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Männer, seht nicht länger weg: Übergriffige Männer sind überall - ein Kommentar

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Wie es sich manchmal anfühlt, eine Frau zu sein (Symbolfoto). © pixabay.com/Shimabdinzade

Männer, es ist Zeit zu handeln! Feminismus nervt, aber: 2023 wurden 155 Frauen von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Über 180.000 Frauen wurden Opfer von Partnerschaftsgewalt. Jeden Tag werden mehr als 140 Frauen und Mädchen in Deutschland Opfer einer Sexualstraftat. Etwa jede dritte Frau hat in ihrem Leben schon einmal sexuelle Gewalt erlebt. Ich bin eine von ihnen. Eine von vielen. Zu vielen. Und dennoch tun Männer nicht genug, um Übergriffe gegen Frauen zu verhindern.

Frauen sind nicht schuld, wenn Männer zu Tätern werden

Die Schuld darf nicht weiter bei uns Frauen liegen. Lauf nicht nachts allein nach Hause! Lass dein Getränk nicht unbeaufsichtigt! Trink nicht zu viel, damit du nicht ausgenutzt wirst! Zieh nichts an, was ein Mann als Aufforderung missverstehen könnte! Schon als Mädchen bringt man uns bei, dass es unsere Aufgabe ist, uns vor Männern zu schützen. Als wären wir selbst schuld, wenn uns etwas passiert. Als wären Frauen schuld, wenn Männer zu Tätern werden.

“Ich tue Frauen doch gar nichts!”, empört ihr euch. Aber das reicht nun mal nicht. Gegenüber Frauen nicht übergriffig zu werden, ist keine lobenswerte Leistung. Das muss selbstverständlich sein. Die Sicherheit von Frauen kann sich nur verbessern, wenn sich Männer aktiv einmischen und Gewalt verhindern.

Übergriffige Männer sind überall

“Würde ich ja, aber in meinem Umfeld gibt es keine Übergriffe”, empört ihr euch. Seid ihr euch da sicher? Statistisch gesehen ist das unwahrscheinlich. Im Sportverein, im Bekanntenkreis, in der Dorfkneipe, im Stadion, bei der Arbeit. Übergriffige Männer sind überall! Es gibt sie in allen Altersklassen, allen Berufsgruppen, aus allen Herkunftsländern.

Die Männer, denen jede Frau aus dem Weg geht, wenn sie trinken - weil sie sonst nicht aufhören, Frauen ungefragt anzufassen, zu umarmen, gar zu küssen. Die Männer, die Gewalt an Frauen in geschmacklosen Herrenwitzen verharmlosen. Die Männer, die “nur so im Spaß sagen”, dass sie ihre Freundin zu Hause verprügeln, wenn das Essen wieder nicht schmeckt. Die Männer, die sagen “meine Frau dürfte nie so rumlaufen, sonst knallt’s”. Die Männer, die finden, dass eine Frau “mal wieder so richtig durchgebumst gehört”, wenn sie ihnen widerspricht. Die Männer, die Frauen in Kommentarspalten eine Vergewaltigung wünschen, wenn sie ihre Meinung sagt. Die Signale sind da. Männer müssen sich einmischen, damit auf Worte keine Taten folgen. Denn uns Frauen hört man nicht zu.

Männerhass klärt auf, Frauenhass tötet

Wer auf Probleme hinweist, ist eine nervige Feministin, die keinen Spaß versteht. War doch nur ein dummer Witz. Soll sie sich doch nicht so anstellen, die Männerhasserin. Dann nennt mich eben Männerhasserin! Männerhass klärt auf, Frauenhass tötet.

Wenn Frauen ihre Erfahrungen öffentlich machen, wird vielen nicht geglaubt. Wenn Frauen ihre Erfahrungen öffentlich machen, hat es der Mann vielleicht gar nicht so gemeint. Wenn Frauen ihre Erfahrungen öffentlich machen, geht es mit den Schuldzuweisungen schnell. Wenn Frauen ihre Erfahrungen öffentlich machen, kriecht irgendwo ein Mann aus einem Loch und schreit “Aber es gibt auch Partnerschaftsgewalt gegen Männer!” Ich bin nicht selber schuld, wenn mir etwas passiert, wenn ich alleine unterwegs bin. Ich bin nicht selber schuld, wenn ich mein Getränk unbeaufsichtigt lasse. Ich bin nicht schuld, wenn ich kurze Kleidung trage und ein Mann das als Aufforderung sieht. Nein heißt nein. Alkohol ist keine Entschuldigung, Kleidung keine Einladung. Dass sich auch Männer nachts alleine am Bahnhof unsicher fühlen, liegt meist: An Männern. Dass Frauen in seltenen Fällen auch zu Täterinnen werden, macht unsere Erlebnisse nicht weniger wahr.

Frauen im neuen Bundestag unterrepräsentiert

Im neuen Bundestag sind Frauen haarsträubend unterrepräsentiert. Wenn sich Männer jetzt nicht für uns einsetzen, ist unsere Freiheit und Sicherheit weiter massiv bedroht.

Ja, Feminismus nervt. Das ist seine Kernaufgabe. Wer auf Missstände hinweist, muss akzeptieren, dass andere das unbequem finden könnten. Wir Feministinnen - und auch Feministen - dürfen aber nicht aufhören, zu nerven, bis man den Feminismus nicht mehr braucht. Euch nervt mein Feminismus? Mich nervt, dass ihr noch immer nicht verstanden habt, wie dringend er benötigt wird.

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