VfB Stuttgart

Der VfB spielt groß auf, verpasst gegen Atlético jedoch den ganz großen Abend

Hatte den VfB gegen Madrid in Führung gebracht: Flügelstürmer Jamie Leweling.
Hatte den VfB gegen Madrid in Führung gebracht: Flügelstürmer Jamie Leweling. © Hansjürgen Britsch

Stuttgart. Der VfB Stuttgart führt gegen Atlético Madrid verdient, kassiert kurz nach der Pause den Ausgleich und kann auch in Überzahl den Sieg nicht erzwingen. Für Torhüter Dennis Seimen ist es dennoch ein bemerkenswertes Champions-League-Debüt. Unser Spielbericht aus der MHP-Arena.

Es gibt im Fußball diese Abende, an denen sich eine Mannschaft ein Stück größer spielen kann, als sie sich in den vergangenen Wochen vielleicht gefühlt hat. Der VfB hatte am Dienstagabend die Gelegenheit dazu. Nach dem 0:1 beim Hamburger SV, der vierten Niederlage im sechsten Bundesligaspiel, war die Stimmung rund um den Verein ein wenig angespannter geworden. Der Liga-Fehlstart lässt sich nicht mehr wegdiskutieren. Nun kam Atlético Madrid, jener spanische Spitzenklub, der sich seit Jahren darauf versteht, anderen Mannschaften den Spaß am Fußball auszutreiben. Am Ende stand ein 1:1, das sich für die Stuttgarter eher nach zwei verlorenen Punkten anfühlte als nach einem gewonnenen.

Riesenchoreo der VfB-Fans vor dem Anpfiff

Dabei hatte der VfB lange genug gezeigt, dass er sich vor diesem Gegner nicht verstecken muss. Schon vor dem Anpfiff war die Cannstatter Kurve eine Liebeserklärung an die eigene Stadt. Über dem schwarz-gelben Schriftzug „Stuttgart-City“ reihten sich Motive aus der Kesselstadt, von der Oper über den Hauptbahnhof bis zur Grabkapelle. Davor schwebte ein riesiges Rössle. Es war eine Choreografie, die den Abend mit einer Botschaft versah: Hier spielt nicht irgendein Klub, hier spielt Stuttgart.

Für Dennis Seimen wurde es derweil ein besonderer Abend. Der Torhüter stand erstmals in der Champions League auf dem Platz und wurde damit zum jüngsten VfB-Keeper, der in der Königsklasse zum Einsatz kam. Zunächst blieb ihm vor dieser Kulisse allerdings vor allem die Rolle des Beobachters. Seine Vorderleute hatten das Spiel von Beginn an im Griff. Nach gerade einmal 20 Sekunden musste Atlético-Torhüter Jan Oblak gegen Bilal El Khannouss erstmals eingreifen. Wenig später prüfte Angelo Stiller den Slowenen, der auch diesen Abschluss sicher parierte.

Der VfB spielte mit Tempo, mit Überzeugung und mit einer Schärfe in den Zweikämpfen, die zuletzt nicht immer so deutlich zu erkennen gewesen war. Atlético ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Diego Simeone, der Trainer-Vulkan in schwarzer Krawatte, stand an der Seitenlinie bereits unter Spannung, während seine Mannschaft geduldig auf ihre Gelegenheit wartete. Auf der Pressetribüne mussten derweil die spanischen Radioreporter ihre Berichte mit wachsender Aufregung in die Heimat funken. Der VfB hatte den großen Namen nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern beschäftigte ihn.

Nach einer ersten Stuttgarter Welle wurde die Partie ausgeglichener, ohne dass die Gastgeber die Kontrolle wirklich verloren. Sie sammelten Abschlüsse, drängten Atlético zurück und belohnten sich schließlich in der 36. Minute. Stiller eroberte den Ball am gegnerischen Strafraum, Jamie Leweling zog ab – und weil der Schuss noch leicht abgefälscht wurde, war Oblak machtlos. Die Arena bebte, und die Fans sangen vom Spitzenreiter. Für einen Moment stand der VfB in der Tabelle der Königsklasse tatsächlich vor Paris Saint-Germain und dem FC Barcelona.

Zur Pause stand der VfB an der Spitze der Königsklasse

Es war eine verdiente Führung, die auch deshalb bemerkenswert war, weil Stuttgart in dieser Champions-League-Saison zuvor gegen Stavanger und Bratislava gewonnen hatte, also gegen Gegner von deutlich geringerem Format. Atlético war eine andere Prüfung. Und der VfB bestand sie bis zur Pause überzeugend. Seimen musste kurz vor dem Seitenwechsel bei einem Kopfball erstmals ernsthaft zupacken. Ansonsten war sein Debüt auf Europas großer Bühne bis dahin ein erstaunlich geruhsamer Abend.

Doch im Fußball genügt mitunter eine einzige Minute, um eine ganze Halbzeit umzudeuten. Gerade einmal zwei Minuten waren nach Wiederanpfiff vergangen, da stand es 1:1. Der eingewechselte Ademola Lookman flankte, Julián Álvarez traf. Die Stuttgarter Defensive wirkte in dieser Szene zu passiv, als sei sie gedanklich noch in der Kabine. Atlético brauchte nicht viele Gelegenheiten, um sich zurückzumelden. Der zweite Torschuss der Madrilenen saß.

Der VfB musste sich kurz schütteln, spielte dann aber weiter nach vorne. Chris Führich verfehlte das lange Eck, später verhinderte Seimen mit einer starken Fußabwehr gegen Pablo Barrios sogar einen möglichen Rückstand. Der junge Torhüter war nun gefordert – und zeigte, dass sein Königsklassen-Debüt nicht nur eine schöne Geschichte für die Statistik werden sollte.

Glatt Rot für Hjulmand: Der VfB spielte lange in Überzahl

In der 64. Minute veränderte sich die Ausgangslage erneut. Atlético verlor einen Spieler: Nach einer brutalen Grätsche von hinten gegen Stiller sah Morten Hjulmand glatt Rot. Nun war Stuttgart in Überzahl, und die Schlussphase schien eine Einladung zu werden, aus einem großen Abend einen ganz großen zu machen. Der VfB drängte, sammelte Eckbälle und brachte Ermedin Demirović für Leweling. Doch Atlético verteidigte mit zehn Mann noch entschlossener, warf sich in die Schüsse und machte die Räume eng. Dem VfB fehlten nun bisweilen Tempo und Tiefe, um die letzte Abwehrlinie auseinanderzuziehen. Die größte Gelegenheit zur erneuten Führung hatte schließlich Jeff Chabot, der nach einer Ecke von Maximilian Mittelstädt heranrauschte, den Ball aber knapp verfehlte. So blieb es beim 1:1. Ein Ergebnis, mit dem der VfB leben kann, wenn er auf die Qualität des Gegners schaut. Und eines, über das er sich ärgern darf, wenn er den Verlauf der Partie betrachtet.

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