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Welche Verbindungen haben Magdalena Brzeska, Anni Friesinger, Sven Hannawald und Fabian Hambüchen zu Fellbach?

Klaus Kärcher Interview in der Stuttgarter Zahnradbahn
Klaus Kärcher ist einer der erfolgreichsten und renommiertesten Sportmanager in Deutschland. Er denkt nicht daran, es mit 62 Jahren gemächlicher angehen zu lassen. „Es gibt noch so viele wunderbare Aufgaben“, sagt der Fellbacher. © Alexander Keppler

Was haben Magdalena Brzeska, Anni Friesinger, Sven Hannawald, Anna Fenninger und Fabian Hambüchen gemeinsam? Sie haben allesamt eine beeindruckende Sportkarriere hinter sich – und alle wurden oder werden betreut von Klaus Kärchers Sportmarketing- und Personality-Agentur. 62 Jahre alt ist der Fellbacher mittlerweile, seit 40 Jahren im Geschäft – und immer noch motiviert. „Ruhestand passt nicht zu meinem Naturell“, sagt der Sportmanager im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Thomas Wagner. „Ich habe immer noch Hummeln unterm Hinterteil.“

Herr Kärcher, viele Bereiche der Wirtschaft leiden extrem unter den Corona-Beschränkungen. Wie ist die Lage im Sportmanagement?

Wir leiden wie viele andere Branchen auch stark darunter. Wir kümmern uns bei Vitesse hauptsächlich um die Nische olympischer Sport. Die Vermarktung ist lahmgelegt, weil nur ganz wenige Events stattfinden, und wenn, dann mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit und ohne TV-Übertragungen. Letztlich leben wir von den langfristigen Arrangements, die natürlich momentan auch reduziert werden.

Ohne Wettkämpfe fehlen den Athleten plötzlich die Ziele, auf die sie oft monatelang, bei Olympischen Spielen sogar vier Jahre hingearbeitet haben. Müssen Sie hin und wieder den Seelentröster spielen?

Wir haben alle noch nie so viel telefoniert wie in den letzten Monaten, weil jedem dieses Thema unter den Nägeln brennt. Wir sprechen über Gott und die Welt, was auch mal guttut. Ich denke an unsere Beachvolleyball-Olympiasiegerin Laura Ludwig. Sie wollte jetzt im September, nach den Olympischen Spielen 2020, ans zweite Kind denken. Nun muss die Familienplanung um ein Jahr verschoben werden. Auf der anderen Seite gibt es auch junge Athleten, für die die Spiele in diesem Jahr wohl noch zu früh gekommen wären. So dürfte die Chance für Alica Schmidt, sich 2021 mit der 4x400-m-Staffel zu qualifizieren, jetzt sehr gut sein. Es gibt also auch kleine Gewinner bei der großen Katastrophe. Die meisten Athleten sind aber Verlierer. Die Ungewissheit, wann und wie es weitergeht, das ist eine riesige psychische Belastung für die Athleten.

Die aussichtsreichste Möglichkeit, sich zu vermarkten, sind Großereignisse wie Europa- und Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele. Mussten Sie Ihre Strategie bei Ihren Olympia-Kandidaten komplett über den Haufen werfen?

Es hat sich eben alles verändert. Wenn weder EM, WM noch die Olympischen Spiele stattfinden, fehlen dem Sportler seine wichtigsten Präsentationsbühnen. In manchen Sportarten gibt’s ja nur alle vier Jahre mit den Olympischen Spielen eine große Bühne. Wenn die wegfällt, wird es umso schwerer, das auszugleichen. Wir waren gezwungen, vieles zu hinterfragen, haben aber keinen Lösungen gefunden. Nun hoffen wir eben wie viele andere Branchen auch, dass sich mit einem Impfstoff die Situation wieder normalisiert.

Wie viele Athleten betreuen Sie aktuell insgesamt?

Wir betreuen momentan 40 Athleten, wobei zu diesem Team auch Influencer und eine Sportmoderatorin gehören sowie ein starkes Juniorteam mit 15 Athleten, die nicht den Aufwand bedeuten wie ein Top-Athlet oder Leute im öffentlichen Leben wie Anni Friesinger, Fabian Hambüchen oder Sven Hannawald. Und weil die Vermarktungsmöglichkeiten durch Corona sehr eingeschränkt sind, arbeiten wir momentan viel, jedoch ohne den entsprechenden Verdienst.

