50 Jahre ZVW

Helmut Palmers Rücktritt, Uwe Seelers Peiniger und der Herrenwitz: 50 Jahre ZVW - was am 1. März 1971 in der Zeitung stand

Witz des Tages
Der Wahnsinn der frühen 70er Jahre: Peinlicher Herrenwitz, eingeklinkt in einen Artikel über die Kleintierzüchter.

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern: klassischer Spruch. Er enthält eine offensichtliche Wahrheit – manchmal aber, werden wir sehen, stimmt er überhaupt nicht ... Blicken wir in die Zeitung vom 1. März 1971, dem Gründungstag des Zeitungsverlages Waiblingen: Zu berichten ist von Aufruhr im Schorndorfer Hammerschlag, einem peinlichen Herrenwitz, dem Remstal-Rebellen und Uwe Seelers erbarmungslosem Gegner.

Entdeckung 1: Stopp! Oder: Turbulenz im Hofbräuhaus

Aufmacher: So nennen Journalisten die wichtigste Geschichte auf einer Zeitungsseite; und die wichtigste Seite ist die Titelseite. Was aber stand ganz oben in den Ausgaben des Zeitungsverlages Waiblingen am 1. März 1971, was galt an jenem Tag als besonders bedeutend, bewegend? „Klarer Sieg Vogels über die ,Linken'“.

Zeitungen
Die ZVW-Ausgaben vom 1. März 1971. © Joachim Mogck

Was für ein Vogel? Welche Linken? Der Münchner Oberbürgermeister, Vorname Hans-Jochen, habe sich nach „turbulenten Szenen im Hofbräuhaus“ gegen Linksabweichler im SPD-Vorstand durchgesetzt. Aha. Und das war wichtig? Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern.

„Von heute an“, steht daneben, gilt „die neue Straßenverkehrsordnung“. Das achteckige Stopp-Schild: verbindlich eingeführt! Blinker setzen beim Fahrspurwechsel: nach langen Kämpfen endlich Pflicht! Noch 1960 hatten Experten gemeint, das sei „überflüssig und gefährlich“, denn „der gute Fahrer fährt so“, dass alle anderen Verkehrsteilnehmer „schon aus seiner Fahrweise“ sehen, „was er will“. Die neue StVO sei überfällig, steht im Kommentar, denn „auf unseren Straßen“ werde jedes Jahr „die Bevölkerungsanzahl einer Mittelstadt von 16 000 bis 18 000 Einwohnern hinweggerafft“ – bei rund 20 Millionen Fahrzeugen in Deutschland. Und heute? Nur 3000 Verkehrstote, trotz 60 Millionen Kfz. Früher war nicht alles besser. Und nichts ist so alt ...

Entdeckung 2: Wohnungsnot! Oder: Billiges vom Bauernhof

Aber Moment, war wirklich alles so anders damals? Zwei Meldungen finden sich in der Zeitung vom 1. März 1971, die klingen, als seien sie: von heute! Die Bauern fühlen sich als „Ausgestoßene der Wohlstandsgesellschaft“, fordern „Gerechtigkeit für die Landwirtschaft“ und „Maßnahmen zur angemessenen Erhöhung der Erzeugerpreise“. Und der Waiblinger Bundestagsabgeordnete Manfed Wende, SPD, beklagt „schlimmste Auswüchse“ auf dem „unterversorgten Wohnungsmarkt“: Öffentliche Bauprogramme seien nötig, denn für viele Leute sei es „schwierig geworden, eine angemessene Wohnung zu finden und zu bezahlen“.

Entdeckung 3: Schulz außer Puste! Oder: Uwe Seeler wird beherrscht

In der Zeitung vom 1. März 1971 auf Platz 1 der Bundesliga-Tabelle: Borussia Mönchengladbach. Gleich dahinter: igitt, die Bayern! Aber dann: Braunschweig auf 3, Rotweiß Essen auf 8; auch Kaiserslautern, Duisburg, Kickers Offenbach und Rotweiß Oberhausen spielten alle noch im Oberhaus.

Beim Hamburger SV legte der Berichterstatter strengste Maßstäbe an: „Willi Schulz als Libero zeigte Konditionsschwächen.“ Hat er gepumpt, gejapst, geröchelt, gekeucht? Das hätten wir gerne genauer erfahren. Jedenfalls, auch der andere HSV-Star enttäuschte: „Uwe Seeler abgemeldet“ – der Bielefelder Manndecker Waldemar Slomiany habe ihn „beherrscht“.

Gut einen Monat später half eben jener Slomiany mit, das 1:0 von Bielefeld gegen Schalke 04 einzutüten – mit Hilfe einer Bestechungssumme von 40 000 Mark. Der Bundesligaskandal nahm seinen Lauf.

Apropos Schalke: Über das Ruhrpott-Derby gegen Dortmund gibt es am 1. März 1971 nicht viel zu vermelden. Die beiden einzigen Höhepunkte beim öden 0:0: Zwei Dortmunder „mussten nach harten Attacken verletzt vom Platz getragen werden“.

