Jugendfeuerwehr in Rudersberg

Alarm, Feuer, Blaulicht – „richtig krass!“

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1903K007 24 Stunden in Rudersberg, jugendfeuerwehr, von links: Hatice Ak, das Maskottchen aller Jugendwehren in ganz Deutschland, Domenik Maylaender nicht ae, Jens Lutz, Pauline Berger und Bekit Oender nicht oe. © Ralph Steinemann Pressefoto
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1903K007 24 Stunden in Rudersberg, jugendfeuerwehr, von links: oben Domenik Maylaender nicht ae, unten Bekit Oender nicht oe, hinten Pauline Berger und ganz rechts Hatice Ak. © Ralph Steinemann Pressefoto
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1903K007 24 Stunden in Rudersberg, jugendfeuerwehr, von links: Hatice Ak und Pauline Berger. © Ralph Steinemann Pressefoto
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1903K007 24 Stunden in Rudersberg, jugendfeuerwehr, von links: Jugendleiter Achim Schoenleber nicht oe und Michael Lindner. © Ralph Steinemann Pressefoto

Einsatzbefehl. Die Sirene heult. Flackerndes Blaulicht entreißt die Umgebung des Feuerwehrautos im Sekundentakt der Dunkelheit. Angespannt sitzen die Uniformierten auf den Bänken des Löschfahrzeugs. Am Ort des Geschehens, einem Holzcontainer in Klaffenbach, springen sie aus dem Fahrzeug: Rauch, Feuer, Atemnot – irgendwo da drin befindet sich eine verletzte Person, oder sogar zwei. Das Adrenalin steigt. Der Trupp rückt vor, rein ins Inferno. Jeder Handgriff muss nun sitzen.

Einmal jährlich gibt es eine 24-Stunden-Übung bei der Jugendfeuerwehr in Rudersberg

„Ich war mit einem Kameraden dort drinnen. Wir konnten nichts sehen und es hat gestunken“, erinnert Pauline. Sie gehörte zu dem ersten Trupp, der eine vermisste Person suchen und retten sollte. „Es war alles so verraucht, wir konnten nicht einmal miteinander reden. Das war so richtig krass!“ Die Bilder, der Druck, das Gefühl – all das ist ihr bis heute in Erinnerung geblieben. Kaum verwunderlich. Sie ist schließlich erst zwölf Jahre alt …

Alles wie in echt: Dies ist der größte Reiz für die Kinder und Jugendlichen im Alter von 10 bis 17 Jahren, die im Herbst an der alljährlichen 24-Stunden-Übung der Rudersberger Jugendfeuerwehr teilnahmen. Das beschriebene Szenario gehörte zu einem von neun Übungs-Einsätzen, die der Nachwuchs binnen 24 Stunden zu meistern hatte. Alles unter den wachsamen Augen des Jugendleiters Achim Schönleber, der mit seinem Team die Aufgaben erdacht und inszeniert hatte, um seine junge Truppe an die Realität heranzuführen. „Wenn nachts um 2 Uhr der Einsatz ruft, muss das Gelernte im Blindflug sitzen. Keine Zeit zu überlegen, man muss wissen, was zu tun ist.“

Ein Training unter Real-Bedingungen mit Geschichten, die das Leben schrieb und der Einsatz diktierte – darum geht es Achim Schönleber, wenn er einmal pro Jahr für die Jugendlichen diese Marathon-Übung organisiert: eine Herausforderung, ein Adrenalin-Kick, eine Feuertaufe für all jene, die sich bereits in jungen Jahren dafür entschieden haben, sich diesem anspruchsvollen Ehrenamt zu widmen.

