VfB Stuttgart

Transfers des VfB Stuttgart: Das steckt hinter der Strategie von Sven Mislintat

Sven Mislintat
Stuttgarts Sportdirektor Sven Mislintat steht vor dem Spiel im Stadion. Foto: Tom Weller/dpa © Tom Weller

Neulich erzählte Sven Mislintat eine Anekdote, die viel über seine Rolle beim VfB Stuttgart aussagt. Als er noch in die Kaderplanung von Borussia Dortmund involviert war, habe er bei Sportvorstand Jochen Saier vom SC Freiburg anrufen und sagen können «Wir sind an einem Spieler von euch interessiert, was kostet der denn?», sagte der 48-Jährige der «Stuttgarter Zeitung» und den «Stuttgarter Nachrichten». «Wenn ich heute anrufe, kriege ich oft nur ein müdes Lächeln – und die Aussage: keine Chance!»

Es war nur ein Beispiel. Aber es gibt die Bedingungen, unter denen Mislintat einst arbeitete, und jene, die er derzeit vorfindet, ganz gut wieder. Beim VfB, der in den vergangenen fünf Jahren zweimal aus der Fußball-Bundesliga abstieg, fischt der Westfale bei der Suche nach Neuzugängen wieder in anderen Gewässern als beim BVB, der im gleichen Zeitraum jede Saison die Champions League erreichte. Das «Diamantenauge» muss Talente erspähen, die anderen verborgen bleiben - oder sie trotz bescheidener finanzieller Mittel vom eigenen Weg eben noch mehr überzeugen als von dem der Konkurrenz.

«Eigentlich war unser Job ja schon recht früh erledigt ...»

Diesen Sommer war die Situation ganz speziell. Zum einen wegen der Corona-Krise, die den VfB schon mehr als 50 Millionen Euro gekostet hat. Zum anderen wegen der Verletztenmisere, die die Schwaben zuletzt erfasste. «Von den Bedingungen her war dieser Transfersommer noch komplizierter als der letzte», sagte Mislintat der Deutschen Presse-Agentur. «Wir wollten einen Transferüberschuss von circa 25 Millionen Euro erzielen und dabei möglichst wenig oder keine Qualität im Kader verlieren. Das war schon anspruchsvoll. Aber obwohl wir mit vielen Widerständen zu kämpfen hatten, haben wir es gut hinbekommen.»

Durch die Verkäufe von Torhüter Gregor Kobel (für 15 Millionen nach Dortmund) und Stürmer Nicolas Gonzalez (für 23,5 Millionen nach Florenz) konnte ein Teil der finanziellen Verluste kompensiert werden. Weil zuletzt gleich eine ganze Reihe von Profis ausfiel, musste der VfB im Transferfinale Anfang der Woche personell aber nochmal nachlegen. «Eigentlich war unser Job ja schon recht früh erledigt, Florian Müller als neue Nummer eins beispielsweise zügig verpflichtet», sagte Mislintat. «Aber diese Aneinanderreihung von Verletzungen hat es nochmal kompliziert gemacht.»

So wurden kurz vor Schluss noch die Offensivkräfte Omar Marmoush per Leihe aus Wolfsburg und Wahid Faghir für mindestens vier Millionen Euro von Vejle BK (Dänemark) verpflichtet. Wieder zwei Youngster, von denen Mislintat ja so gerne welche holt. Wegen des schmalen Budgets oft aber auch holen muss. Vergangene Saison begeisterte die junge Truppe der Stuttgarter als Aufsteiger und wurde Tabellenneunter. In dieser noch jungen Spielzeit erlebte sie bereits gewaltige Schwankungen, gewann gegen Fürth beispielsweise 5:1 und verlor in Leipzig 0:4. Ziel ist der Klassenerhalt, aber die Mission weiter eine schwierige.

