50 Jahre ZVW

Als Waiblingen förmlich explodierte: Der steile Aufstieg in die Moderne

Baustelle Marktdreieck 1974
Hätten Sie’s erkannt? Das ist die Baugrube für das Marktdreieck anno 1974. © ZVW

1971 trat ein junger Bürgermeister aus dem Nachbarort seinen Dienst auf dem Waiblinger Rathaus an: Hans Wössner, zuvor Schultes im noch selbstständigen Beinstein, wurde „EBM“, Erster Bürgermeister der Stadt. Anders als die anderen späteren Ortschaften Hegnach, Neustadt, Hohenacker und Bittenfeld schlossen sich die Beinsteiner freiwillig schon vor der Kommunalreform 1975 der „Großen Kreisstadt“ Waiblingen an – eben 1971.

„Groß“ sollte Waiblingen erst noch werden, die Eingemeindungen und die Bebauung der Korber Höhe brachten ein enormes Wachstum der Bevölkerungszahl. Die heutige Kernstadt, sagt der inzwischen 86-jährige und immer noch beneidenswert fitte Hans Wössner, war damals nicht viel mehr als ein „beschaulicher, alter Beamtenflecken“. Vom prächtigen Fachwerk, das die Altstadt heute prägt, war vor Verputz kaum etwas zu sehen. Sie war „kuschelig, aber nicht schön“. Belebt war sie durchaus, es gab eine Vielzahl kleiner, familiengeführter Geschäfte, von denen viele heute mangels Nachfolge nicht mehr existieren.

„Mein erster Dienst-Parkplatz“, erinnert sich Hans Wössner, befand sich schräg gegenüber dem Rathaus am alten Oberamtsgebäude – das wenig später dem Marktdreieck wich. Über dessen Architektur streiten sich die Geister bis heute. Die einen lästern über das „Ufo“ aus dem All, das inmitten der Altstadt gelandet sei, die anderen loben die Kühnheit, mit welcher der nunmehr denkmalgeschützte, zeittypisch-moderne Bau die Formen der Altstadt ringsum aufnimmt.

Altstadtsanierungsanierung bedeutete Abriss

Es war die Zeit der Altstadtsanierung, wobei das im damaligen Verständnis weniger „Sanierung von Altbauten“ bedeutete als „Abriss und Neubau“. Bis in die frühen Siebziger wurden Pläne diskutiert, die Altstadt mit einem vierspurigen Ring zu erschließen und bis zu 250 alte Häuser zu opfern. Dagegen regte sich bald der Protest der links-alternativen „So nicht“-Sanierer.

An eine Fußgängerzone war 1971 noch nicht zu denken, als modern galt die autogerechte Stadt. Der Verkehr führte mitten hindurch – auch deshalb, weil die Bundesstraßen B 14 und B 29 noch nicht als Umgehungen ausgebaut waren (). Für die heutigen Trassen hatte sich der Grunderwerb über Jahre hingezogen. Hans Wössner kann ein Lied davon singen, denn ein Berufsleben lang gehörten Grundstücksverhandlungen zu seinen Hauptaufgaben. Heute ist innerstädtisch von der „Alten Bundesstraße“ dem Namen nach nur der Abschnitt zwischen AOK-Kreuzung und Westumfahrung geblieben.

Kühe und Äcker in der Talaue

Die bäuerliche Vergangenheit war im Gegensatz zu heute noch gegenwärtig: „Auf der Erleninsel unterhalb vom Rathaus haben Kühe geweidet“, erinnert sich Hans Wössner. Die Talaue bis hinaus zur Rundsporthalle befand sich noch in Privatbesitz und wurde landwirtschaftlich genutzt, vor allem von Bauern aus Fellbach und Schmiden. In den Siebzigern begann Schritt für Schritt die Planung und Umwandlung in ein Naherholungsgebiet. Ein „Rahmenplan“ für die Talaue stammte aus dem Jahr 1972. Der Talauesee, den manche Spätgeborene heute schon für ein natürliches Gewässer halten – so selbstverständlich ist er geworden -, wurde erst 1991 fertiggestellt.

Sportstadt Waiblingen

Apropos Rundsporthalle: Sie wurde 1972 mit prominentem Sportleraufgebot und dem legendären „Mister Sportschau“ Werner Zimmer eröffnet und wurde ebenso zur Pilgerstätte des Rems-Murr-Sports wie wenig später die „Schwimm-Oper“, das 1974 von einem durchtrainierten OB Ulrich Gauss eröffnete „größte Hallenbad im Rems-Murr-Kreis“. Auf der anderen Seite der Rems hatte 1970 der VfL sein neues Vereinsheim feierlich eröffnet. Wegen Zigarettenkippen in einem Abfalleimer brach schon in der Nacht des Eröffnungsfests ein Feuer aus. 1972 schaffte Leichtathlet Franz-Josef Kemper bei der Einweihung der neuen Kunststoffbahn im VfL-Stadion die Qualifikation für Olympia in München.

