50 Jahre ZVW

Vom Bleisatz zur digitalen Revolution: 50 Jahre ZVW - ein Verlag im Wandel der Zeit

Verlagsgebäude
Das Gebäude des Zeitungsverlags Waiblingen im Gewerbegebiet Ameisenbühl. © ALEXANDRA PALMIZI

Nichts veranschauliche den Wandel der Stadt New York seit den 70er Jahren augenfälliger, hat die gnadenlos witzige Intellektuelle Fran Lebowitz unlängst gesagt, als das folgende Phänomen – der jahrzehntelang rund um die Uhr geöffnete Zeitungskiosk beim Central Park in Manhattan, ein prachtvoller Rundbau, ein Nachrichtenpalast, ein Tempel der Druckerschwärze, ist heute: ein Fahrradverleih.

Der Zeitungsverlag Waiblingen ist ein gesundes, starkes Unternehmen. Die Auflage liegt bei 37 000, niedriger zwar als in der Goldgräberzeit der 90er Jahre, aber etwa auf dem Niveau der florierenden 70er. Das Geschäftsmodell Papierzeitung ist erfolgreich, nach wie vor. Klar ist indes auch: Die digitale Revolution ist für die gesamte Branche eine epochale Herausforderung.

Lange Zeit, noch bei der Gründung des ZVW 1971, machte man Zeitung im Prinzip so „wie schon seit 100 Jahren“, erzählt Geschäftsführer Ullrich Villinger. Bleisatz. Lettern wurden zur vollständigen Form einer Seite zusammengesetzt und danach wieder zerlegt. Ende der 70er stellte der ZVW vom „schweren Bleischiff auf Klebe-Umbruch am Leuchttisch“ um: Fotosatz. Ungeachtet dieses technologischen Fortschritts aber blieb etwas Entscheidendes gleich: unsere Vorstellung von Aktualität.

druckerei
Druckhaus Waiblingen, Blick auf die Rotation. © Bernhardt

Noch in den 90er Jahren konnte es passieren, dass Redakteure von 12 bis 15 Uhr beim Mittagessen saßen, denn dass die Nachrichten in einer Zeitung aktuell sein müssen, bedeutete ja schlicht: Was heute geschieht, steht morgen drin. Also kann ich meine Geschichte auch erst um 17 Uhr tippen. Diese Logik blieb weiter intakt, als der Verlag „Rechner anschaffte“ und der PC das hämmernde Klickediklack der Schreibmaschinen verstummen ließ.

Als Farbfotos aufkamen, war das unterm Aktualitätsgesichtspunkt gar ein Entschleunigungsmoment: Der Film musste zum Entwickeln gebracht werden in ein Fotogeschäft – wenn man am Freitag ein Farbbild im Blatt haben wollte, musste man es spätestens am Dienstag aufnehmen. Erhitzte ideologische Debatten wurden in den 90er Jahren um diese Innovation geführt. Schwarz-weiß ist seriös, Farbe ist Boulevard! Und ein Foto vom Osterbrunnen – warum muss das in Farbe sein? Wo bleibt denn da, hieß es, „die zusätzliche Aussage“?

Irgendwann reichte es Villinger: Die zusätzliche Aussage eines Farbfotos, sagte er, besteht darin, „dass es bunt ist“.

Der Begriff der Aktualität hat sich regelrecht verflüssigt

Das Internet nahm Gestalt an. Im ZVW galt zunächst die Faustformel: Ein Rechner pro Redaktionsbüro sollte einen Online-Zugang haben. Aber das, sagt Villinger, waren „Debatten, die uns ganz schnell überholt haben. Die Geschwindigkeit ist extrem viel schneller geworden“, und das Jahr, in dem die Informationswelt endgültig und brachial den Turbo anwarf, lässt sich präzise benennen: 2007 – das erste iPhone mit Touchscreen; lächerliche 14 Jahre ist das erst her. Heute wird die Zahl der Smartphone-Nutzer in Deutschland auf 65 Millionen Menschen geschätzt. Was Aktualität bedeutet, haben diese Geräte radikal umdefiniert.

Stellen wir uns einen Hubschrauber vor, der am Montag um 12 Uhr über Waiblingen kreist. Was ist da los? Früher dachten die Leute, während sie zum Himmel blickten: Das kann ich, sofern die Redaktion auf Zack ist, schon am Dienstag um 7 Uhr aus der Zeitung erfahren. Heute schießen am Montag um 12.05 Uhr die Zugriffszahlen auf zvw.de in die Höhe. Früher hieß Aktualität: morgen. Heute heißt Aktualität: jetzt. Die Idee der Aktualität hat sich verflüssigt: Aus dem täglichen Informationspaket zum Frühstück ist ein minütlich voranbrandender Nachrichten-Strom geworden.

Nach wie vor trägt die gedruckte Zeitung den Verlag. Und es gibt ja auch kaum Sinnlicheres. Die Druckerschwärze! Das Knistern! Das draufgekleckerte Fünf-Minuten-Ei! Das morgendliche Lektüre-Ritual! Nur: Derzeit wächst eine Generation heran, der dieses Medium fremd geworden ist.

Der Zeitungsverlag Waiblingen heute ist groß und stark genug, um Veränderungen zu bewältigen, er hat längst eine digitale Abendausgabe eingeführt und bespielt via zvw.de erfolgreich und auf Wachstumskurs das Internet. Dass dieses Haus zuversichtlich in die Zukunft blickt, liegt aber vor allem an einem: Seriös recherchierte, verständliche Information wird – egal auf welchem Trägermedium – immer gebraucht.

In aller Unbescheidenheit: Guter Lokaljournalismus ist weltbewegend wichtig

So viel Unbescheidenheit gönnen wir uns: Wir haben uns in diesem Verlag noch nie als Käsblättle verstanden, immer als Zeitung für die Welt: für die lokale Welt, in der die große sich spiegelt. Die Fehlsteuerungen im deutschen Gesundheitssystem werden sichtbar in unseren Krankenhäusern. Die Folgen des Klimawandels können wir beobachten in unseren Wäldern. Jedes wichtige Thema hat eine lokale Dimension. Das Lokale ist der Nabel der Welt. Die Menschen leben ihr Leben im Hier und Jetzt: im Lokalen; an diesem bestimmten Ort in dieser bestimmten Zeit. Sie wollen darüber Bescheid wissen, was wichtig ist in dieser ihrer Welt: vom politischen Skandal bis zum Stau vorm Kappelbergtunnel, von der neu eröffneten Dönerbude nebenan bis zum Infektionsgeschehen in der Coronakrise.

Der Amoklauf von Winnenden am 11. März 2009 wurde, wie für viele, auch für uns zur prägenden Erfahrung: Wir haben erlebt, welche Verantwortung wir tragen. Wenn eine Zeitung spekulativ, reißerisch, inkompetent, uninformiert darüber berichtet, kann sie all den schlimmen Verlusten weitere Wunden hinzufügen. Wenn sie ihre Arbeit ordentlich macht, kann sie helfen. Seriöse Informationen sind ein Fundament eines Gemeinwesens. Kein Medienwandel wird daran etwas ändern.