell genug, ich hatte kein so gutes Gefühl.“ Deshalb habe er angefangen, sich intensiver Gedanken zu machen. „Lemgo hat sich sehr um mich bemüht, der Trainer hat mich oft angerufen.“ Der TBV suchte einen Nachfolger für Tim Hornke, der nach Magdeburg wechseln wird.

Irgendwann habe er sich entschlossen, so Schagen, in Lemgo eine neue Herausforderung zu suchen. „Ich wollte einfach eine Entscheidung, eine Sicherheit haben.“ Ende November vergangenen Jahres unterschrieb er einen Zweijahres-Vertrag.

Nicht Schagen, sondern Schaaacha

Lemgo sei für ihn aus zweierlei Hinsicht reizvoll. Zum einen liegt es näher an seiner niederländischen Heimat. Zum anderen gibt’s zum Trainer eine Art Seelenverwandtschaft: Florian Kehrmann war Rechtsaußen des Weltmeisterteams von 2007. „Ich denke, er kann mich noch besser machen“, so Schagen, der auch mit 29 Jahren noch lernwillig und gierig ist. „Ich möchte noch ein paar Jahre spielen, Handballer ist doch ein geiler Beruf.“

Dass die Zeit mit den Kollegen nun zu Ende geht und auch die Kontakte mit der Zeit abbrechen werden, sei normal im Sport. Den einen oder anderen Mitspieler werde er vermissen, „die tollen Fans natürlich auch“. Und den Hallensprecher Jens Zimmermann. „Er ist der Beste, den ich hatte“, sagt Schagen und lacht. Zimmermann gab sich stets Mühe, den Nachnamen der Nummer 7 holländisch korrekt auszusprechen: nicht Schagen, sondern Schaaacha. „Das hat er ziemlich gut gemacht.“

Dreimal so lang wie Schagen hat Tobias Schimmelbauer das TVB-Trikot getragen. In den neun Jahren ist der 31-Jährige quasi klammheimlich zum „Wild Boy“ mutiert. Zwei aktuelle Spieler, Simon Baumgarten und Dominik Weiß, gehörten in der Saison 2010/2011 zum Team, das in der 2. Bundesliga Süd um die Qualifikation zur eingleisigen 2. Liga kämpfte. Ziemlich kurzfristig verpflichteten die Bittenfelder damals den 1,99 Meter großen gebürtigen Wiesbadener von der HSG Frankfurt, weil die Linksaußen Marcel Lenz verletzungs- und Jens Baumbach berufsbedingt Wackelkandidaten waren.

Schimmelbauer ist kein Linksaußen von der Stange

„Ich habe nicht lange überlegen müssen, als das Angebot kam“, sagt Schimmelbauer. Dass er aber fast seine gesamte Karriere beim TVB verbringen würde, habe er nicht geplant. Der Verein habe sich weiterentwickelt, und er sich auch. „Ich habe mich immer wohl gefühlt, es gab deshalb keinen Grund zu wechseln.“

Auch die Bittenfelder hielten an ihm fest. Schließlich ist Schimmelbauer kein Linksaußen von der Stange. Einen Außenspieler, der in der Abwehr auf der Halbposition verteidigen kann, gibt’s in der Bundesliga kein zweites Mal. „Zumindest keinen Hauptamtlichen wie mich“, sagt er und lacht. Ein angenehmer Gegenspieler ist er nicht, langt er doch auch gerne mal etwas kräftiger zu. Mit der Folge, dass Schimmelbauer in der Zeitstrafen-Statistik in der Regel ziemlich weit oben platziert ist. „Da waren sicher ein paar unnötige Strafen dabei, weil ich mir Respekt verschaffen wollte.“ Mit zunehmendem Alter sei er aber cleverer geworden.

Sein Geburtsdatum ist Schimmelbauer nun sozusagen zum Verhängnis geworden: Der TVB hat den Vertrag nicht verlängert. Natürlich habe er mitbekommen, dass sich der Verein verändern wolle, deshalb sei er nicht aus allen Wolken gefallen. „So blauäugig ist keiner.“ Ob er es sportlich nachvollziehen könne, nachdem er eine gute Saison gespielt habe, sei ein anderes Thema. „Die Phase der Trauer war aber nur kurz.“

Nun wagt er einen Neustart beim HSV Hamburg, der schon große Zeiten erlebt hat. Nach dem Absturz in die zweite Liga wollen die Hamburger den Blick mittelfristig wieder nach oben richten.