Waiblingen war eine stolze Sportstadt – aber nicht nur das. Die frühen Siebziger waren eine Ära des Aufbruchs auf vielen Ebenen. Die Stadt wurde größer, moderner, urbaner. Für mehr als zwei Jahrzehnte amtierte im Rathaus das Dreigespann aus Oberbürgermeister Ulrich Gauss (genannt „Ulrich der Vielgeliebte“), EBM Hans Wössner und Baubürgermeister Klaus Denk. Gemeinsam mit dem Gemeinderat konnten sie vieles bewegen. Es war laut Wössner eine „ideale Zeit“.

Das neue Einkaufszentrum

Eine Zeit wachsenden Wohlstands nicht nur für die Stadt im Ganzen, sondern auch für ihre Bürger. Passend, dass just 1971 ein neuer Konsumtempel seine Tore öffnete: Die „SB-Halle“ in Waiblingen-Süd, andockend an die Vertriebenen-Siedlung Rinnenäcker, war weit mehr ein Einkaufsmagnet als der heutige, in den Neunzigern umgebaute Remspark, der nun vor einer neuerlichen Generalsanierung steht.

Im Herbst vor 50 Jahren wurden im Neubaugebiet „Fuchsgrube“ die ersten Pfleiderer-Hochhäuser von ihren neuen Bewohnern bezogen. Ein Reporter der Waiblinger Kreiszeitung machte sich irgendwann auf ins noch sehr unfertige, schlammige Neubaugebiet, um der Frage nachzugehen, wie es sich dort denn so wohne. Antwort der vor Ort angetroffenen Hausfrauen: „Ein bisschen Dreck – aber wir können nicht klagen.“ Zum Einkaufen mussten sie zwar „weite Strecken“ gehen und zur nächsten Telefonzelle (!) bis zum Salier-Gymnasium laufen – ansonsten fühlten sie sich „pudelwohl“. Noch heute wohnen so einige dieser Pionier-Familien der Korber Höhe in genau diesen Wohnungen – wenn auch die Kinder längst flügge geworden sind.

Mit Neustadt kam die Weltfirma Stihl

Waiblingen, das einst verschlafene Oberamtsstädtchen, verwandelte sich. Wegen der Korber Höhe und den Eingemeindungen, aber auch wegen der meist gut sprudelnden Gewerbesteuer-Einnahmen. „Seinen Wohlstand hat Waiblingen der Firma Stihl zu verdanken“, so bringt es Hans Wössner auf den Punkt. 1965 hatte sie in Neustadt ein Werk für Ketten und Schienen errichtet – das Werk II. 1971 kam der Standort in Prüm-Weinsheim in der Eifel dazu. Andere Unternehmen, die Waiblingen lange Zeit geprägt hatten, erlebten ihren Niedergang: Eben im Jahr 1971 fiel der markante Schornstein der Seidenstoffweberei. Beidseits der Bahngleise gab es noch die Ziegeleien, die den Ruf Waiblingens als „Stadt des guten Tons“ begründeten. Die Ziegelei Hess erhielt ihre Produktion mit zunehmender Automatisierung sogar bis 2007 aufrecht – in unmittelbarer Nachbarschaft von Zeitungsverlag und Druckhaus Waiblingen.

Stihl gibt’s bekanntlich immer noch. Und die Stadt hat eine Vielzahl mittelständischer Unternehmen. Das Gewerbegebiet Eisental – 1971 noch nicht existent - ist so gut wie komplett. Und nicht zuletzt ist die Stadt mit 57 000 Einwohnern größer denn je. Auch ohne Kreiskrankenhaus ist sie die unumstrittene „Kreis-Hauptstadt“.

1971 trat ein junger Bürgermeister aus dem Nachbarort seinen Dienst auf dem Waiblinger Rathaus an: Hans Wössner, zuvor Schultes im noch selbstständigen Beinstein, wurde „EBM“, Erster Bürgermeister der Stadt. Anders als die anderen späteren Ortschaften Hegnach, Neustadt, Hohenacker und Bittenfeld schlossen sich die Beinsteiner freiwillig schon vor der Kommunalreform 1975 der „Großen Kreisstadt“ Waiblingen an – eben 1971.

„Groß“ sollte Waiblingen erst noch werden, die Eingemeindungen

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper