Stuttgart & Region

Kabarettistin Teresa Reichl über Stuttgart-Shows, Internet-Mäuse und die CSU

1637538273636478956_bc59d317-e4f3-4bf4-ad59-6ce7b9ebe790
Teresa Reichl, Kabarettistin, Autorin und "Deutschlehrerin von TikTok", kommt für zwei Shows nach Stuttgart. © Leonie Hartung

Teresa Reichl beschreibt sich selbst als "Kabarettistin und Autorin mit Nerd-Hintergrund". Auf ihren Social Media Accounts zeigt sie über 26.000 Followern moderne Interpretationen von Klassikern aus dem Deutschunterricht, kritisiert patriarchale Strukturen und politische Entwicklungen. Am 11. April ist sie mit ihrem Programm "Obacht, I kann wos" und am 06. Juni mit "Queer Up! Comedy" in Stuttgart. Im Interview verrät sie, wie sich das Kabarett-Publikum von den "Internet-Mäusen" unterscheidet und warum der TikTok-Account der CSU ihr Albträume bereitet. 

Du kommst für zwei Shows nach Stuttgart. Deine Shows sind auf Niederbairisch und beinhalten viele Geschichten vom Aufwachsen in einem bayerischen Dorf. Wie passt das nach Stuttgart?

Erstens ist das Publikum in der Rosenau in Stuttgart eines der besten, die es gibt – das sage ich aus vollem Herzen. Zweitens ist Dorf Dorf und darüber kann man immer connecten – egal ob das Dorf in Bayern, in Hessen, in NRW oder in Baden-Württemberg liegt. Meinen Dialekt zügle ich schon so, dass man mich zumindest versteht, aber der gehört halt zu mir dazu.

Mein Programm ist sehr chronologisch. Ich fange bei der Geburt und bei der Kindheit an. Da war eben das Dorf mein ganzes Leben. Das Publikum kann dann mit mir gemeinsam daraus wachsen. Das finde ich von der Idee ganz nett.

In einem TikTok beschreibst du, dass dich unter anderem durch deine Auftritte beim Schlachthof, einer Kabarett-Sendung des BR, Leute auf der Straße ansprechen und wie sich diese von deinen Followern unterscheiden. Wie nimmt dieses neue Publikum deine Auftritte wahr? 

Das Publikum, dass ich vorher schon hatte, findet es einfach ultra cool, dass ich das machen darf. Das sind vor allem die jungen Internet-Mäuse, die haben sich so richtig mit mir gefreut. Jetzt merke ich aber schon, dass sich mir, unter anderem durch den Schlachthof, auch ein ganz anderes Publikum neu erschlossen hat. Vor allem bei den Live Shows sind jetzt, so blöd das klingt, mehr ältere Leute.

Da kommt es schon sehr oft vor, dass mich diese vom Schlachthof oder vom Bayerischen Kabarettpreis kennen. Sie sind manchmal ein bisschen überrascht, dass mein Programm nicht so super tagespolitisch ist. Das Programm war aber schon 2020 fertig und den Schlachthof habe ich halt erst seit diesem Jahr. Ich habe nie gewusst, dass ich politisches Kabarett machen kann. Ich habe immer gedacht, dass das nicht so mein Ding ist, aber anscheinend ist es das doch. Deswegen wird es jetzt auch Zeit, dass das neue Programm kommt. 

In einer Folge von Zwischen Spessart und Karwendel des Bayerischen Rundfunks stehst du vor einem Auftritt mit Eva Karl Faltermeier, in der ihr den "weiblichen Grant“ auf die Bühne bringt. Treibt dich Wut in deiner Kunst an?

Die Königin of Grant ist Eva, die hat dazu auch das Buch "Der Grant der Frau" geschrieben. Aber ich würde schon sagen, dass ich oft aus einem Punkt der Wut heraus anfange zu schreiben, weil ich dann auch manchmal nicht verstehe warum mich etwas so wütend macht. Das sind oft so ganz kleine Sachen im Alltag, bei denen ich mich das frage. Wenn ich dann aber mehr darüber nachdenke, merke ich, dass das eigentlich immer strukturelle Dinge sind. Darüber kann man sehr gut schreiben. Ich bin einfach gerne wütend.

