50 Jahre ZVW

Legendäre Gründerjahre: Wie vor 50 Jahren der Zeitungsverlag Waiblingen entstand

Villinger
Albrecht Villinger (1926 - 2006), sozusagen der Vater des Zeitungsverlages Waiblingen. © Schneider

Die folgende Geschichte wäre es nicht wert, ausgebreitet zu werden, wenn sie nur davon handeln würde, dass ein Zeitungsverlag 50 Jahre alt wird, und sei es auch der Waiblinger. Eine gute Geschichte braucht mehr als einen runden Geburtstag. In diesem Falle aber gibt es zum Glück allerhand zu erzählen: von schwäbischer Geschäftspfiffigkeit; von einem knallharten Konkurrenzkampf, der eine absonderliche Wendung nahm; und von der richtigen Art, mit querköpfigen Journalisten umzugehen. 50 Jahre Zeitungsverlag Waiblingen: eine Zeitreise.

Cicero, oder: Ein Kaufmann als Verleger

Albrecht Villinger, Jahrgang 1926, war gelernter Textilkaufmann. Man sagte ihm nach, erzählt Sohn Ullrich, er wisse nicht, „was Cicero sei“. Cicero: ein Schriftgrad im Bleisatz, Kegelhöhe 4,512 Millimeter.

Jung-Abrecht war „nicht so überzeugt“, als Vater Otto 1951 die Waiblinger Kreiszeitung kaufte, und sah sich anfangs bestätigt: Öfter musste „Geld aus dem Modegeschäft“, das die Familie betrieb, „rausgenommen und in die Zeitung gesteckt“ werden. Aber mit der Zeit gedieh der Verlag.

Otto Villinger
Otto Villinger, der Vater von Albrecht Villinger. © ZVW Archiv


Als Otto Villinger 1967 starb, sagte Albrecht zur Schwester und ihrem Gatten: „Da sind zwei Haufen“; auf dem einen die Kleider, auf dem andern das Blatt. „Tante Traute sagte, ich nehm’s Modegeschäft“, also nahm Albrecht Villinger – Cicero hin, Cicero her – die Zeitung. Und wurde endgültig zum Verleger.

Fusion, oder: Die Chancen des Miteinanders

Die Waiblinger Zeitung hatte damals auch eine Ausgabe in Schorndorf, musste sich dort aber mit der Neuen Württembergischen aus Göppingen herumschlagen. Es waren „wettbewerbsintensive Zeiten“, sagt Ullrich Villinger: Man luchste einander nicht nur die Abonnenten ab, sondern machte sich sogar die Austräger abspenstig.

Etwa einmal im Jahr allerdings traf sich Albrecht Villinger doch mit dem gegnerischen Chef: Sie unterhielten sich über die Preise. So weit, dass man einander in eine Unterbietungsschlacht verstrickt, muss der Konkurrenzkampf ja nicht gehen. Aus diesen Treffen erwuchs der Gedanke, „mehr zu machen“ miteinander – und „warum reden wir nicht eigentlich auch noch mit Kreh und Klaiber“, den Zeitungskollegen aus Winnenden und Welzheim?

Und so kam es, die Handelsregister-Urkunde trägt die Nummer 113/1971. „Betr.: Anmeldung der Firma Zeitungsverlag GmbH & Co. Waiblingen KG mit dem Sitz in Waiblingen“. Die vier Kommanditisten – Villinger, die Göppinger, die Firma Kreh und Walter Klaiber, Welzheim – tun sich zusammen „zum Zwecke der Herausgabe und des Vertriebs verschiedener politisch, weltanschaulich und religiös unabhängiger Tageszeitungen. Die Gesellschaft wird ihre Geschäfte beginnen am 1. März 1971.“

Ullrich Villinger
Ullrich Villinger, Geschäftsführer des Zeitungsverlages Waiblingen. © Gabriel Habermann


Starke Charaktere müssen das gewesen sein: schwäbische Geschäftsleute, des Rechnens fähig und, so unterstellen wir, durchaus auch der Dickköpfigkeit. Haben sie sich vertragen? Ja, sagt Ullrich Villinger: „Weil sie richtig viel Geld verdient haben“. Der Zusammenschluss entpuppte sich als „wirtschaftlich sehr gute Entscheidung“, gemeinsam kamen die vier auf eine Auflage von 35 000 Exemplaren – sie wuchs bis Mitte der 90er Jahre auf 50 000. Wenn der Verlag eine „Leser werben Leser“-Aktion startete, kamen manchmal „übers Wochenende 250 neue Abos rein“.

