Wahl 2025: Stimmen an eine Kleinpartei verschenken? Oder besser taktisch wählen?
Deutschland. "Wen wählt ihr bei der Bundestagswahl? Die Sache ist, ich weiß nicht, wen ich wählen soll", postet die Tik-Tok-Nutzerin "karrieristin" am 15. November 2024. In den Kommentaren darunter: Wahlempfehlungen, Unsicherheiten und der Aufruf, taktisch zu wählen. Doch was bedeutet taktisches Wählen überhaupt? Ist eine Stimme an eine Kleinstpartei verschenkt? Und was macht Social Media mit unseren Wahlentscheidungen? Sascha Huber, Politikwissenschaftler der Universität Mainz, ordnet ein.
Taktisch Wählen – was bedeutet das überhaupt?
"Taktisches oder strategisches Wählen wird meistens so definiert, dass man eine Partei wählt, die eigentlich nicht die Erstpräferenz ist", sagt Sascha Huber. Dabei werde davon ausgegangen, dass Menschen eine Rangordnung an Parteien haben und mit Kalkül abweichend davon wählen. "Ob das jetzt immer die rational schlauste Wahl ist, ist natürlich dahingestellt", sagt Huber. Taktisch wählen ziehe sich durch alle Altersklassen. "Es scheint relativ konstant zu sein, wobei jüngere Menschen häufiger noch etwas wechselhafter sind", sagt Huber.
Warum wählen Menschen taktisch? "In der Wahlforschung wird häufig zwischen einem expressiven Wählen und einem instrumentellen oder strategischen Wählen unterschieden", sagt er. Bei einem instrumentellen Wählen versuche der Wähler seiner Stimme die meiste Wirkkraft zu geben. Man versuche damit, mit der Stimme eine Regierung ins Amt zu bekommen, die dann die Politik umsetze, die man am besten finde oder die einem an meisten nütze. Dabei würden manche auch die Koalitionsbildung einbeziehen.
"In einem Mehrparteiensystem wie in Deutschland gibt es Koalitionen. Möglicherweise stimmt man dann für einen bestimmten Koalitionspartner, um eine bestimmte Koalition wahrscheinlicher zu machen oder um eine Partei über die Fünf-Prozent-Hürde zu heben", sagt Sascha Huber. Die Forschung zeige aber auch: Viele strategische Wähler würden mit ihrer Stimme ausdrücken wollen, für welche Koalition sie stehen – unabhängig davon, ob die Koalition Erfolgschancen habe oder nicht.
"Unser Wahlsystem ist darauf aber nicht ausgelegt, einfach die Stimmen zwischen zwei möglichen Koalitionspartnern aufzuteilen. Die Zweitstimme entscheidet über die relative Stärke der Parteien im Bundestag und ist deshalb die entscheidende Stimme, um die Zusammensetzung des Bundestags zu beeinflussen", sagt Huber. Mit der Zweitstimme solle man deshalb im besten Fall die am meisten präferierte Partei wählen.
Beeinflusst Social Media unser Wahlverhalten?
Laut einer Onlinestudie aus dem Jahr 2024 ist Instagram unter den 14- bis 29-Jährigen das meistgenutzte soziale Netzwerk in Deutschland. 82 Prozent der jungen Erwachsenen nutzen die Plattform mindestens einmal wöchentlich, der Nutzeranteil der Plattform Tiktok beläuft sich in dieser Altersgruppe auf 52 Prozent. Gerade hier boomen Wahlwerbung und Videos zu Wahlentscheidungen.
Auf Wahlentscheidungen Einfluss zu nehmen, werde über alle Kanäle versucht – nicht nur über Social Media, so Huber. "Gerade bei Jüngeren wird Wahlwerbung auf Social Media wichtiger, auch weil die Einflussnahme nicht immer offen stattfindet oder als solche wahrgenommen wird", so der Experte. Die Empfehlung von echten Freunden oder von Menschen, von denen man denkt, man kenne sie, hat laut Studien, auf die Sascha Huber sich bezieht, eine größere Wirkkraft als anonyme Werbung wie zum Beispiel Wahlplakate.
Zweifelnde Stimmen gehen unter
Viele Nutzer teilen ihre Unsicherheiten zur Bundestagswahl, wie das obere Zitat zeigt, offen auf Social Media. Diejenigen, die auf solche Fragen antworten, seien oft besonders überzeugt – und bekommen mehr Gewicht als diejenigen, die zweifeln, so Huber. Das liege auch an der Struktur von Social Media. Die Stimmen derjenigen, die noch an ihrer Entscheidung zweifeln, gehen dabei unter.