«Wir haben auch ein paar Vorgriffe auf den kommenden Sommer gemacht»

«Wir sind gut aufgestellt und haben einen Kader, der die Liga halten kann», sagte Mislintat. Teilweise erwartet er sogar «richtig heiße Kämpfe, wenn die verletzten Spieler nach und nach zurückkehren». Flügelspieler Tanguy Coulibaly und Allrounder Atakan Karazor, die beim 2:3 gegen Freiburg zuletzt wieder auf der Bank saßen, etwa. Oder Mittelfeldmann Orel Mangala, der nach der Länderspielpause wieder einsatzbereit sein dürfte. Unter anderem an den Belgier, aber auch an Verteidiger Marc Oliver Kempf dachte Mislintat wohl, als er sagte: «Wir haben auch ein paar Vorgriffe auf den kommenden Sommer gemacht.»

Sollten Mangala, dessen Marktwert auf gut 20 Millionen Euro geschätzt wird, und Kempf, dessen Vertrag dann endet, den VfB nach der Saison verlassen, soll nach Möglichkeit schon interner und eingearbeiteter Ersatz parat stehen. Talente wie Naouirou Ahamada und Enzo Millot, die Mislintat aus Turin und Monaco holte, oder Hiroki Ito, den er in Japans zweiter Liga aufspürte. Transfers, die ähnlich viel über seine Arbeitsbedingungen aussagen wie die Anekdote mit Jochen Saier.

Kommentar zu den VfB-Transfers: Mehr Chance als Risiko

Von Danny Galm

Sven Mislintat, Thomas Hitzlsperger und Pellegrino Matarazzo haben beim VfB Stuttgart den Slogan „Jung und wild“ wieder mit Leben gefüllt. Endlich. Jahrelang wurde das inoffizielle Vereinsmotto der Schwaben lediglich öffentlich propagiert. Wenn es jedoch ernst wurde, oftmals hinten angestellt. Nicht mit „Diamantenauge“ Mislintat. 

Der VfB-Kapderplaner setzte in der diesjährigen Sommer-Wechselperiode trotz großen Drucks nicht auf die vermeintlich „einfachen“ Lösungen. Im Transfer-Endspurt widerstand er der Versuchung, angesichts der Verletztenmisere in der Offensive auf altbewährte Kräfte zu setzen. Stattdessen wurden mit Omar Marmoush (22) und Wahid Faghir (18) zwei weitere Youngsters verpflichtet. Dabei birgt Mislintats Strategie natürlich auch Risiken. Wie werden sich die jungen Profis in einem womöglich drohenden Abstiegskampf schlagen? Wie schnell kommen die nächsten Entwicklungsschritte? Kommen sie überhaupt? 

Das Vertrauen der Führungscrew in Team und Trainer ist da. Ohne jeden Zweifel. Und mit Blick auf das gewaltige Entwicklungspotential der Mannschaft überwiegen die Chancen gegenüber den potentiellen Gefahren. Der Faghir-Transfer verdeutlicht nebenbei noch das neue Standing des Clubs: Der dänische U-21-Nationalspieler stand auch auf dem Wunschzettel anderer Clubs. Letztlich war auch die bessere Perspektive im Schwabenland ausschlaggebend für seine Entscheidung.  

In der Konsequenz haben die Stuttgarter nun den zweitjüngsten Kader der europäischen Top Ligen. Mit Hamadi Al Ghaddioui und Daniel Didavi stehen lediglich zwei Ü-30-Profis im Aufgebot von Trainer Matarazzo. Der Coach hat nun trotz der zahlreichen Ausfälle einige Alternativen in der Hinterhand. Da die Verletzten allerdings peu à peu wieder zurückkommen werden, stehen spätestens im nächsten Sommer Abgänge an.

Es warten also direkt die nächsten Baustellen auf Sportdirektor Mislintat. Mit dem Wissen, dass einer der gewieftesten Kaderplaner der Branche diese Aufgaben angehen wird, müssen sich die VfB-Fans aber keinerlei Sorgen machen.