10 Jahre danach

„Wer wachsam ist, kann etwas tun“

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Gisela Mayer, Vorsitzende der Winnender Stiftung gegen Gewalt an Schulen, mit Prof. Britta Bannenberg bei einer Pressekonferenz. © ZVW/Alexandra Palmizi

Winnenden. Die Kriminologin Prof. Britta Bannenberg erforscht, wie Amoktäter ticken, wie es passieren konnte, dass sie andere töten, und unter welchen Folgen die Überlebenden leiden. Trotz nüchterner Analyse lässt es die Wissenschaftlerin keineswegs kalt, dass solche Taten auch hätten verhindert werden können. Seit vier Jahren bietet sie an ihrem Institut in Gießen ein Beratungstelefon an, das durchaus genutzt wird.

„Wir haben in den vier Jahren etwa 200 Anrufe bekommen. Das ist überschaubar, aber die Anrufe haben Substanz“, sagt die Gießener Rechtswissenschaftlerin. „Ein Drittel der Anrufe kommt aus dem Bereich der Schulen. Interessanterweise wissen viele Eltern nicht, dass es an ihrer Schule ein Krisenteam gibt, dem sie sich anvertrauen könnten.“ Auch Schüler rufen an, entweder, weil sie den bedrohlich wirkenden Mitschüler nicht bei den Lehrern direkt „anschwärzen“ wollen, oder weil sie gar keinen Bezug zur Schule sehen, wenn die Andeutungen auf eine Amoktat im Internet, in den sozialen Medien, gemacht wurden. „Dann erzählen die Jugendlichen es nicht unbedingt den Eltern oder den Lehrern“, so Bannenberg.

Das Bauchgefühl: 80 Prozent der Anrufer liegen richtig

Die Professorin berichtet weiter, dass bisweilen auch die schulischen Krisenteams oder Psychiatrien bei ihr Rat suchen, wenn es um den Umgang mit bedrohlichen Personen geht. Und schließlich Menschen, die bei der Arbeit, etwa in einer Behörde, Umgang haben, der sie ratlos-ängstlich zurücklässt. „Manche haben große Scheu, sich direkt an die Polizei oder auch nur ihren Chef zu wenden. Manchmal werden sie auch nicht ernst genommen oder rufen bei der Polizei zur Unzeit an, wenn zu viel los ist. Haben wir Anlass zur Sorge, melden wir nach Absprache den Fall der Polizei, wir haben ein gutes Netzwerk und kennen die richtigen Personen.“

In jedem Fall nimmt sie sich jedoch Zeit zum Zuhören und Beraten, wie mit dem jungen oder erwachsenen bedrohlichen Menschen umgegangen werden kann. Bei 20 Prozent der Anrufer hat Britta Bannenberg Entwarnung gegeben, die Leute waren zu Unrecht beunruhigt. „In 80 Prozent der Anrufe sind die Leute jedoch genau auf der richtigen Spur“, sagt sie, es ist Gefahr im Verzug, es war gut, dass die Leute auf ihr Bauchgefühl gehört haben. „Man kann eine ganze Menge tun, wenn man wachsam ist, weil die Taten im Grunde sehr selten sind.“ Im Rückblick, bei der Analyse, haben die Forscher gesehen, dass fast jeder Amoktäter Hinweise auf die geplante Tat gegeben hat, die aber vom Umfeld oft nicht als solche wahrgenommen wurden.

Die Ansprache: Den Sog zur Tat unterbrechen

Die Polizei kann bei begründetem Verdacht den Menschen ansprechen und die Gefahrenlage selbst einschätzen. Bei Hinweisen auf Waffenbesitz kann eine Hausdurchsuchung gemacht werden. „Schon das ernsthafte Hinterfragen durch das Krisenteam der Schule kann den Radikalisierungsprozess unterbrechen“, sagt die Kriminologin. Wenn intensiv nachgefragt wird, warum hast du so einen Hass, dass du Menschen umbringen willst, dass du dies als einzige Lösung siehst - dann denkt der Betroffene oft nach und ist aus dem Sog heraus, nur noch auf die Tat zusteuern zu können. „Neben der geplanten Mehrfachtötung geht es ja am Ende auch um den Suizid. Oder der Einzelgänger fühlt sich so einzigartig, dass es ihm gar nicht passt, wenn sein Plot auffliegt. Der Narzisst fühlt sich durch die Intervention vielleicht endlich wahrgenommen. In jedem Fall kann ein Prozess in Gang kommen, dass der Betroffene doch noch den Sinn des Lebens erkennt.“