Fünf-Prozent-Hürde: Ist eine Stimme verschwendet? Experte ordnet ein
Unter einem Video des Nutzers "honeybalecta", in der er dazu aufruft, strategisch zu wählen, sehen einige Kommentare ihre Stimme als verschwendet an. "Ich glaube, dass es ein Problem der Fünf-Prozent-Hürde ist. Man hat halt das Risiko, dass die Stimme "verschwendet wird", weil die Partei nicht in den Bundestag kommt." kommentiert ein Tik-Tok-Nutzer. Ein anderer sieht seine Stimme an die Partei Die Linke verschwendet "Wenn die Linke nicht reinkommt, ist dann wie Nichtwählen, knackige Wette."
"Wenn man daran interessiert ist, den Bundestag und wer darin vertreten ist zu bestimmen, dann stimmt das natürlich. Da ist die Stimme in dem Sinne dann verschwendet, weil sie nicht gezählt wird, um die Anteile der Parteien im Bundestag aufzuteilen", sagt Huber. Die Fünf-Prozent-Hürde ist laut Huber außerdem nicht ohne Grund eingeführt worden. "In der Weimarer Republik war das Parteienspektrum so stark zergliedert, dass am Ende keine plausible Regierung mehr möglich war. Davon haben die extremen Kräfte und insbesondere die NSDAP stark profitiert", sagt er.
Gerade aber durch das Wählen von Kleinparteien könne man auch Signale setzen. "Eine Stimme für die Grünen vermindert den Anteil der AfD-Sitze im Bundestag potenziell und eine Stimme für Volt macht es nicht, wenn die Partei nicht reinkommt. Wenn man jetzt wirklich gleichermaßen unzufrieden ist mit dem Angebot, kann ich das Motiv nachvollziehen", sagt Huber.
Kleinparteien wählen: "Man äußert damit seine Stimme und beteiligt sich am politischen Prozess."
Eine Partei zu wählen, die es nicht über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen könne, sei aber besser als nicht zu wählen. "Man äußert damit seine Stimme und beteiligt sich am politischen Prozess", so Sascha Huber. Auch die Parteien nehmen diese Stimmen wahr und richten ihre Politik potenziell auch in Zukunft dahin aus, um diese Stimmen wieder reinzuholen.
Umfragen sind Momentaufnahmen
Manche orientieren sich im strategischen Wählen auch an den Umfragewerten, wie sie unter anderem auch bei der Tagesschau als Deutschlandtrend gezeigt werden. Diese Umfragen seien in erster Linie aber Momentaufnahmen mit Stichproben aus der Gesamtbevölkerung. Wolle man dann daraus Rückschlüsse auf die Gesamtbevölkerung ziehen, gebe es Unsicherheiten. "Man kann ja zufällig auch mal Leute ausgewählt haben, unter denen mehr CDU-Wähler waren", sagt Huber. Diese Unsicherheitsmaße sollen mit angegeben werden, plädiert Huber. Journalist:innen müssen die Umfragewerte einordnen und explizit darauf hinweisen, dass die Schätzung nur eine Möglichkeit sei, die sich in dem Moment durch die Umfrage darstelle – und es im nächsten Moment schon anders aussehen könne.
{element}Wie trifft man eine Entscheidung? Diese Tipps hat der Politikwissenschaftler
Wie trifft man nun aber eine Entscheidung darüber, wen und wie man am 23. Februar wählen wird? "Man sollte sich mit den Programmen der Parteien auseinandersetzen und sich darüber informieren, bei welchen Themen die Unterschiede liegen", sagt Huber. Außerdem solle man zurückblicken: Für was haben die Parteien bisher gekämpft? Für was sind sie eingestanden? Diskussionen in Fernsehsendungen zu verfolgen könne ebenso hilfreich sein. "Auch immer eine gute Möglichkeit ist, sich mit einem anderen Menschen zu unterhalten und ein Gespräch zu führen. Das ist oft persönlicher und man kann die Blickwinkel einer anderen Person, die man vielleicht schätzt, mit einbeziehen", sagt Sascha Huber. Auch der Wahl-O-Mat sei eine "ganz gute, unterhaltsame, Orientierungshilfe", um einen ersten Eindruck zu gewinnen. Allerdings kommen hier laut Huber nur bestimmte Thesen zu wenigen Themen zur Auswahl. Der Wahl-O-Mat wird am 06. Februar veröffentlicht.
Über Sascha Huber
Sascha Huber ist empirischer Politikwissenschaftler an der Universität Mainz. Er forscht zu Wahlen, politischen Einstellungen und Urteilsbildung.
Anmerkung der Redaktion: Die Kommentare wurden in Rechtschreibung und Grammatik angepasst, inhaltlich jedoch nicht bearbeitet.





