Männliche Jugendliche und die Herausforderung von Intimität in Freundschaften
Jungen und ihre Freunde befinden sich ständig im Wettbewerb, sie schubsen und schlagen sich gegenseitig und zeigen dabei keine Emotionen. Wie viel an diesen Vorurteilen gegen Freundschaften unter Jugendlichen dran ist, wollte Kevin Leja herausfinden. An der Universität Jena hat er gemeinsam mit seinem Forschungsteam das Verhältnis von Jungen und Fürsorge untersucht und dabei unter anderem einen Schwerpunkt auf Freundschaften gelegt. Im Interview erklärt er die Besonderheiten der Freundschaften im Jugendalter, weist auf Schwierigkeiten für männliche Jugendliche und den Einfluss des Elternhauses hin und plädiert nicht zuletzt dafür, jungen Menschen zuzuhören.
Intim vertraute Freundschaften folgen oft Eigenschaften, die gesellschaftlich als weiblich gelten: sich öffnen, sich anvertrauen, Eigenverantwortung loslassen. "In dem Moment, in dem ich von der Mädchenfreundschaft spreche, habe ich direkt ein Bild im Kopf. Das ist eine kulturelle Prägung, die wir alle haben. Männliche Jugendliche wissen das implizit alles. Sie wissen auch um mögliche Sanktionen wenn sie sich nicht männlich zeigen", so Kevin Leja. Einige Forscherinnen nennen das den "Boycode". Dieser "Boycode" hindere Jungen oft, in Freundschaften Verletzlichkeit und Zuneigung zu zeigen – auch wenn sie sich das, so das Ergebnis der Forschung aus Jena, oft wünschen. "Ob sie das zeigen, ob sie jemanden vertrauen, hängt oft mit der Angst zusammen, ausgelacht zu werden", sagt Kevin Leja. Die Vorstellung von Geschlecht und den daraus folgenden Verhaltensweisen überschatte oft das Freundschaftsgefühl.
Geschlecht sei vor allem in Adoleszenz, zwischen Kindheit und dem jungen Erwachsenenalter, wichtiger Teil der Identität, auf den Jugendliche leicht zurückgreifen können. Durch gesellschaftliche Anforderungen an das jeweilige Geschlecht sei schnell klar, wie man sich als Mädchen oder Junge inszenieren solle. Als Beispiele für diese kulturellen Codes nennt Kevin Leja, dass männliche Jugendliche keine Gefühle zeigen, keine körperliche Nähe zulassen dürfen und aktiven Hobbys nachgehen. Auch das Laut-Sein und Platz-Einnehmen im öffentlichen Raum zähle zu kulturellen Codes.
Die Suche nach innigen Freundschaften: Was wünschen sich Jungen?
Intimität und Zuneigung können auf einer Vertrauensbasis leichter zugelassen werden. Nach Kevin Leja spielt hierbei das Geschlecht des Freundes oder der Freundin kaum eine Rolle. Die Kategorisierung in Jungen- und Mädchenfreundschaften lehne er deshalb ab. Ein gemeinsames Geschlecht könne in Freundschaften aber von Vorteil sein, um gemeinsame Erfahrungen zu teilen.
"Es gab in unseren Untersuchungen Jungen, die total begeistert von ihren Freunden und davon, wie sie füreinander da sind, erzählt haben. Wenn man dann aber fragt, was sie mit ihnen besprechen können, folgen selten konkrete Beispiele," sagt Kevin Leja. Vielmehr seien Freunde für den Großteil der Jungen Menschen mit denen man Zeit verbringt. "Gleichzeitig erkennt man aber, dass viele eine krasse Sehnsucht haben, Freunde zu haben, denen man sich anvertrauen kann, mit denen man offen reden kann," sagt Kevin Leja. Diese Intimität haben viele noch zu Kindeszeiten, mit steigendem Alter verschwindet diese aber zunehmend. Der Grund dafür sei auch der Forschung noch nicht klar. "Das ist bisher wirklich ein großes Mysterium", sagt er. Ursache dafür könne aber die gesellschaftliche Vorstellung von Männlichkeit sein.
