Flucht, Völkermord, Selbstzweifel: Neue Form der Erinnerungskultur in Stuttgart
Stuttgart. „Ich hatte den Eindruck, dass die Jugendlichen ein sehr starkes Bedürfnis haben, zu zeigen, dass Menschen immer noch leiden und Krieg immer noch geschieht“, sagt Philine Pastenaci. Gemeinsam mit Tame Priwitzer und „Stolperkunst“ hat sie das Projekt „Think Outside The Box“ realisiert. Dort setzen sich elf Jugendliche und junge Erwachsenen im Alter von 16 bis 21 Jahren mit der deutschen Erinnerungskultur auseinander. Sie kommen unter anderem aus Afghanistan, Bosnien, Serbien, der Ukraine, Pakistan und der Türkei und geben über kleine Umzugskisten Einblicke in ihre eigenen Lebenswege, die eng mit politischen Ereignissen verwoben sind.
Yuliia, Kenan und Bushra
Ein zurückgelassenes Zimmer, das Bett halb aufgeräumt. Einschusslöcher, rote Farbe, eine blutverschmierte Parkbank. Kinderfotos. Dazu die Geschichten von Yuliia, die ihre Flucht aus der Ukraine im Begleittext mit einem „Gefühl der Leere und der Verwüstung“ beschreibt. Von Kenan, der von Anfang an überzeugt war, mit seinem Karton auf den Völkermord von Srebrenica hinzuweisen, und von Bushra, Klassenbeste in Pakistan, die nach der Migration nach Deutschland ihren eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden kann. Dass Geschichte von Menschen geprägt ist, ist Kern des Projekts.
„Ich hatte den Eindruck, es ging den Jugendlichen auch darum, dass solche Sachen wie Srebrenica in der breiten Bevölkerung nicht vergessen werden“, sagt Pastenaci. Der Krieg in der Ukraine und damit Teile der ukrainischen Geschichte, zum Beispiel, seien in den Medien präsent, „trotzdem heißt es nicht, dass man die persönlichen Geschichten im Kopf hat“, sagt sie.
Erinnerungen in Umzugskisten
Den Raum dafür bekommen die Jugendlichen bis zum 10. August 2025 im Stadtpalais Stuttgart. Aufeinandergestapelt stehen dort zwölf Kartons: Gefüllt, bemalt und beschrieben mit Ereignissen und Geschichten, an die sich erinnert werden soll. In der Gesellschaft wird den persönlichen Erinnerungen und Schicksalen von Jugendlichen mit Migrations- und Fluchterfahrung wenig Platz gegeben, sagt Tame Priwitzer. Das wollten sie anders machen. „Das Bedürfnis, die eigene Geschichte zu erzählen und eine individuelle Perspektive zu zeigen, war sehr groß.“
Doch diese persönlichen Erinnerungen an Geschichte und Erzählungen aus der Kindheit bergen auch Gefahren. Einer der Jugendlichen stellt so in seinem Karton den Begründer der Republik Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, als seinen Kindheitshelden vor. Der Jugendliche sieht ihn als „absoluten Helden“ an, so Pastenaci, ohne die Mitverantwortung an der Verfolgung und Ermordung von Minderheiten anzuerkennen. Um diesen Kontext herzustellen, haben sich Pastenaci und Priwitzer im Begleittext für eine Einordnung entschieden. „Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass wir schon gemeinsam mit dem Jugendlichen diese naive Kindheitserinnerung kritisch hinterfragen und aufarbeiten hätten können“, sagt Tame Priwitzer. Denn auch das ist Teil von Erinnerungskultur.
Erinnerungskultur neu verstehen
Das Projekt der „InterAkt“ Initiative möchte einen neuen Umgang mit Erinnerungskultur finden, der über die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg hinaus geht: Wie kann man Erinnerungskultur als etwas verstehen, dass das Erinnern nutzt, um die Zukunft zu verbessern? Die Zukunft – ein zentraler Begriff für die elf Jugendlichen, vor allem weil die Vergangenheit bei vielen von Flucht, Verlust und Umbrüchen geprägt ist.
In Deutschland herrsche eine „Art Missverständnis“, wenn es um Erinnerungskultur geht, so Philine Pastenaci, „weil 1945 gerne gestoppt wird mit dem Erinnern.“ Dass Menschenrechte Teil des Grundgesetzes sind, und welche Ereignisse andere Länder prägen, sollte stärker in den Fokus rücken, findet Philine Pastenaci. Das habe sich auch bei den Jugendlichen gezeigt: In dem Wunsch, die Leidensgeschichten aus Herkunftsländern mit dem Begriff Erinnerungskultur zukünftig mitzumeinen.