Aktuell sind es sechs Mädchen und 21 Jungs, die in der Rudersberger Jugendfeuerwehr an jedem zweiten Montag für den Ernstfall trainieren. „Die kommen super miteinander aus, sind regelmäßig dabei und ziehen ganz toll mit!“, freut sich der Rudersberger Kommandant Joachim Stocker. „Das werden einmal richtig gute Feuerwehrleute und Arbeiter!“ Die Jugendlichen dürfen mit allem üben, was der Einsatzabteilung zur Verfügung steht. Sie erhalten eigene Uniformen, Einweisungen in Theorie und Praxis – dem Lerneifer werden keinerlei Grenzen gesetzt. „Einzige Bedingung: Was sie benutzen, das müssen sie später wieder reinigen und aufräumen“, ergänzt Jugendleiter Achim Schönleber, der die Jugendlichen und ihre Ausbildung betreut. Er selbst stieß damals im Alter von 14 Jahren zur Jugendfeuerwehr und fand darüber seinen Weg in die Einsatzabteilung. Seit vier Jahren ist der heute 28-Jährige nun Jugendleiter: „Es macht Spaß, wenn man den Jüngeren was beibringen kann, sie heranwachsen und reifen sieht – und später vielleicht sogar mit ihnen im Einsatz ist. Wenn man so ein Engagement für unser Ehrenamt erlebt, da geht einem das Herz auf!“

Vermutlich ist das einer der Gründe, weshalb Achim Schönleber vor drei Jahren die 24-Stunden-Übung in Rudersberg wieder einführte: „Im Laufe eines 24-Stunden-Dienstes haben wir mit den Jugendlichen bis zu zwölf Übungseinsätze.“ Zwischendurch werde gemeinsam gekocht, gegessen und es gibt für den Nachwuchs sogar einen Helm voll Schlaf. „Aber natürlich wecken wir sie dann nachts wieder auf und schicken sie in einen Übungseinsatz: eine Personensuche, eine Ölspur oder Ähnliches. Es geht darum, sie bewusst zu stören, Stress und Adrenalin zu erzeugen.“ Und mit einem Schmunzeln fügt er hinzu: „Am nächsten Tag sind sie dann meistens ziemlich fertig – deswegen machen wir das nur in den Ferien.“

Bis zu 20 Helfer sind schon Monate vorab in die Organisation mit eingebunden. Sie fungieren als Betreuer, Darsteller, Köche oder Fahrer. Zwei Monate vor dem konkreten Termin beginnt für das Team die heiße Phase: Wer ist auf Betreuer- und wer auf Seite der Jugendlichen dabei? Welche Einsätze soll es geben? Was muss vorbereitet werden? Und was wird gekocht? An einem Samstagmorgen, meistens so gegen 10 Uhr, startet schließlich der 24-Stunden-Dienst. Zunächst wird das Nachtlager vorbereitet – bevor jedoch Gemütlichkeit einkehrt, ruft auch schon der erste Einsatz. Die Szenarien sind real: Es werden Übungsautos zerschnitten; es werden echte (kontrolliert gelegte) Feuer gelöscht; Puppen oder Menschen müssen aus brenzligen Situationen befreit werden. Der entscheidende Unterschied zur Realität ist allerdings: Alle Einsätze gehen gut aus. „Es muss den Jugendlichen Spaß machen“, betont Schönleber. Er wolle seine Schützlinge zwar auf den Ernstfall vorbereiten, sie aber auch motivieren: „Sie sollen eine Leidenschaft für die Sache entwickeln: Es bereitet Freude, jemandem zu helfen! Sonst funktioniert das später nicht mit dem Ehrenamt.“

Der eingangs beschriebene Übungseinsatz ist den Nachwuchs-Einsatzkräften nachhaltig in Erinnerung geblieben. „Die Jugendlichen wurden mit der Sirene alarmiert und erhielten alle Informationen zum Einsatz“, erinnert sich Schönleber. „Einer der Jugendlichen – meistens einer der Älteren – wird zum Gruppenführer und lotst das Einsatzfahrzeug zum Ziel. Er lernt so die Übernahme von Verantwortung und das Kommandieren.“ Was die zwölfjährige Pauline berichtet hat, wird von Schönleber lächelnd bestätigt: Der Rauch kam aus der Nebelmaschine, dennoch stießen die Jugendlichen an körperliche Grenzen. Sogar ein echtes (kontrolliertes) Feuer war neben dem Container entfacht worden. „Da geht mal eben der Puls hoch!“ Jeder Trupp wusste dennoch genau, was er zu tun hatte. Alles ging Hand in Hand. Zwei Personen wurden „gerettet“: eine Puppe und ein Darsteller. „So hatten alle ihr Erfolgserlebnis“, freut sich Schönleber. Danach folgte das Aufräumen – und dann schon der nächste Einsatz.

