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"Die Grenze von Freundschaft sehe ich bei Pflege": Können Freunde Familie sein?

Freunde Paar Mann Frau Symbolbild
Symbolbild. © Transly Translation Agency über unsplash.com

Deutschland. Laut Bundesfamilienministerium wenden Frauen durchschnittlich täglich 44,3 Prozent mehr Zeit für Care Arbeit auf als Männer. Kann die Unterstützung von Freunden hier für Veränderung sorgen? In dem Lebensmodell "Wahlfamilie" bieten sich Freunde gegenseitig fortlaufend soziale Unterstützung an. Wahlfamilien ergänzen nicht nur Kernfamilien aus zwei (biologisch) verwandten Generationen, sondern ersetzen diese immer öfter ganz. Aber wie weit geht Freundschaft? Kann sie wirklich Familie ersetzen und bei der Care Arbeit entlasten? Der Soziologe Janosch Schobin forscht unter anderem zu Wahlfamilien und gibt dazu im Interview Antworten.

Familie kann man sich nicht aussuchen – entgegen steht dem aber das Konzept von Wahlfamilie. Worin liegen die Unterschiede zwischen Freunden und Familie?

Freunde sind in der Forschung Nicht-Verwandte, auch wenn viele natürlich auch mit ihren Verwandten befreundet sind. In meiner Forschung habe ich mich mit Menschen beschäftigt, die vornehmlich freundschaftszentriert leben. Das betrifft in unserer Gesellschaft ungefähr zehn Prozent.

Vor allem im jungen Erwachsenenalter ist ein freundschaftszentriertes Leben sehr ausgeprägt. In der Phase, in der Familien gegründet werden und man ein Familienleben hat, nimmt das ein bisschen ab und nimmt dann zur leeren Nestphase, wenn die eigenen Kinder ausgezogen sind, wieder etwas zu.

Wahlfamilien und Freunde sind im deutschen Gesetz kaum mit bedacht

Wahlfamilien sind deshalb so interessant, weil in Deutschland Freundschaft rechtlich nur sehr schwach institutionalisiert ist. Es gibt einige Stellen, an denen Freundschaften im Gesetz mit bedacht sind, allerdings nur sehr am Rande. Bei der Reform des Arbeitslosengelds II 2005 zum Beispiel wurde der neue Begriff der Bedarfsgemeinschaften eingeführt. Sie waren dort definiert über den wechselseitigen Willen, Verantwortung zu übernehmen. Diese wechselseitige Form von freiwilliger Beziehung definiert Freundschaften.

Janosch Schobin
Soziologe Janosch Schobin. © Janosch Schobin

Verantwortung zu übernehmen ist ein Wert, der auch Familien zugeschrieben wird. Ab wann können Freunde zu Familie werden?

Das hat mit der Dauer der Freundschaft zu tun, damit, wie eng die Beziehungen sind und wie stark die gegenseitigen Verpflichtungen sind. Aus meiner Sicht ist aber vor allem auch wichtig, ob man einen gemeinsamen Alltag und gemeinsame Rituale hat.

Auch in Familien gibt es lose Partnerschaftsverbunde, in denen die Partner keinen gemeinsamen Alltag mehr haben. In der Soziologie ist aber auch der Aspekt des gemeinsamen Wirtschaftens wichtig. Auch das ist in Familien heute nicht mehr gegeben. Es gibt Familien, in denen jeder sein eigenes Einkommen erwirtschaftet oder man alles in einen gemeinsamen Topf schmeißt.

Freunde unterstützen vor allem in der Kindererziehung

Gerade in der Kindererziehung greifen Freunde sehr häufig unterstützend ein. Diese Unterstützung ist auch nicht unbedingt geschlechtsspezifisch. Auch hier ist die Schwierigkeit die Koordination. Die Menschen, bei denen in meiner Forschung diese Aufteilung gut funktioniert hat, wohnten Tür an Tür. Wenn Freunde weiter weg wohnen, wird diese Unterstützung schwieriger und seltener. Für diese individualisierte Form der Unterstützung ist keine Politik gemacht worden, dafür haben wir keine Stützstrukturen.