Haben Sie sich eine Obergrenze bei der Athletenzahl gesetzt?

Die Obergrenze setzt sich aus unserem Anspruch heraus selbst. Viele Athleten kommen über Mund-zu-Mund-Propaganda zu uns. Sie haben das Gefühl, dass sie bei uns am besten aufgehoben sind. Wenn wir jemanden betreuen, dann machen wir das zu hundert Prozent. Wir sind ein sehr kleines Unternehmen. Und wenn wir das nicht mit einer einigermaßen vernünftigen Arbeitszeit hinkriegen, müssen wir reduzieren.

Auf Ihrer Homepage ist zu lesen, dass Sie nicht nur den Sportler betreuen, sondern vor allem den Menschen, der hinter den Erfolgen steckt. Wie schnell merken Sie bei Ihren Erstgesprächen, ob genügend Mensch in einem Sportler steckt?

Der Mensch ist das Wichtigste. Nur wenn man den Menschen, der hinter einer sportlichen Spitzenleistung steckt, auch in den Mittelpunkt stellt, fühlt er sich wohl. Und nur wenn er sich wohl fühlt, kann er Leistung bringen. Das ist eine ganz einfache Formel. Ich selbst entscheide zu 99 Prozent aus dem Bauch heraus. Wenn ich mich auf das Gespräch vorbereite, mache ich mir innerlich schon ein gewisses Bild. Oft ist vor dem Gespräch eigentlich schon entschieden, dass ich gerne mit jemandem arbeiten würde.

Bedeutet das im Umkehrschluss, dass nicht immer der Mensch hinter dem Sportler gesehen wird?

Der Athlet war bisher für viele Unternehmen nicht mehr als eine Litfaßsäule, ein Werbetool. Viele Firmen benutzen den Sport, um ihre Produkte zu promoten. Sie interessieren sich aber persönlich nicht so sehr für den Athleten, der die Leistung erbringt und dahintersteckt.

Haben Sie ein Beispiel parat?

Wir hatten bei den Olympischen Spielen immer wieder globale Partner vom IOC, die mit Sportarten geworben haben. Sie haben dabei aber keine Athleten eingesetzt, sondern Models. So etwas geht mir überhaupt nicht in den Kopf. Wenn ich mich schon als globalen Olympiapartner positioniere, dann muss ich zumindest so viel Glauben an den Sport haben, dass ich ehrliche, reale Athleten in der Werbung einsetze. Wenn ich aber Models eisschnelllaufen lasse, dann sieht das für mich so aus, als würde der Sport benutzt. Man muss einfach die Leistungserbringer miteinbeziehen.

Außerdem streben Sie eine nachhaltige Betreuung an. Was ist damit gemeint: Eine Betreuung über einen längeren Zeitraum oder über das Karriereende hinaus?

Unser Ziel ist es, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Nicht jeder eignet sich für jede Situation. Dabei ist Authentizität das A und O, dadurch kann der Athlet eine Durststrecke aufgrund beispielsweise einer Verletzung besser kompensieren. Wenn der Athlet an keinem Sportevent mehr teilgenommen hat, kann er von den Institutionen auch keine Unterstützung mehr erwarten. Für uns ist es auch wichtig, dass der Athlet nach seiner aktiven Karriere eine Basis hat für seinen nächsten Lebensabschnitt und nicht in das viel besprochene große schwarze Loch fällt.

Fabian Hambüchen, Sven Hannawald und Anni Friesinger-Postma haben eine große Karriere hinter sich und sind immer noch Vitesse-Partner. Viele Athleten dagegen verschwinden von der Bildfläche. Taugen nicht alle für die Karriere nach der Karriere?

Es ist eine ganz persönliche Entscheidung jedes Einzelnen. Die Skifahrerin Katja Seizinger beispielsweise hat sich dafür entschieden, in die Wirtschaft zu gehen. Sie ist im Betrieb ihres Vaters wunderbar aufgehoben und wahrscheinlich glücklich damit.