„Immer, wenn wir gerade mal eingeschlafen waren, ging wieder ein Alarm los“, erinnert sich die elfjährige Hatice. „Das war echt spannend! Wir mussten ausrücken und dann musste alles immer sehr schnell gehen.“ Das Mädchen ist mit 10 Jahren erstmals zum Jugendtraining gekommen. „Es hat mir gleich Spaß gemacht, also bin ich geblieben.“ Später möchte sie gerne auch ein Teil der Einsatzabteilung werden. Ganz ähnlich plant es der zwölfjährige Bekir: „Als Kind ist ja Feuerwehrmann für viele ein Traumberuf“, sagt er und meint, dass er schon seit dem Kindergarten gerne mit dabei sein wollte. Einen 24-Stunden-Dienst hat er zwar noch nicht erlebt, freut sich aber darauf, in diesem Herbst dabei zu sein.

Dominik und Jens sind mit ihren jeweils 15 Jahren die Ältesten der aktuellen Truppe, und durften deshalb im Rahmen der 24-Stunden-Übung abwechselnd den Part des Gruppenführers einnehmen. „Ich freue mich da jedes Jahr darauf“, verrät Dominik. „24 Stunden zusammen mit den Kameraden, gemeinsam rausgehen und die Übungs-Einsätze erleben – das ist was Besonderes!“ Das Kommandieren der anderen empfindet er als besonders herausfordernd: „Man muss sich auf alle Möglichkeiten einstellen, die Situation durchschauen, Befehle erteilen. Man muss in diesem Moment für alle anderen mitdenken.“

Bei dem Übungs-Einsatz in Klaffenbach war Jens einer der Gruppenführer. Sein Trupp sollte eine Person befreien, die unter Schüttgut eingeklemmt war. „Als Gruppenführer muss man den Überblick bewahren, sich mit dem anderen Auto abstimmen, die Wasserversorgung sowie den Angriffstrupp koordinieren – und das Kommando führen“, meint der 15-Jährige, dessen Vater und Schwester gleichfalls Feuerwehrleute sind. Was er bei seiner Familie beobachtet, genau davon bekommt er bei den 24-Stunden-Diensten selbst einen Eindruck. „Ich habe fest vor, später der aktiven Wehr beizutreten und echte Einsätze zu fahren.“

Das plant übrigens auch Pauline, die nicht nur von dem Einsatz in Klaffenbach, sondern vor allem vom Zusammenhalt unter den Kameraden hoch beeindruckt ist: „Man findet hier Freunde, hat Spaß und erlebt einiges zusammen.“ Regulär wird bei der Rudersberger Jugendfeuerwehr alle zwei Wochen, jeweils montagabends von 19 bis 20.45 Uhr, trainiert. Neue Interessenten sind stets willkommen und dürfen sich bei Achim Schönleber melden.

Der Jugendleiter selbst und sein Team sind übrigens diejenigen, die nach einem solchen 24-Stunden-Dienst letztlich besonders erschöpft sind. Für sie geht der Tag lange vorher los – und danach sogar noch weiter: „Meistens sind es um die 30 Stunden, die man wach bleibt“, schätzt Achim Schönleber. Die Jugendlichen dürfen zwischendurch schlafen, das wäre ja im Ernstfall genauso. Die Betreuer hingegen bleiben wach. „Danach braucht man dann einen guten Tag lang Erholung“, sagt der Jugendleiter und lacht. „Aber wir machen das gerne. Es macht einfach große Freude, die Jugendlichen mit so viel Elan bei der Sache zu erleben.“

Matthias Schwappach