Wo kommt Freundschaft an ihre Grenzen?

Die Grenze von Freundschaft sehe ich bei Pflege. Meistens lebt man nicht zusammen, Pflege lässt sich so nur schwer organisieren. Auch Pflegegeld ist häufig so zugeschnitten, dass die Personen in einem Haushalt leben und ihr Einkommen teilen. Ein anderer Punkt ist das Geschlecht. Pflegende Personen sind – auch im häuslich familiären Umfeld – meist immer noch feminin. Frauen lernen Pflegen in familiärer Sozialisation, sammeln oft auch beruflich "Pflegeskills". Außerdem sind Männer häufiger mit Männern befreundet und Frauen häufiger mit Frauen. Frauen haben also auch tendenziell eher Freundinnen, die sie pflegen könnten und auch würden, weil sie Erfahrung damit haben.

Freunde pflegen? Intimität in Freundschaften ist oft nicht-körperlich

Dann geht es auch um die Intimität von Freunden. Die Anzahl von potenziell pflegenden Freunden nimmt stark zu, wenn man intime Freundschaften hat. Diese Intimität ist aber häufig eher kommunikationsbasiert. Seltener kennt man sich körperlich gut, darf den anderen anfassen, was für Pflege essenziell ist. Freunde sind außerdem meistens in einem ähnlichen Alter, werden also auch in einem ähnlichen Alter pflegebedürftig, während Partner häufiger Altersdifferenzen haben.

Rechtlich und politisch ist also noch einiges aufzuholen. Wie hat sich gesellschaftlich der Blick auf Kernfamilien verändert?

Zuerst muss man verstehen, dass das, was wir für eine klassische Familie halten, eine ziemliche Anomalie ist. Man geht davon aus, dass es eine Familie aus Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen ist und in der Kernfamilie die Eltern mit den Kindern biologisch verwandt sind. Aber das ist nicht der Fall. Ein Einzelkind von zwei Einzelkindern hat diese Familie nicht. Erst wenn die Geburtenrate deutlich über der Bevölkerungserhaltungsgrenze liegt, bekommt man solche dichten Verwandtschaftsnetze. Heute sind unsere Familien viel stärker durch freie und wechselseitige Wahlen strukturiert.

Bei freundschaftszentrierten Lebensformen ist es häufig so, dass sie dezentraler sind. Da steht auch kein exklusives Pärchen in der Mitte. Wahlfamilien können, das habe ich in meinen Studien gemerkt, effektiv unterstützen. Gerade aber wenn Freunde nicht am gleichen Ort leben, ist es häufig aufwendiger und komplexer, diese Unterstützung bereitzustellen. Da muss man mehr koordinieren und auch häufiger mit Enttäuschungen kämpfen, weil gerade jemand nicht kann. Das ist komplizierter, klappt aber häufig auch sehr gut.

Freunde sind Familie: Das war bereits in den 80er-Jahren üblich

Sasha Roseneil, eine englische Sozialforscherin, hat die These, dass man in Serien wie "Friends" beobachten kann, dass in heteronormativen Freundschaften übernommen wird, was in den queeren Milieus der 80er-Jahre bereits üblich war und praktiziert wurde. Zum Beispiel ein fließender Übergang zwischen einem Partner und einem Freund war in queeren Milieus ziemlich typisch. Heteronormative Milieus haben das übernommen, weil so eine höhere Lebensqualität ermöglicht wird.

Über Janosch Schobin

Janosch Schobin ist Soziologe und forscht unter anderem zu den Themen Freundschaft, Familien und Vereinsamung. Aktuell ist er an der Universität Göttingen tätig.

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