Welcher Athletentyp ist Ihnen lieber?

Für mich ist nicht entscheidend, ob einer nach Öffentlichkeit strebt wie die Mücke zum Licht. Es gibt bestimmte Voraussetzungen, damit ich einen Athleten vermarkte: Erstens brauche ich klare Aussagen hinsichtlich der Lebens- und Karriereplanung, ob im Sport oder privat. Daraus ergibt sich die Vielfältigkeit der Zusammenarbeit. Ich brauche keinen, der sagt, mach’ einfach mal. Da kriege ich ein diffuses Bild, mit dem ich nichts anfangen kann. Ich kann nur umsetzen, was ich vom Athleten bekomme.

Erkennt man eigentlich schon während der Karriere, ob ein Sportler die Bühne auch im neuen Leben nicht verlassen möchte?

Ich denke schon. Es gibt so Rampensäue, die brauchen das ein Leben lang. Ich denke an Magdalena Brzeska, sie hat auf der Bühne ihre Bestätigung bekommen. Oft ist es im Sport nicht das Geld, das einen vorantreibt, sondern die Bestätigung, die man über den Sport bekommt. Das Gefühl, ich bin etwas wert. Das ist meiner Meinung nach eine starke Antriebsfeder für viele Leistungssportler.

Wie startet eine Zusammenarbeit normalerweise? Kommen die Athleten auf Sie zu oder schauen Sie sich um, wer zu Vitesse passen könnte?

Nachdem es uns jetzt 40 Jahre gibt, kommen viele über Mund-zu-Mund-Propaganda auf uns zu. Leider lehnen wir im Moment sehr, sehr viele Anfragen ab. Das hat auch mit der Corona-Situation zu tun. Wir müssen erst mal schauen, dass wir für die Athleten, die wir unter Vertrag haben, eine einigermaßen erträgliche Situation hinbekommen. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, wenn man einen Athleten liebend gerne hätte. Dann gehe ich auch auf ihn oder sie zu, es werden aber immer weniger. Letztendlich ist es eine Mischung aus beidem. Zu 80 bis 90 Prozent kontaktieren uns die Athleten, bei zehn Prozent werden wir aktiv. Die Entscheidung treffen wir aber gemeinsam bei Vitesse. Wir sind, wie schon erwähnt, ein Mini-Unternehmen, da muss ich jeden mitnehmen, jeder muss zu hundert Prozent hinter einem Thema stehen.

Gibt es Athleten, die für Sie von vorneherein nicht infrage kommen, oder hat jeder eine Chance auf ein Gespräch?

Grundsätzlich spreche ich mit jedem. Ich nehme mir auch die Zeit, Ratschläge zu geben – auch denen, die wir ablehnen. Wir haben ein großes Netzwerk aufgebaut. Wenn es irgendwie geht, vermitteln wir weiter.

Gibt es Sportarten, die für Sie nicht infrage kommen?

Wichtig ist, dass meine Leidenschaft, mein Herz bei dem Sport sind. Ich kann keinen Sportler vermarkten, der etwas tut, was mich gar nicht interessiert. Auch wenn ich noch so viel Geld verdienen kann.

Geld zu verdienen steht also nicht an erster Stelle?

Sicherlich möchten wir Geld verdienen. Aber lassen Sie es mich so ausdrücken: Wenn ich mich ausschließlich nach dem Geld orientiere, kann ich mich nicht frei entfalten. Geld bedeutet immer, ich muss auch etwas Bestimmtes dafür tun. Wenn wir gute Arbeit abliefern, kommen die Aufträge von selbst. Und damit kommt auch das Geld.

In der Regel betreuen Sie pro Disziplin nur einen Athleten. Warum eigentlich?

Ganz einfach: um Interessenskonflikte von vorneherein auszuschließen. Es funktioniert nicht, wenn zwei unserer Klienten gegeneinander antreten.

Kommen Anfragen, sobald ein Athlet in einer Sportart mit Ihnen erfolgreich ist?