„Ich lasse mich da mal überraschen“

Als Routinier soll Schimmelbauer die junge Mannschaft um den Trainer und ehemaligen Nationalspieler Torsten Jansen führen. „Wir freuen uns tierisch auf Hamburg“, sagt der Linksaußen. Schimmelbauers Frau hat ihr Architektur-Studium abgeschlossen und in der Millionenstadt gute Aussichten auf eine Anstellung. Auch Schimmelbauer hat sein Sportstudium beendet. Beruflich einsteigen indes möchte er – noch – nicht. Er wolle sich erst mal zwei, drei Monate einleben in der neuen Umgebung. Den einen oder anderen Insidertipp kann sich Schimmelbauer übrigens von einem ehemaligen Mitspieler beim TV Bittenfeld holen: Jan Forstbauer spielt seit 2016 beim HSV.

Einmal noch gilt Schimmelbauers Konzentration dem TVB. In seinem letzten Spiel möchte er am Sonntag unbedingt noch einmal über zwei Punkte jubeln. „Ich denke, es wird schon ein bisschen emotional“, sagt er. „Ich lasse mich da mal überraschen.“


Für Spannung ist gesorgt am letzten Spieltag, weder der Meister noch die beiden Absteiger stehen fest. Der TVB 1898 Stuttgart will gegen den HC Erlangen am Sonntag unbedingt die Serie von sieben Spielen ohne Sieg beenden. „Das wünsche ich auch den Spielern, die uns jetzt verlassen“, sagt der Trainer und Geschäftsführer Jürgen Schweikardt.

Optisch, das heißt in der Tabelle, kann sich der TVB selbst bei einem Sieg nicht mehr verbessern. Er kann jedoch den Punktrückstand zu den Teams davor verringern – und nebenbei den persönlichen Punkterekord in der ersten Liga – endlich – knacken. Wie der Gegner übrigens auch: Bei einem Erfolg in der Scharrena hätte das Team von Trainer Adalsteinn Eyjolfsson den neunten Platz aus der Aufstiegssaison bestätigt und mit 30 Zählern eine Bestmarke aufgestellt.

Die verpassten die Franken im letzten Saisonheimspiel nur hauchdünn. Acht Minuten vor dem Ende hatten sie gegen die MT Melsungen noch mit 24:21 geführt und mussten sich durch ein Kempator von Michael Allendorf mit Schlusssirene mit 24:25 geschlagen geben.

Noch mehr unglückliche Spiele hatte der TVB in den vergangenen Wochen, 1:13 Punkte lautet die bittere Bilanz. Aus der besten Platzierung in der vierjährigen Bundesliga-Geschichte wird definitiv nichts. „Gewinnen wir, verringern wir den Abstand auf Erlangen auf drei Punkte“, sagt Schweikardt. „Ich denke, das hätten wir mindestens verdient.“

Die Annäherung ans Mittelfeld der Tabelle ist nicht das einzige Ziel im finalen Saisonspiel, das für drei Akteure besonders emotional werden dürfte: Michael Schweikardt, Simon Baumgarten und Tobias Schimmelbauer prägten das Spiel des TVB über Jahre hinweg und werden ebenso wie Bobby Schagen, Lukas von Deschwanden und Jonas Maier letztmals auflaufen. Verabschiedet wird auch der derzeit verletzte Florian Burmeister. Sentimentalitäten indes werden den Gegner kaum interessieren, der beim 31:25-Hinspielsieg das klar bessere Team war. Personell gibt’s beim TVB etliche Fragezeichen: Ausfallen wird auf alle Fälle weiterhin Robert Markotic. Stark angeschlagen sind David Schmidt (Leiste) und Lukas von Deschwanden (Bänderriss am Knöchel). Dominik Weiß hat nach seiner Zahnoperation wieder trainiert, ist aber noch nicht bei hundert Prozent.


Info

Das Spiel gegen Erlangen ist ausverkauft. Im Anschluss werden in der Halle die Spieler verabschiedet, die den TVB zum Saisonende verlassen werden. Danach steigt in der PSV-Vereinsgaststätte gegenüber der Scharrena die Saisonabschlussparty. Der TVB bietet deshalb auch einen alternativen Shuttledienst an. Nähere Infos: https://www.tvb1898.de/shuttlebus/