Zeit mit Freunden verbringen: Möglichkeit zu Entwicklung und Rückzug
Freundschaften haben vor allem für Jugendliche einen extrem hohen Stellenwert. In Freundschaften erleben sie die ersten Momente mit selbst gewählten Bezugspersonen und haben die Möglichkeit, außerhalb von ihrer Familie, andere Lebenswelten kennenzulernen. "Vielleicht nimmt mich ein Freund mal zum Tischtennis-Training oder zum Snowboardkurs mit. Da habe ich als Jugendlicher die Möglichkeit, meinen Horizont zu erweitern," sagt Kevin Leja.
Gerade bei gemeinsamen Unternehmungen, Kevin Leja nennt dies Side-by-Side Phasen der Freundschaft, können Gespräche stattfinden. "Wenn zwei Jugendliche vier Stunden an einem Bikepark sind und zusammen Fahrrad fahren, sprechen sie vielleicht viel über das Fahrradfahren. Gleichzeitig reden sie aber auch über die Schule, wie es ihnen geht oder was zuhause gerade los ist. Davon kriegen wir nur einfach nicht wirklich etwas mit", sagt er.
Familien und ihr Einfluss auf Freundschaften und Fürsorge
Im Gegensatz zu dem Stereotyp von gefühlsbetonten Mädchenfreundschaften, werden Männer und Jungen seltener adressiert wenn es um Fürsorge in sozialen Beziehungen, wie auch in Freundschaften, geht. Auch in der Forschung werde männlichen Jugendlichen das Übernehmen von Sorge-Arbeit oft abgesprochen.
Jungen, die bei kleinen Geschwistern oder im Haushalt häufiger Verantwortung und Care Arbeit übernehmen müssen, können das auch in ihren Freundschaften oft besser. "Sie wissen, was es bedeutet, für jemanden da zu sein", sagt Kevin Leja. Inwieweit das Elternhaus allerdings Einfluss auf Freundschaften von männlichen Jugendlichen habe, sei sehr individuell. Im Bezug auf Freundschaften spiele vielmehr der sozioökonomische Status einer Familie eine Rolle. Kinder von Eltern, die zum Beispiel im Schichtbetrieb arbeiten, können laut Kevin Leja oft leichter Fürsorge-Arbeit in Freundschaften übernehmen. Kinder aus Familien mit einem höheren sozioökonomischen Hintergrund hingegen nehmen oftmals stärker Hobbys wahr und haben durch Vereine und außerschulische Aktivitäten mehr Möglichkeiten, Freundschaften zu schließen.
Im Hinblick auf das Männlichkeitsbild sagt Kevin Leja aber ganz klar: „Die größten Problemmacher für männliche Jugendliche sind andere männliche Jugendliche." Gerade hier haben sie das Gefühl, auf ihr Verhalten zu achten, um nicht ausgeschlossen zu werden. Jugendliche möchten dazugehören und ein Gefühl von Bindung und Einigkeit spüren. Wenn man ständig darum bemüht sei, keine Zuneigung zu zeigen, könne das schwer werden. Wenn Jugendliche aber erstmal eine Vertrauensbasis geschaffen haben, stehe auch einer engen Freundschaftsbeziehung nichts mehr im Weg.
Plädoyer: Jungen Menschen zuhören
Bei den Studienteilnehmern habe das Forschungsteam oft gemerkt, dass das Verhalten der Jungen nicht generell vom Geschlecht beeinflusst wird. "Es war uns sehr wichtig, in unserer Forschung die Freundschaften anzuschauen, ohne direkt das Geschlecht drauf zu legen," sagt Kevin Leja. So könne man versuchen, Vorurteile und Stereotype nicht zu reproduzieren. Denn Geschlecht und Männlichkeitsbilder werden ab einem bestimmten Alter von überall an die Jugendlichen herangetragen. "Sie werden nie als Jugendliche angesprochen, sondern immer als männliche oder weibliche Jugendliche", sagt er.
Kevin Leja ist es außerdem wichtig, zu betonen, dass Freundschaften komplexe Beziehungen sind. Ausschnitte, wie sie auch Eltern mitbekommen, sind nur Momentaufnahmen. Sein Plädoyer daher: "Wenn man sich mit Freundschaft von Jungen auseinandersetzt, redet mit ihnen, lasst sie mal zu Wort kommen und lasst sie erzählen, wie sie ihre Freundschaften wahrnehmen."