Ich nenne Ihnen ein Beispiel, muss aber ein bisschen ausholen. Ich hatte mit Eisschnelllauf eigentlich nichts am Hut, habe mich aber trotzdem mit Anni Friesinger getroffen, nachdem sie angefragt hatte. Sie hat mich in München zum Essen eingeladen. Bei McDonald’s. Sie erklärte mir, sie sei in finanziellen Nöten, weil sie nach einer schweren Verletzung keine Sporthilfe und keine andere Unterstützung bekomme. Anni hat mich als Mensch fasziniert, sie war ehrlich und geradeheraus. Ich entschied mit meiner Frau zusammen, dass wir sie unterstützen. Anni ist dann 16-mal Weltmeisterin und dreimal Olympiasiegerin geworden. Später haben sich Claudia Pechstein und Gunda Niemann-Stirnemann bei mir gemeldet. Glauben Sie, dass das funktioniert hätte?

Sie möchten für jeden Sportler eine individuelle Strategie herausarbeiten, um seine Besonderheit darzustellen. Hat tatsächlich jeder Sportler eine interessante Geschichte zu erzählen?

Jeder Mensch hat seine eigene, individuelle Geschichte. Viele Dinge, die am Anfang ein bisschen steif wirken, lösen sich auf, wenn ein bisschen mehr Vertrauen aufgebaut ist zwischen dem Agenten und Athleten. Dann entdeckt man hinter mancher netten Fassade wahre Schätze. Es ist auch ein gutes Stück Erfahrung. Man braucht jedenfalls Typen, um das Alleinstellungsmerkmal herauszustellen.

Die populärste Sportart in Deutschland ist nicht vertreten bei Ihnen. Woran liegt das: Gibt’s zu viele Fußballer und Sie können sich nicht entscheiden? Oder fällt Ihnen keiner ein, den Sie nach Ihren Grundsätzen vermarkten können?

Es gibt sicherlich viele junge, tolle, intelligente Fußballerinnen und Fußballer. Aber dieses Vakuum, das der olympische Sport bietet – auch in der Vermarktung –, das ist im Profifußball nicht gegeben. Der Arbeitsvertrag der Fußballer beinhaltet viele Rechte, die ich an den Verein abtreten muss. Der komplette Markt, gewisse Exklusivitäten, liegen beim Verein. Da ist schon so viel abgedeckt, da bleibt für eine Agentur nicht mehr so viel Spielraum.

Einen Fußballer wird’s also bei Vitesse nicht geben?

Das macht für uns nur Sinn, wenn es ein absoluter Topmann oder eine Topfrau ist. Oder einer, der in diese Richtung geht und noch gewisse Freiheiten hat, was die Verträge angeht. Andererseits verdienen viele Fußballer so viel, dass sie nicht auf Werbung angewiesen sind. Etwas mehr Aufmerksamkeit auf Nachhaltigkeit würde dem Fußball übrigens guttun. Ein Beispiel ist die Chips-Werbung. Ich hätte da eine gute Idee.

Die wäre?

Wenn ich im Hartwald laufe, sehe ich seit zwölf Jahren ein und dieselbe Chipstüte auf dem Boden liegen. In unverändertem Zustand. Da müsste ich mir doch als Fußballer, der Millionen verdient, mal Gedanken machen: Brauche ich diese Million auch noch oder benutze ich meine Öffentlichkeit und schlage dem Chipshersteller vor, er soll doch biologisch abbaubare Tüten verwenden. Die kosten vielleicht zehn Cent mehr. Die könnte der Fußballer beispielsweise für den Jugendfußball spenden. Wäre doch eine tolle Werbung. Werte zu transportieren mit der Werbung: Das vermisse ich ein bisschen.

Vor einigen Jahren sagten Sie in einem Interview mit der FAZ: „Außer dem sportlichen Erfolg hilft vor allem gutes Aussehen, um einen Sportler zu einem populären Werbeträger zu machen.“ Dürfen Sie diese Meinung auch heute noch, in Zeiten der Sexismus-Debatten, vertreten?

Heute würde ich nicht mehr solche Dinge sagen wie „Sex sells“. Man ist ja auch älter geworden und sieht vieles differenzierter. Ich würde aber schon sagen, eine gewisse Erotik und Attraktivität verkauft sich. Mir gefällt es, wenn jemand eine persönliche Note hat. Anni Friesinger ist kein Model, aber ein Typ. Man erkennt sie. Oder Steffi Graf. Sie ist eine der tollsten Athletinnen, die ich jemals kennenlernen durfte. Sie ist unverwechselbar.

