50 Jahre ZVW

Fußgängerzone, Straßencafés, Wunnebad, S-Bahn - alles erst nach 1971 in Winnenden entstanden

Marktstrasse 1978-1
Marktstraße 1978: Richtig gemütlich war’s erst, wenn man im Auto saß. © ZVW

Vor 50 Jahren in Winnenden hätten wir Heutigen nicht leben wollen: Es gab keine S-Bahn, keine Fußgängerzone, keine Straßencafés, keinen Samstagsmarkt, kein Wunnebad, kein Bildungszentrum II. Und wer Richtung Schwaikheim spazierte, stellte fest: Die Kläranlage hielt nur den gröbsten Dreck zurück. Karl-Heinrich Lebherz ist einer, der diese mageren Zeiten sehr bewusst erlebt hat, denn er wurde vor 50 Jahren zum Ersten Beigeordneten der Stadt Winnenden gewählt und später zum Oberbürgermeister. Wir sitzen in Ulli Maurers Straßencafé und versuchen, uns die Winnender Welt von 1971 vorzustellen.

Der Weg zur Fußgängerzone war voller Hindernisse

„Da fuhren die Autos im Gegenverkehr in der Marktstraße auf und ab“, erzählt Lebherz. 40 Parkplätze machten sich breit in der Marktstraße. Händlern und einigen Kunden in der Marktstraße gefiel dieser autofreundliche, ungemütliche Stadtzustand dermaßen, dass 1971 an eine Fußgängerzone nicht zu denken war. 1981 dachten schon einige daran, auch Karl Heinrich Lebherz, der seit 1978 Oberbürgermeister war.

Er ist heute noch dem Künstler und Steinmetz Martin Kirstein dankbar. Der war Vorsitzender des Verbands der Selbstständigen und überzeugte viele Mitglieder von der autofreien Zone. Es war eine Vision. Trotz aller Widerstände wurde sie 1985 Wirklichkeit, und im Dezember 1985 fand der erste Winnender Weihnachtsmarkt in der Fußgängerzone statt. Im Jahr darauf kamen die Markthändler erstmals zum Samstagswochenmarkt in die Fußgängerzone. Keiner will mehr glauben, dass Veränderung so schwierig war. Aber es war immer so.

Mitte der 80er Jahre riss die Stadt ein Stadtviertel voller alter Häuser ab und baute das heutige Rathaus. Das alte am Marktplatz blieb stehen. Die Gemeinderäte wollten eine Wirtschaft drin haben, bei der sie mitreden dürfen und die auch wirklich ein Straßencafé an diesem schönen Platz betreibt. Diese Wirtschaft hat in den letzten 50 Jahren viel Auf und Ab erlebt. Heute ist sie unter dem Namen „La Piazza“ der wichtigste Gastronomiebetrieb in der Fußgängerzone.

Ein kleiner Teil von Alt-Winnenden blieb erhalten

Viel Neues entstand in den Jahren, die Karl Heinrich Lebherz mitgestaltete: Die Volksbank modelte die Marktstraße um und bewahrte zugleich das historische Storchenhaus in seiner alten Form, teilweise sogar mit den historischen Stuckdecken im Innenraum. Die 70er, 80er und frühen 90er Jahre waren eine Zeit der Erneuerung und zugleich des Bewahrens. Häuser im Stadtkern wurden genau angeschaut: Haben sie ein schönes, altes Fachwerk? Dann drängte die Stadt darauf, dass sie erhalten blieben. Einem damaligen Stadtrat ging dieser Denkmalschutz so auf den Wecker, dass er ausrief: „Herr Oberbürgermeister, wollen Sie aus Winnenden ein Klein-Rothenburg machen?“

Solche Sorgen waren unberechtigt. Der große Trend in Winnenden ging in Richtung Abriss und Neubau, wobei gerade vor der Jahrtausendwende einige historisch bewusste Neubauten aufkamen wie das neue Rathaus, in das eine neu gebaute Stadtmauer integriert ist, die der Linie der alten Mauer folgt. Dann hat Architekt Detlef Drömer die Kirchstraßenhäuser abgerissen und an ihre Stelle neue, moderne Häuser gebaut, die in Dimension und Proportion, in Form und Gestaltung so um die wiederaufgebaute alte Stadtmauer gebaut sind, als wären sie schon immer in einer Reihe mit den übrig gebliebenen Altbauten gestanden.

