Undav und Nagelsmann: Warum beim DFB jetzt auch Rudi Völler gefordert ist
Stuttgart. Verkehrte Fußball-Welt: Zwei Monate vor der anstehenden Fußball-WM in den USA, Kanada und Mexiko macht Bundestrainer Julian Nagelsmann seinen formstärksten und treffsichersten Angreifer öffentlich runter und erstickt eine zumindest aus sportlicher Sicht aufkommende WM-Euphorie im Keim. Er assistierte seinem Joker Deniz Undav, der ihn mit seinem artistischen Treffer zum 2:1 gegen Ghana kurz zuvor womöglich vor einer äußerst unangenehmen Trainer-Diskussion bewahrte, eine „schwache Leistung“. Nun ist auch die DFB-Spitze gefordert. Eine kommentierende Analyse von ZVW-Redakteur Malte Busch.
Heftige Diskussionen um Bundestrainer Julian Nagelsmann
Fußball-Deutschland diskutiert über das Verhalten und die Äußerungen von Bundestrainer Julian Nagelsmann. Das mediale Echo am Tag nach dem 2:1-Erfolg über Ghana ist riesig. Im Zentrum steht Bundestrainer Julian Nagelsmann, der allen voran in den sozialen Medien aber auch von Experten und Journalisten heftig kritisiert wird. Er hat durch seine scharfen Äußerungen in Richtung Deniz Undav in den TV-Interviews und später auch auf der Pressekonferenz offenbar viel Kredit verspielt.
Dabei hätte die Laune nach zwei wichtigen Erfolgserlebnissen bei allen Beteiligten durchaus fröhlich sein können. Bei den Fans, der Mannschaft und vor allem dem Siegtorschützen Deniz Undav war sie es nach Abpfiff am späten Montagabend auch. Trotz geringer Einsatzzeiten in den beiden Testspielen gegen die Schweiz und Ghana war Undav bereits auf der Ersatzbank gut aufgelegt. Neben dem entscheidenden Treffer sorgten in Stuttgart vor allem die Fans in der heimischen Arena für gute Stimmung beim Publikumsliebling. Diese Wertschätzung nimmt er wie auch seine durch Julian Nagelsmann klar und unmissverständlich zugeteilte Rolle im DFB-Team an – auch wenn er selbstbewusst in die Mikrofone sagt, dass er hoffe, noch eine andere Rolle einnehmen zu können.
Deniz Undav als bester deutscher Torjäger
Der hinter Bayern Münchens Harry Kane zweitbeste Torjäger der Bundesliga (18 Tore), der beim VfB unumstrittener Stammspieler ist und seit Monaten voll im Saft steht, möchte auch bei der WM starten. Daraus macht er keinen Hehl. Und genau dieses forsche, gewohnt freche und durchaus provokante Verhalten des 29-Jährigen scheint bei Julian Nagelsmann etwas auszulösen. „Er setzt sich mit seinen Aussagen ja selber unter Druck, von daher ist es okay für mich“, kommentierte ein sichtlich angenervter Julian Nagelsmann die Ansprüche seines Offensiv-Akteurs. Zudem warf der ehemalige Trainer des FC Bayern München Undav indirekt mangelnde Fitness vor: „Wenn er vorher 70 Minuten marschiert, weiß ich nicht, ob er den so reinmacht.“ Dabei wäre es eine gute Möglichkeit gewesen, mit lobenden Worten der ohnehin angespannten Situation, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Nagelsmann entschied sich bewusst dagegen. Um Macht zu demonstrieren?
Rollenverteilung von Weltmeister-Trainer Gordon Herbert übernommen
Die Rollenverteilung schaute sich der 38-Jährige bereits vor der Europameisterschaft im eigenen Land 2024 bei Gordon Herbert ab, welcher die deutsche Basketball-Nationalmannschaft 2023 sensationell zum WM-Titel führte. Ein Schlüssel für diesen Erfolg war eben unter anderem eine klare Rollenverteilung im Team. Jeder Spieler habe gewusst, woran er sei und was er zu tun habe. Doch ein weiterer Erfolgsfaktor, der bei den Basketballern über die Jahre anhält, ist die fast romantische Beziehung zwischen Trainer, Staff und Spielern. Jeder stellt sich voll in den Dienst der Mannschaft. Zusammenhalt, Unterstützung und gegenseitiger Respekt werden ausgesprochen ausgelebt. Im Vorfeld der EM 2024 gab es einen Austausch zwischen Herbert und Nagelsmann. Letzterer, der (wie auch Undav) für sein selbstbewusstes Auftreten bekannt ist, sorgt mit seiner ganz bewusst und unmissverständlich platzierten Undav-Kritik ausgerechnet in einem sehr sensiblen Moment nun für Zündstoff und große Diskussionen.
Wie reagieren die DFB-Bosse?
Die DFB-Spitze um Rudi Völler und auch Julian Nagelsmann selbst haben nun ein paar Tage Zeit, um zu überlegen, wie sie dieses heikle Thema aus der Welt schaffen. Schließlich dürfte allen Beteiligten klar sein, dass solche Störfeuer vor oder während eines großen Turniers keiner Mannschaft beim Erreichen großer Ziele helfen. Vielleicht hat aber auch Gordon Herbert in dieser Angelegenheit noch einen guten Rat für den Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.