Die CSU bekommt bei dir sehr oft ihr Fett weg – egal ob auf Social Media oder in deinen Programmen. Warum ist dir das wichtig, die CSU in beiden Medien zu kritisieren?

Die CSU ist eben nicht nur im Fernsehen unterwegs, sondern auch auf Social Media. Was Söder auf Social Media macht ist so cringe, so unangenehm, dass ich dazu manchmal etwas sagen möchte. Der TikTok-Account von der CSU ist mein persönlicher Albtraum. Ich glaube der Daddy-Söder Trend (Anmerkung der Redaktion: Markus Söder wird unter der Bezeichnung Daddy-Söder auf TikTok oft überspitzt als Frauenheld dargestellt.) ist einfach eine Art wie man mit Trauma umgeht. Das ist einfach Coping, eine Bewältigungsstrategie. Man weiß, man kommt aus der Situation nicht raus also muss man Witze drüber machen. Ich würde sagen, die CSU zu hassen, ist mein Job, aber auch mein Privatvergnügen.

Du hast gerade schon Söder auf Instagram abgesprochen. Wie stehst du zu Wahlwerbung auf Social Media?

Es findet einfach alles auf Social Media statt. Da kann man nicht verlangen, dass die Parteien sich da raus halten. Es ist nur wirklich wahnsinnig gruselig und gefährlich, dass die einzige Partei, die wirklich verstanden hat wie Social Media funktioniert, die AfD ist. 

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung hast du darüber gesprochen wie es für dich war, als Arbeiterkind in deinem ersten Literaturwissenschafts-Seminar zu sitzen und nichts zu verstehen. Wie würdest du dir wünschen, dass in der Schule mit Literatur umgegangen wird?

Ich verstehe natürlich, dass das Hauptaugenmerk im Literaturunterricht auf der Analyse liegt. Ganz viele Lehrkräfte machen das bestimmt auch so. Mir hat es sehr viel bedeutet, dass meine Deutschlehrerin den Fokus darauf gelegt hat, dass wir verstehen, was in diesem Stück passiert und wieso das Stück ein Klassiker ist. Ich weiß zum Beispiel noch als wir Faust gelesen haben. Da war ihre erste Frage "Wie weit würdet ihr gehen, wenn jemand euch verspricht, dass ihr glücklich werdet?" Das ist eine menschliche Frage, ein menschliches Problem. Das hat nichts damit zu tun, wie alt Faust ist oder wie scheiße ich vielleicht Goethe privat finde. Es ist einfach eine sehr interessante Frage: Wenn jetzt der Teufel hereinmarschiert und sagt "Ich kann dich glücklich machen", dann würde ich nicht unbedingt eine 14-Jährige schwängern. Aber ich würde schon sehr viel machen.

Im Juni kommst du im Rahmen von QueerUp!, einer queeren Comedy-Show, nochmal nach Stuttgart. Was kann da erwarten?

Wir haben eine QueerUp! Show in Köln veranstaltet und damit gehen wir jetzt ein bisschen auf Tour. Das Programm "Obacht I kann wos", das ich jetzt spiele, war fertig, bevor ich mich geoutet hab, bevor ich in einer homosexuellen Beziehung war, bevor ich selber gewusst habe, dass ich gay bin. Aus meinem neuen Programm, das wahnsinnig gay wird, kann ich bei QueerUp! manche Sachen vorziehen. Außerdem ist es schön, wenn man in so einem Safe Space Witze machen kann ohne, dass das Publikum überrascht ist, wenn man auf der Bühne von einem Date erzählt und der Gegenpart eine Sie ist.

Ich probiere sehr ehrlich und authentisch zu sein. Ich habe halt eine Freundin und ich fühle mich sehr gay und sehr wohl. Ich glaub auch diese Kombination aus Dorf, Bayern und Gay gibt es nicht so oft. Ich würde gerne zeigen, dass das schon geht. Ich bin nicht verstoßen worden, weder meine Eltern, noch meine Oma hassen mich, ich kann alle besuchen. Meine Freundin ist bei all meinen sehr niederbayerischen Familien-Dingen dabei – und das geht. Ich bin auch sehr privilegiert, dass meine Familie so gut reagiert hat aber es kann eben auch funktionieren ohne dass es großes Drama gibt.

VG WORT Zahlpixel