VfB Stuttgart

Quattrex, zwei Abstiege, Daten-Skandal: Ein Rundgang im Gruselkabinett der jüngeren VfB-Historie

Kopie von _3
Zwei Reizfiguren: Auch Ex-Präsident Wolfgang Dietrich und Ex-Sportchef Michael Reschke sind zentrale Figuren im Buch von Benjamin Hofmann. © Danny Galm (Archiv)

Zwischen 2007 und 2019 hat der VfB Stuttgart einen Niedergang erfahren, der im Bundesliga-Business lediglich vom 1. FC Kaiserslautern, dem FC Schalke 04 und dem Hamburger SV unterboten wird. Zu den Ursachen dieser Talfahrt hat der kicker-Journalist Benjamin Hofmann eine brillante Analyse vorgelegt. Misswirtschaft, Inkompetenz, Quattrex- und Daten-Skandal sowie der beispiellose Konflikt zwischen e.V.-Präsident Claus Vogt und AG-Chef Thomas Hitzlsperger: Hofmann zeichnet ein düsteres Sittengemälde eines Traditionsvereins, der erneut vor einer ungewissen Zukunft steht. 

Die Dekade des Dilettantismus

Getreu dem Sprichwort „Im Erfolg macht man die größten Fehler“ hat Hofmann den letzten großen VfB-Erfolg auf der nationalen Fußball-Bühne als Ausgangspunkt für seine Untersuchung gewählt. „Um die Entwicklung der Jahre 2011 bis 2015 zu verstehen, muss man im Jahr 2007 anfangen“, sagte der Autor im VfB-Podcast unserer Redaktion. Mit eindrucksvoller Präzision rast er also zunächst durch die Jahre vom Gewinn der Meisterschaft unter Armin Veh bis zum Abstieg unter Jürgen Kramny. Eine „Dekade des Dilettantismus“, schreibt der kicker-Reporter treffend. 

Die Gründe für den Niedergang liegen dabei auf der Hand: „Das Personalkarussell, frei nach Ottmar Hitzfeld in einer andauernden Vollrotation, zieht sich wie ein roter Faden durch das Jahrzehnt des Niedergangs.“ Das Managementversagen made in Schwaben im Schnelldurchlauf: Von der Meisterschaft bis zum Abstieg nennen sich neun verschiedene Fußballlehrer Trainer des VfB Stuttgart. Alles unter der Regie einer Führungsebene, die über viele Jahre von Egoismen zerfressen und von Inkompetenz gekennzeichnet war.

„Sie haben sich selbst in diesen Sog gemanagt“

Die hohe Fluktuation auf der Bank und bei den Kaderplanern habe auch „Spuren beim kickenden Personal“ hinterlassen. Letztlich landete der Verein für Bewegungsspiele von 1893 in einem kaum noch zu stoppenden Abwärtsstrudel. „Oder besser: Sie haben sich selbst in diesen Sog gemanagt.“

Neben dem sportlichen Bedeutungsverlust des fünfmaligen Deutschen Meisters fällt in diese Phase auch die Zeit der großen Zerrissenheit zwischen Vereins - und AG-Führung auf der einen sowie den Mitgliedern und Fans auf der anderen Seite. Und genau diesen Konflikt nimmt Hofmann besonders in den Blick. Über allem steht dabei die große Frage: Investoren oder Mitglieder – wer hat im Fußball eigentlich das Sagen?

Parforceritt durch die turbulenten 2010er Jahre

Die Kapitel sind allesamt knapp gehalten, das Werk mit seinen 208 Seiten ist keine allzu schwere Kost. Das steigert das Tempo der Erzählung gewaltig. Sie ist ein Parforceritt durch die turbulenten 2010er Jahre und, wenn man so will, auch eine Art Konfrontations-Therapie für den krisengestählten Anhang. Wie lief das noch mal genau mit der Wahl von Wolfgang Dietrich 2016? Wie emotional tobten die Debatten im Vorfeld der Ausgliederung 2017? Und wie zerfleischten sich die Protagonisten im Zuge der großen Führungskrise in aller Öffentlichkeit beinahe selbst? 

Buchautor Benjamin Hofmann Neues Buch zum VfB Stuttgart: "Kapital oder Kurve? Der VfB Stuttgart am Scheideweg"
Autor Benjamin Hofmann. © Werkstatt-Verlag

Hofmann beleuchtet noch einmal detailliert all die schmerzhaften Themen, die viele Fans wohl am liebsten aus ihren Erinnerungen streichen möchten. Doch das Verständnis der vielen Fehler und Streitigkeiten aus der Vergangenheit ist unerlässlich, will man die aktuellen Machtverhältnisse im roten Clubhaus verstehen. Für die Anhänger muss sich das Buch dennoch anfühlen wie ein Rundgang im Gruselkabinett.

Quattrex- und Daten-Skandal im Fokus

Zentral sind dabei die Recherchen des Reporters zu den Quattrex-Verflechtungen von Ex-Präsident Dietrich und zum Daten-Skandal, der den Klub letztlich vor die wohl größte Zerreißprobe seiner 128-jährigen Geschichte führte. Schließlich kann man getrost behaupten, dass kein anderer Journalist den VfB in den letzten Jahren mit seiner Arbeit so durchgeschüttelt hat, wie es Hofmann mit seinen Enthüllungen gelungen ist.  

Aufmerksame Beobachter werden die geschilderten Ereignisse noch präsent haben. Wirklich neue Erkenntnisse/Aussagen gibt es nur wenige, was die Wertigkeit des Buchs jedoch keineswegs schmälert. So wird beispielsweise häufig aus dem Auftritt von PR-Mann Andreas Schlittenhardt im Podcast „VfBSTR“ von 2020 zitiert. Ein alter Schinken also - könnte man meinen. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Hofmann liefert eine spannende und kurzweilige Erzählung. Seine Analysen sind treffend und fußen auf akribischer Recherche-Arbeit. Kurz: ein Standardwerk und Must-Read für jeden, der es mit den Weiß-Roten hält.

Ein Verein erneut am Scheideweg

Unter dem Strich bleibt das düstere Sittengemälde eines Vereins, der nach den Jahren des Niedergangs erneut an einem Scheideweg steht. Zumindest im sportlichen Bereich scheint am Wasen mit Trainer Pellegrino Matarazzo und Sportdirektor Sven Mislintat eine gewisse Kontinuität Einzug gehalten zu haben. Doch über der Mercedesstraße schwebt weiter eine dunkle Wolke: Kann ein professioneller Fußballklub funktionieren, wenn mit AG-Chef Thomas Hitzlsperger und e.V.-Präsident Claus Vogt zwei Führungsfiguren nicht auf einer Wellenlänge liegen? Die Antwort auf diese Frage bietet womöglich Stoff für eine Fortsetzung.

Benjamin Hofmann: „Kurve oder Kapital? Der VfB Stuttgart am Scheideweg“, Verlag Die Werkstatt, 16,90 Euro

Der Autor

  • Benjamin Hofmann, Jahrgang 1983, ist Sportjournalist und seit 2014 Redakteur beim Fachmagazin kicker.
  • Dort berichtet er über verschiedene Vereine, sportpolitische Themen und ist zuständig für investigative Recherchen.
  • Die Aufdeckung des „Datenskandals“ im Herbst 2020 ging maßgeblich auf seine Nachforschungen zurück.