Aus dem Bahnhof wurde eine S-Bahn-Station

Die erste S-Bahn fuhr 1981 in Winnenden ab. Mit ihr wurde Winnenden noch mehr Teil des Großraums Stuttgart. Noch mehr Winnender fuhren mit der Bahn zur Arbeit und noch mehr Auswärtige kamen mit der Bahn nach Winnenden, um bei Kärcher, AEG, Ziegelfabrik Pfleiderer, im ZfP, bei der Paulinenpflege oder bei Sortimat zu arbeiten. Heute fährt die S-Bahn zu den wichtigsten Zeiten im Viertelstundentakt, und mancher Winnender geht einfach zum Bahnhof und wartet, bis die nächste Bahn kommt.

Das Straßennetz wurde allerdings auch stark verbessert in den letzten 50 Jahren: Wiesenstraße, Südumgehung und 2009 die B-14-Umfahrung.

Noch einmal zurück zu 1971: Winnenden hatte damals schon das Georg-Büchner-Gymnasium, das aber den Schülerandrang alleine nicht aufnehmen konnte. Das Lessing-Gymnasium wurde 1978/79 gebaut und es entwickelten sich die beiden Winnender Bildungszentren. Vieles, was damals, zur Anfangszeit des Zeitungsverlags, neu und modern war, wurde in letzter Zeit sanierungsbedürftig. Das Lessing-Gymnasium ist eine große Baustelle. Das Wunnebad aus dem Jahr 1991 wird ab nächstem Jahr groß saniert und ausgebaut. Und in der Fußgängerzone wurde erst vor wenigen Jahren das alte Pflaster durch ein gehfreundliches ersetzt.

Die 2000er Jahre in Winnenden begannen mit Diskussionen und Beratungen über ein Markthaus und schließlich mit dem Abbruch vieler alter Häuser innerhalb der Stadtmauern. 2005 klaffte ein großes Loch neben der Oberen Marktstraße. Darin baute der private Investor Michael Warbanoff das Markthaus mit Tiefgarage und Adlerplatz, das 2006 eröffnet wurde und von dem die Winnender Zeitung damals schrieb: „Seit 14. September ist die Stadt voller Leben.“ Das Markthaus, das in der Amtszeit von OB Bernhard Fritz entstanden ist, hat Winnenden als Einkaufsstadt entscheidend vorangebracht.

Der Amoklauf von 2009 hat die Stadt erschüttert und verändert

Wenige Jahre später erschütterte der Amoklauf vom 11. März 2009 die Stadt und ließ sie zugleich erfahren, dass eine Stadt zusammenstehen kann, um die Trauer und das Leid auszuhalten und um sich aufzubäumen gegen Gewalt und Unheil. Der Amoklauf bleibt ins kollektive Gedächtnis der Winnender eingebrannt. Er wurde auch nicht verdrängt, als die Stadt mit OB Hartmut Holzwarth im Jahr 2012 ihr 800-jähriges Bestehen feierte. Die Zeitung schrieb: „So groß die Festfreude auch gewesen sein mag, so prächtig der historisierende Einzug des Minnesängers zum Mädlesfest im Juli auch inszeniert war – die Stadt verlor sich nicht in Überheblichkeit ... Das Leid hat seinen Platz in der allgemeinen Freude.“

2012 wurde Janina Bäder zum ersten Winnender Mädle gewählt, wurde die lange herbeigesehnte Alfred-Kärcher-Sporthalle eröffnet und die neue Brunnenfigur auf dem alten Marktbrunnen enthüllt. Eine Aufbruchstimmung machte sich breit. Viele Veränderungen folgten: eine neue Berufsfachschule der Paulinenpflege, viele neue Wohnsiedlungen und die neuen Kärcher-Gebäude auf dem ehemaligen Ziegeleigelände direkt am Bahnhof. Ein Projekt, welches das Stadtbild prägend verändert hat, aber mit einem restaurierten Schornstein die Erinnerung an die alte Ziegelei von Winnenden bewahrt.

Vor 50 Jahren in Winnenden hätten wir Heutigen nicht leben wollen: Es gab keine S-Bahn, keine Fußgängerzone, keine Straßencafés, keinen Samstagsmarkt, kein Wunnebad, kein Bildungszentrum II. Und wer Richtung Schwaikheim spazierte, stellte fest: Die Kläranlage hielt nur den gröbsten Dreck zurück. Karl-Heinrich Lebherz ist einer, der diese mageren Zeiten sehr bewusst erlebt hat, denn er wurde vor 50 Jahren zum Ersten Beigeordneten der Stadt Winnenden gewählt und später zum Oberbürgermeister.

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper