Besonderer Stadtplan: Wie poetisch ist Stuttgart? Aufruf zur Spurensuche
Wie poetisch ist Stuttgart? Einheimische, Durchreisende, Zugezogene und alle, die Lust haben, sind dazu aufgerufen nach Gedichten, Lyrik und Versen im öffentlichen Raum zu suchen. Wer fündig wird, kann seine Entdeckung an eine Gedichtsammelstelle melden. Ein gedruckter Stadtplan mit poetischen Orten soll daraus entstehen. Was verspricht man sich von dem Projekt "Gedichte sichten" und wo kann man die Gedichte einsenden? Wir haben mit Initiator Matthias Gronemeyer gesprochen.
Stuttgart gelte vor allem als Industriestandort. Werke von Daimler, Porsche, Bosch, Gebäude der Banken und Versicherungen sehe man überall. Dass Stuttgart als Industirstandort gilt, ist nicht abzustreiten. Ist Stuttgart aber auch ein Lyrik-Standort? Das will man mit dem Projekt "Gedichte sichten" herausfinden.
Lyrik und Poesie: Bedarf in Stuttgart ist da
Das Projekt wird vom Kulturamt im Rahmen der Förderlinie Kunst im öffentlichen Raum gefördert. Aber wie ist die Idee überhaupt entstanden? Angefangen habe alles mit einer Umfrage, wie Autor und Publizist Matthias Gronemeyer, der für Idee, Konzeption und Programmierung des Projekts verantwortlich ist, erzählt: „Letztes Frühjahr habe ich mit Timo Brunke, den man in Stuttgart als Spoken-Word-Künstler kennt, Umfragen zum Thema Poesie gestartet. Dabei haben wir unter anderem die Frage gestellt, wie wichtig den Menschen Poesie ist.“ Außerdem habe er sich schon während Corona vor etwa zwei bis drei Jahren mit dem Thema Poesie beschäftigt und eine Förderung für ein digitales Projekt erhalten. In diesem Zusammenhang ist eine Liebeslyrik-Dating-App entstanden. Hier kann man sich zum Kennenlernen kleine Gedichte statt Bilder schicken. Zum Team des Projekts "Gedichte sichten" gehören neben Matthias Gronemeyer und Timo Brunke auch die Gestalterin und Autorin Christina Schmid.
Die Umfrageergebnisse haben gezeigt, dass Bedarf da ist, man aber nicht so richtig wisse, wie sich das umsetzen lasse. Eine weitere Erkenntnis sei gewesen, dass es gegenüber Poesie und Lyrik gewisse Vorbehalte gibt. "Lyrik ist eine Nischenkunst, was aber nicht heißt, dass sie nur für Bildungsbürger geeignet ist.“ Deshalb ist das Projekt niederschwellig: Es soll Hemmungen abbauen und auch Menschen ansprechen, die eben nicht zu einer klassischen Autorenlesung gehen würden."
Das Leben kann sehr poetisch sein, wie Gronemeyer findet. "Man findet Lyrik überall: In Songtexten, als Sprüche an Häuserwänden oder als Reim an Toilettentüren." Und: Poesie kann alles sein. „Das müssen keine Texte von Hölderlin oder Möricke sein oder dass womit wir uns in der Schule gequält haben“, stellt Gronemeyer klar. Mit dem Projekt soll auch die jüngere Zielgruppe an das Thema herangeführt werden.
Wo kann man ein Gedicht melden?
Wer ein Gedicht gesichtet hat, kann es bei der Gedichtsammelstelle mit einem Foto und der Adresse einreichen. Bisher wurden nur zwölf poetische Orte in Stuttgart verzeichnet (Stand Freitag, 12.01.), wie Gronemeyer verrät. Man wisse allerdings noch nicht genau, woran das liegt. Entweder sei das Projekt noch nicht bekannt genug oder Stuttgart habe einfach nicht so wahnsinnig viel Poesie zu bieten.
Falls letzteres zutrifft, soll das Projekt aber nicht im Sand verlaufen, sondern als Experiment gesehen werden: „Wenn wir herausfinden, dass es zu wenig Poesie im öffentlichen Raum gibt, die Leute aber Spaß daran haben, weil es ihnen guttut, könnten wir uns auch vorstellen, selbst als Poeten tätig zu werden.“ Das könnte zum Beispiel so aussehen, dass das Team kleine Texte zu bestimmten Orten schreibt. So kann ein Graffiti an einer Häuserwand oder auf einem Trafokasten aufgegriffen und zu einem eigenen Text erweitert werden. Am Ende könnte daraus eine kleine Publikation entstehen.
Mindestens 50 poetische Orte in Stuttgart: Einsendeschluss wurde verlängert
Ursprünglich war der Einsendeschluss bis Ende Januar angesetzt. Das Team habe sich aber dafür entschieden, mindestens bis Ende März zu verlängern. „Unser Ziel ist es, mindestens 50 poetische Orte in Stuttgart zu sammeln.“