Eigentlich, sagt Bannenberg, „denken potenzielle Täter irrational. Sie wollen berühmt werden, sich für die Tat aber nicht verantworten. Sie bringen sich um und können ihren ,Ruhm’ nicht genießen.“

Das Aufhorchen: Wichtige Rolle der Psychologen

Distanziert er oder sie sich jedoch nach solch einer Ansprache nicht von den Drohungen, ist das soziale Umfeld gefragt und es kommt sogar eine zwangsweise Einweisung in die Psychiatrie in Betracht. „Wer von einer Amoktat abgehalten wurde, hat keine so schlechte Prognose“, weiß Bannenberg. Doch wer zum Mörder wird, überlebt seine Tat oft selbst nicht. „Zwei Drittel der jungen und ein Drittel der erwachsenen Amokläufer sterben bei der Tat. Die Überlebenden sind meist dauerhaft in der Psychiatrie untergebracht.“

Auch freiwillige psychologische Untersuchungen sind natürlich möglich. Von Kinder- und Jugendpsychiatern wünscht sich Professorin Bannenberg, dass sie genau hinhören. „Die Hälfte der 20 von uns untersuchten Täter war dort schon vorstellig. Trotzdem wurde ihr Vorhaben nicht erkannt. Wenn ein Jugendlicher sagt, er will andere umbringen und sich selbst, hören Psychiater oft nur die Suizidalität. Warum scheut der Therapeut das Thema? Hat er Angst vor Versagen? Wo ist das Problem, sich Rat bei Kollegen mit Erfahrung, bei forensischen Psychiatern, zu holen?“, geht Bannenberg die Zunft deutlich an.

Der Waffenschein: Hinweise an Behörde wären wichtig

Noch einfacher wäre es natürlich, wenn niemand Zugang zu einer Waffe hätte. „Viele der erwachsenen Täter sind Sportschützen, aber es ist ein sehr schwieriger Kampf, ihnen die Waffen wegzunehmen. Da sind zu viele Emotionen im Spiel, die Leute wollen ihren Sport ausüben oder Jäger sein“, schätzt Bannenberg die Chancen gering ein. „Eine Verbindung zwischen Polizei, Psychiatrie und Waffenbehörde wäre aber zu empfehlen. Sie muss die Zuverlässigkeit des Waffenbesitzers einschätzen. Und gibt es Hinweise auf Bedrohung, muss sie diese Zuverlässigkeit doch anders auslegen.“ Nicht nur manche psychisch Erkrankten ohne Behandlung hätten ein hohes Gewaltrisiko, sondern auch sogenannte Reichsbürger, Angehörige von Rockergruppen oder Islamisten. In den letztgenannten Fällen, so Bannenberg, „sieht man neuerdings die Widersprüche zum Waffenbesitz“.

Kostenlose Telefonberatung

Prof. Dr. Herbert Scheithauer (Leiter Arbeitsbereich Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie, Freie Universität Berlin): An Präventions- und Fördermaßnahmen wirkte er mit, unter anderem im Kindergarten (www.papilio.de), außerschulisch (www.fairplayer-sport.de, www.codaprogramm.de) und in der Schule (www.fairplayer.de, www.netwass-projekt.de, www.medienhelden-projekt.de).

Es gibt in Deutschland zahlreiche Forscher, die sich um die Frage kümmern, wie man mögliche Täter erkennen und die Taten verhindern kann, sie sind auch in Verbünden vernetzt.

Mit Prof. Britta Bannenberg (Gießen) arbeitet die Stiftung gegen Gewalt an Schulen in Winnenden eng zusammen. Eine Anlaufstelle ist daher die Internetseite www.stiftung-gegen-gewalt-an-schulen.de

Anrufen kann man von Montag bis Donnerstag von 9 bis 12 Uhr und 13 bis 15 Uhr unter Tel. 06 41-9 92 15 71 (auch Anrufbeantworter), doch im Notfall sollte die Polizei (110) gerufen werden. E-Mail an: sekretariat.bannenberg@recht.uni-giessen.de