Machen lassen, oder: Die Sache mit den Journalisten

Und der Textilkaufmann Albrecht Villinger – konnte er mittlerweile etwas anfangen mit dem Zeitungsgeschäft? „Ja“, sagt sein Sohn. „Kaufmännisch.“ Sich in die journalistische Arbeit nicht einzumischen, entpuppte sich als Teil seiner Führungsstärke.

Eine legendäre Geschichte (und wahrscheinlich mindestens zur Hälfte wahr): Eines Nachmittags klopft Albrecht Villinger an die Tür der Schorndorfer Redaktion. Die Sekretärin ruft hastig in der nahen Kneipe Becka-Kurze an und zischt in den Hörer: „Schnell! Kommen! Der Chef ist da!“ Die Redakteure eilen herbei aus einer episch langen Mittagspause, Villinger sagt: Jetzt wolle er aber mal sehen, ob wenigstens ordentlich aufgeräumt sei. Er öffnet eine Schranktür; und wird schier erschlagen von einer Lawine aus leeren Flaschen.

Ein befreundeter Unternehmer, erzählt Ullrich Villinger, habe mal gesagt: Albrecht, du machst das falsch. Du musst die Redaktion morgens antreten lassen und ihr als Erstes die Zeitung um die Ohren hauen. Danach sagst du, was sie für morgen schreiben sollen. Villinger, so die Überlieferung, habe erwidert: Ja, könnte ich. Aber dann hätte ich bald keinen einzigen Leser mehr; und die Redakteure wären auch weg.

Die Hoheit übers Schreiben, Recherchieren, Fotografieren ließ Albrecht Villinger dem damaligen Redaktionsleiter Richard Retter und hielt sich „aus dem Inhaltlichen relativ weitgehend raus – wie ich das auch mache“, sagt Ullrich Villinger, seit 1991 Geschäftsführer beim ZVW. „Und deshalb haben wir so eine gute Zeitung.“

Dieser Geist ist zur Haustradition geworden. Wenn Jüngere neu anfangen, lernen sie es von den Älteren: Hier darfst du eine Meinung haben, und sie muss nicht der vom Chef entsprechen. Anekdote aus den Tagen des brodelnden Streits um Stuttgart 21 – Ullrich Villinger, dafür, geht am Arbeitsplatz eines Reporters vorbei, schaut ihm über die Schulter und sagt lachend: Aha, was schreibet Se heut scho wieder drgega?

Er habe früh erkannt, sagt Ullrich Villinger, „was es bedeutet, wenn man Wünsche an die Redaktion heranträgt: Das führt im Normalfall relativ schnell zum Untergang des Abendlandes.“ Wenn man sie aber machen lässt, sind sie „motiviert“.

Ullrich Villinger, Jahrgang 1963, hat selber auch keine journalistische Ausbildung. Er ist Diplombetriebswirt. Bevor er beim ZVW einstieg, lernte er andere Häuser kennen. Unter anderem war er anderthalb Jahre bei der Mittelbayrischen Zeitung in Regensburg und ein halbes Jahr beim Südkurier am Bodensee, wo er auch Zeitungen austrug. Wenn andere noch schlafen, durch Wind und Regen zu stapfen: Das immunisiert gegen „Verlegerdünkel“.

Epochal, oder: Das Ende von Geschichte Nummer eins

Zeitungsverlag Waiblingen: Waiblinger Kreiszeitung. Schorndorfer Nachrichten. Winnender Zeitung. Welzheimer Zeitung. Die Eigentümer sind im Prinzip dieselben wie damals, dies ist eine Geschichte von großer Kontinuität. Ullrich Villinger leitet das Haus als Albrechts Nachfolger gemeinsam mit Michael Krickl, der vom Göppinger Gesellschafter bestellt ist. Das Erfolgsrezept: „Es gibt zwei Dinge, wo ich nicht sparen darf. Einerseits am Inhalt. Und andererseits am Verkauf“, Anzeigen wie Abos. Wer glaubt, er könne die Kuh melken, indem er journalistische Schmalhanselei betreibt und verkäuferisches Personal abbaut, gerate schnell in eine „Abwärtsspirale“.

Geschäftsleitung Geschäftsführung des Zeitungsverlag Waiblingen ZVW
Michael Krickl (links), gemeinsam mit Ullrich Villinger heute ZVW-Geschäftsführer. © Benjamin Buettner


Der Zusammenschluss von 1971 war, man darf das große Wort benutzen, eine epochale Entscheidung: Der Verlag kam so auf die „gewisse Größe“, die stark genug macht, um immer wieder neue Herausforderungen bewältigen zu können. Zum Beispiel den revolutionären Medienwandel, den die gesamte Branche derzeit zu meistern hat. Aber das ist eine andere Geschichte  ...