Entdeckung 4: Easy Rider! Oder: Zeitgeist und Herrenwitz

Der Umbruchsgeist der Zeit spiegelt sich in der Winnender Zeitung, Rubrik „Heute in den Lichtspieltheatern“ (Hinweis für die Jüngeren: Gemeint sind Kinos). Neben Biederem, das noch nach Muff der 50er Jahre duftet – „Hurra, unsere Eltern sind nicht da“ mit Uschi Glas, Hans-Jürgen Bäumler, Georg Thomalla und „Das kann doch unsren Willi nicht erschüttern“ mit Heinz Erhardt – läuft: „Easy Rider“. Der 1969 gedrehte Hippie-Kult ist mit zwei Jahren Verspätung in Winnenden angekommen.

Schock beim Blättern: Damals gab es in der Zeitung einen gemalten „Witz des Tages“! Bizarrerweise eingeklinkt in einen Artikel über die Versammlung der Kleintierzüchter. Korrekter wäre aus heutiger Sicht die Bezeichnung: „Peinlicher Herrenwitz des Tages“. Eine Frau liegt in einer Kiste, nur oben der Kopf und unten die Füße schauen raus. Ein Magier arbeitet sich mit der Säge zwischen den Beinen der Dame Richtung Schritt vor. Sie fragt: „Sind Sie auch sicher, dass Sie dieses Kunststück schon einmal ausgeführt haben?“ Seufz.

Faszinierend das Fernsehprogramm: Im Ersten ging es um 16.10 Uhr los mit der Tagesschau, und gegen 23 Uhr war auch schon wieder Schluss. Das ZDF sendete gar erst ab 17.30 Uhr und ließ nach den 22.35-Uhr-Nachrichten den Rollladen runter.

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Werbung vom 1. März 1971.

Blick auf die Anzeigenseite: Die Modehäuser Villinger in Waiblingen suchen eine „ehrliche, tüchtige Putzhilfe für täglich einige Stunden vormittags“, ein Café in Göppingen fahndet per Annonce nach einer „Reinemachfrau“, und eine Lebensmittelwerbung lockt mit dem Slogan: „Achtung Hausfrauen!“ Männer gingen damals offenbar noch nicht einkaufen. Daneben werden Damenstrümpfe und Herrenwollsocken „zu Preisen wie 1960“ angepriesen, ein Schorndorfer Kosmetiksalon verspricht: „Schön sein ist so leicht ... auch für Sie!“ Und bei Lichdi gibt es „ausländischen Rotwein naturrein“ für 99 Pfennig den Liter.

Entdeckung 5: Palmer tritt ab! Oder: Kulturkampf in Schorndorf

Von „tumultartigen Szenen“ im „berstend vollen“ Saal des Schorndorfer Jugendhauses Hammerschlag berichtet der Lokalteil. Worum es geht? Der Schorndorfer Friedrich Schock hat offenbar in einem Leserbrief das Programm im Hammerschlag und beim Club Manufaktur „extrem links“ genannt. „Hammer und Sichel“ stünden da „geistig im Hintergrund“, sogar eine Rockoper namens „Profitgeier“ kam zur Aufführung.

Die jungen Rebellen der Stadt aber schreiten zur Gegen-Offensive, bei einer Podiumsdiskussion im Hammerschlag steht Schock Rede und Antwort; und muss sich allerhand anhören: Er sei „gegen die Jugend“ und „unintelligent“. Manufaktur-Gründer Werner Schretzmeier wird derweil grundsätzlich: Zunächst mal müsse man definieren, was „extrem links“ überhaupt bedeutet. Gnade! Blenden wir uns an dieser Stelle aus dem Theorie-Seminar aus.

Aus Geradstetten aber wird just am 1. März 1971 eine Sensation vermeldet: Ein ganz Großer erklärt seinen Rückzug. Nach 20 Jahren politischer Aktivität, 20 Jahren, in denen er „erhebliche Teile von Justiz und Beamtenschaft das Fürchten gelehrt sowie einen beachtlichen Beitrag zum Abbau der Obrigkeitsstaatlichkeit geleistet hat“, will Helmut Palmer, der Remstalrebell, künftig kürzer treten und nicht mehr dauernd für irgendwas kandidieren.

Helmut Palmer fuer Jahrhundertkoepfe
Auch er kam vor in der Ausgabe vom 1. März 1971: Remstalrebell Helmut Palmer. © ZVW Archiv

Wie die Geschichte weiterging? Palmer zog sich bald vom Rückzug zurück, kandidierte 1972 für den Bundestag, gewann 1974 beinahe bei der Oberbürgermeisterwahl in Schwäbisch Hall und trat auch danach noch weiterhin hier und dort an. Bis 2001 kam er auf insgesamt 289 Bürgermeisterwahlen und 13 Bundes- und Landtagswahlen in Baden-Württemberg.

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern: Für Helmut Palmer hat es gestimmt.