Angefangen hat Ihre Karriere Mitte/Ende der 1980er Jahren mit der Schmidener Sportgymnastin Magdalena Brzeska. Wie kamen Sie auf die Idee, sie zu betreuen?

Das war ein längerer Prozess. Kennengelernt habe ich sie über meine Tätigkeit als Bildjournalist. Ich hatte den Auftrag, die Autogrammkarten für den damaligen Sponsor der Rhythmischen Sportgymnastik zu machen. Da war auch Magda dabei, sie war damals zwölf Jahre alt. Da habe ich mir überlegt: Warum kann eigentlich eine Athletin, die acht Stunden lang hart trainiert, nicht auch Geld damit verdienen wie viele andere auch? Am Anfang war’s reine Sympathie. Und auch ihre Geschichte, die mir ans Herz hing. Magdalenas Eltern waren Spätaussiedler, kamen über ein Aussiedlerheim in Hamburg hierher. Ich habe mir gesagt, ich versuche das jetzt mit Magda. Meine Frau, die in einer großen Sportmarketingagentur in Stuttgart arbeitete, hat mir beim Konzept und bei der Strategie geholfen.

Wovon hängt die erfolgreiche Vermarktung eines Athleten ab?

Früher gab’s im Grunde drei Faktoren. Da ist zum einen der mediale Stellenwert der Sportart. Wenn du damals einer von insgesamt nur 18 Formel-1-Fahrern warst, warst du automatisch ein Star. Da war die Leistung gar nicht so entscheidend. Zweiter Faktor ist der sportliche Erfolg, dritter Faktor die Persönlichkeit. Rhythmische Sportgymnastik spielte in den Medien keine Rolle, den sportlichen Erfolg von Magdalena würde ich bei 70 Prozent einschätzen. Die Persönlichkeit bei 100 Prozent. Damit war klar, dass dies der Schwerpunkt im Konzept sein musste. Heute kommt als vierter Faktor der Vermarktung noch Social Media hinzu.

Und wie sah die Strategie bei Brzeska aus?

Wir haben uns überlegt, was wir mit ihr machen können. Es war ja damals die Hochzeit der Late Night Shows. Wir haben den Riesenvorteil genutzt, dass Magda überall etwas vormachen konnte. Sie konnte einen Spagat über die Lehne eines Stuhls machen, nebenbei ein Buch lesen oder ein Interview geben. Oder sie zeigte eine kurze Kür auf ein paar Quadratmetern. Ein bisschen Zirkus war natürlich auch mit dabei, das hat man so natürlich nicht genannt.

Die Taktik hat prächtig funktioniert.

Das kann man sagen. Wir haben zweieinhalb Jahre investiert, mit 15 Jahren hatte Magda den ersten Millionenvertrag mit einem Bauunternehmer. Man muss sagen, wir haben den Geist der Zeit getroffen. Es gab etliche junge, wilde, selbstbewusste Mädchen wie etwa Franziska van Almsick. Das Frauenbild im Sport veränderte sich, die jungen Frauen hatten ihren eigenen Kopf – und wir sicherlich auch Glück. Die kleine Welle, die wir selbst mit verursacht hatten, wurde zu einem Tsunami im positiven Sinne. Der einzige Fehler, den man damals machen konnte, war, zu früh seinen Namen unter einen Vertrag zu setzen.

Nach dem Ende ihrer Karriere ist Brzeska mit diversen Aktivitäten in der Öffentlichkeit geblieben und hat sich sehr gut vermarktet. Wann haben sich die Wege getrennt?

Wir haben 27 Jahre zusammengearbeitet. Magda bewegte sich irgendwann mehr in Richtung Entertainment, bei uns lag der Schwerpunkt im Sport. Wir hatten zusammen ja schon alles gemacht, es gab keine Steigerung mehr. Es ist gut, im richtigen Moment mit dem Sport aufzuhören oder sich zu trennen. Wir haben heute noch ein sehr gutes Verhältnis und sehen uns auch öfters im Jahr. Sie ist in Söflingen bei Ulm Trainerin und nimmt Medientermine wahr.

Im vergangenen Jahrtausend spielte Social Media noch keine Rolle. Damals waren Sportler auf physische Partner angewiesen, um sie ins rechte Licht zu rücken. Heute haben die Sportler selbst alle Möglichkeiten – mit sämtlichen Vor- und Nachteilen. Schnell ist etwas im Netz, das einem Sportler – und damit auch seinem Management – mehr schadet als nützt. Sensibilisieren Sie Ihre Athleten dafür?

Natürlich sensibilisieren wir unsere Athleten dafür, schließlich ist Social Media in den letzten Jahren ein Schwerpunkt im Marketing geworden. Es gibt kaum ein Unternehmen, das bei einer Anfrage nicht sofort wissen möchte, wie die Insides auf Social Media aussehen. Früher waren die Berichterstattung und der Athlet voneinander getrennt, heute kann jeder Athlet sein eigener Verleger sein. Ein gutes Social Media zeigt sich darin, dass man Inhalte vermittelt, die Alleinstellungsmerkmale haben und dass eine witzige Idee dahintersteckt. Die Arbeit für Social Media darf sich aber nie auf die sportliche Leistung auswirken. Sie muss vom Sportler als zusätzliche Chance gesehen werden.

Es ist also nahezu ausgeschlossen, dass einer Ihrer Athleten – wie einst der Kicker Franck Ribery – postet, wie er ein vergoldetes Steak verspeist?

Social Media hat auch Gefahren, es verleitet dazu, schnell mal etwas zu veröffentlichen, was vielleicht nicht gut überlegt war. Das mit dem goldenen Steak würde aber deshalb nicht passieren, weil wir keine Athleten haben, die sich das leisten können. Und wenn sie es sich leisten könnten, wären sie auch nicht so blöd, das tatsächlich zu posten. Unsere Athleten sind alle bodenständig und müssen hart arbeiten.

Um erfolgreich zu sein, braucht jeder Athlet eine Portion Selbstbewusstsein. Wie groß ist die Gefahr, dass es in Arroganz umschlägt? Oder anders ausgedrückt: Würde dem einen oder anderen Sportler ein klein wenig Demut nicht grundsätzlich guttun?

Demut tut jedem Menschen gut. Sie hat auch etwas mit der inneren Einstellung zu tun, mit der Erziehung. Die Jugend hat aber auch das Recht, über das Ziel hinauszuschießen, ihre Grenzen auszutesten. Natürlich besteht die Gefahr, dass man abhebt, wenn sich der Erfolg monetär niederschlägt. Da ist es umso wichtiger, dass das Umfeld stabil ist, dass es Freundschaften und die Familie gibt, die dafür sorgen, dass man klare Worte reden kann – auch mit einem sehr erfolgreichen Athleten.

Lassen die sich überhaupt noch etwas sagen?

Ich kann ein Beispiel nennen. Es gab auch bei Fabian Hambüchen Momente, wo er im Nachhinein erkannte, dass er kurz vor dem Abheben war. Er hat sich mal mit seinem Vater angelegt, weil der ihn auf den Boden zurückholen wollte. Die beiden sind sich sogar richtig an die Gurgel gegangen – im übertragenen Sinn natürlich. Sie haben sich angeschrien. Sein Vater sagte, „ich war nie der Meinung, dass ich so ein kleines, arrogantes A...loch über Jahre hinweg in der Halle trainiert habe, jetzt gehst du nach Hause und überlegst dir, ob du weiterhin mit mir arbeiten möchtest. Ich bin dir nicht böse, wenn nicht, so wie du dich aber jetzt präsentierst, kann ich nicht mit dir arbeiten“.

Bevor Sie Sportmanager wurden, waren Sie als Fotojournalist in den ärmsten und gefährlichsten Gegenden dieser Erde unterwegs und haben schlimme Dinge gesehen. Erzählen Sie Ihren Athleten davon, um sie im Falle eines Höhenflugs zu erden?

Ja, das mache ich sogar sehr häufig. Um zu verdeutlichen, wie gut es uns geht und worüber wir uns teilweise beschweren oder aufregen, während andere Menschen um ihr Leben kämpfen. Das ist mir sehr wichtig. Im Grunde hat sich die Situation bis heute nicht geändert. Wenn unsere Athleten diesbezüglich nicht ein bisschen aufnahmefähig wären und nicht reflektierten, hätte ich keine große Lust, so einen Athleten zu betreuen.

Vor fünf Jahren hatten Sie eine Auseinandersetzung mit dem Präsidenten des Österreichischen Ski-Verbands. Peter Schröcksnagel passte die Zusammenarbeit der Skirennläuferin Anna Fenninger und Ihnen nicht. Sie musste schließlich nach dreieinhalb erfolgreichen Jahren beendet werden. Wie sehr knabbern Sie noch daran?

Anna Fenninger war zu der Zeit die weltbeste und vielseitigste Skifahrerin. Man muss wissen, dass in Österreich das Skifahren über dem Fußball steht. Ich habe nicht damit gerechnet, dass in Österreich die Uhren anders laufen als bei uns. Es steckt viel Stolz dahinter. Der Österreicher hat gefühlt die Berge, den Schnee und das Skifahren erfunden. Dass da ein deutscher Manager nicht gerade optimal reinpasst, ist eigentlich klar. Ich hatte auch die Vetterleswirtschaft unterschätzt. Ich war vor Herrn Schröcksnagel von Anfang an gewarnt worden. Aber ich dachte eben, jeder Mensch hat ein gewisses Grundrecht. Wie auch immer: Anna Fenninger hat, während wir zusammen waren, alles erreicht. Mehr als davor und danach. Sie holte zwei WM-Titel, wurde Olympiasiegerin und zweimal Gesamtweltcupsiegerin. Wir können also nicht allzu viel falsch gemacht haben in der Zusammenarbeit. Es war eine wunderschöne, aber auch schwierige Zeit.

Schröcksnagel managt als Verbandspräsident auch Athleten. Was halten Sie davon?

Man kann wohl von einem Interessenkonflikt sprechen. Da kommt mir gerade eine Konstellation aus dem Fußball in Erinnerung. Das ist noch gar nicht so lange her. Ein Trainer war neu in einem Verein. Der Manager des Trainers betreute zugleich auch zwei, drei Spieler dieses Clubs. Das kann meiner Meinung nach nicht sein.

Gibt es etwas, dass Sie aus dem Fall Fenninger gelernt haben?

Nun ja, ich werde keine österreichischen Skiläufer mehr betreuen (lacht).

Sie sind jetzt 62 Jahre jung. Viele machen sich in diesem Alter langsam bereit für den Ruhestand. Täuscht der Eindruck oder brennen Sie nach wie vor für Ihren Beruf?

Ruhestand geht bei mir gar nicht. Das passt nicht zu meinem Naturell. Das, was ich mache, macht mir viel zu viel Spaß. Selbst nach einem Seuchenjahr wie diesem mit Operationen am Rücken und an der Schulter, langem Krankenhausaufenthalt und einer Reha, habe ich immer noch Hummeln unterm Hinterteil. Es gibt noch so viele wunderbare Aufgaben, und meine Klienten halten mich jung. Ich leite jetzt 40 Jahre ein Start-up-Unternehmen, musste mit jedem einzelnen Klienten eine neue Strategie entwickeln. Wenn sich keine Gewohnheit einschleicht, du nicht alles nach dem gleichen Muster machst und offen bist für Neues, dann weißt du gar nicht, wie die ruhige Seite aussieht. Ich kenne jedenfalls nur die aufregende Seite.

Was haben Magdalena Brzeska, Anni Friesinger, Sven Hannawald, Anna Fenninger und Fabian Hambüchen gemeinsam? Sie haben allesamt eine beeindruckende Sportkarriere hinter sich – und alle wurden oder werden betreut von Klaus Kärchers Sportmarketing- und Personality-Agentur. 62 Jahre alt ist der Fellbacher mittlerweile, seit 40 Jahren im Geschäft – und immer noch motiviert. „Ruhestand passt nicht zu meinem Naturell“, sagt der Sportmanager im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Thomas Wagner.
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