50 Jahre ZVW

Von wegen „Früher war alles besser“: Wie sich das Leben im Kreis verändert hat

B29 durch Scho
Das B-29-Nadelöhr in Schorndorf. © ZVW/Smilijka Pavlovic

Fangen wir an mit etwas, woran sich in all den Jahren nicht viel geändert hat an Rems und Murr. Der Ärger im Verkehr. Der Stau gehört zu unserem Leben. Wenn ich mit meinen Eltern in den 60er Jahren am Wochenende in den Welzheimer Wald fuhr, standen wir Blech an Blech am Waiblinger Freibad und quälten uns „stop-and-go“ durch die Ortschaften im Remstal quasi als Vorfreude auf den erfrischenden Sprung in den eiskalten Eisenbach-Stausee. Als Volontär in den 80er Jahren waren Termine in aller Regel mit Verzögerungen verbunden. Sei’s, weil ich im B-29-Nadelöhr Schorndorf im Remstal feststeckte, sei es die B-14-Ortsdurchfahrt Winnenden, in der man unweigerlich wertvolle Minuten verlor, die man selbstverständlich zuvor nicht eingeplant hatte. Und nach Stuttgart quälten sich die Pendler in den Abgasschwaden durch Bad Cannstatt und Fellbach.

Heute sind doppelt so viele Autos unterwegs wie Anfang der 1970er

Und heute? Die Bundesstraßen 29 und 14 sind (weitgehend) vierspurig ausgebaut. Der vierspurige Kappelbergtunnel sollte die Pendelei in die Landeshauptstadt erleichtern. Tatsächlich stehen wir immer noch im Stau.

Kein Wunder. Heute sind doppelt so viele Autos unterwegs wie Anfang der 1970er Jahre, als das Bild auf den Straßen von VW Käfern und Opel Kadetts geprägt war, junge Männer mit langen Haaren auf kreischenden Kreidlers die Ohren der Umwelt terrorisierten und Frauen sittsam mit dem Beifahrersitz vorliebnahmen und das Steuer, zumindest am Wochenende, dem Manne überließen.

1971: Grundstein für die S-Bahn in der Region Stuttgart gelegt

Bleiben wir beim Verkehr, um deutlich zu machen, wie sich die Zeiten an Rems und Murr verändert haben. Wer heute über unzuverlässige S-Bahnen schimpft und gleichwohl nostalgischen Gefühlen „Früher war alles besser“ nachhängt, der sollte sich die Eilzüge der Bundesbahn vor Augen führen. Komfort? Fehlanzeige. 15-Minuten-Takt? Von wegen. Der öffentliche Nahverkehr hat sich in den vergangenen 50 Jahren gewaltig entwickelt, und zwar zum Guten.

1971, dem Jahr, in dem der Zeitungsverlag Waiblingen entstand, wurde der Grundstein für die S-Bahn in der Region Stuttgart gelegt. Die roten Züge nach Schorndorf (S 2) und Backnang (S 3) fahren seit 1981, und mittlerweile tagsüber im Viertelstundentakt, an den Wochenenden rund um die Uhr und - verglichen mit damals - klimatisiert und viel komfortabler. Doch der tägliche Ärger der Pendler ist geblieben. Im Stau auf den Straßen, auf dem Bahnsteig über verspätete Züge - oder auf dem Fahrrad über fehlende Radwege.

Ein Blick zurück lohnt sich - sofern dieser nicht nostalgisch verklärt wird. „Früher war alles besser“-Gedanken scheinen uns Menschen innezuwohnen. Zielführend ist unreflektierte Nostalgie nicht.

Wie sich die Zeiten in einem halben Jahrhundert änderten, soll hier stellvertretend an drei Beispielen erläutert werden: an der (Kommunal-)Politik, der Wirtschaft und vor allem an der Landwirtschaft.

Landwirtschaft spielte eine weit größere Rolle

Es ist keine Mär und auch keine gut erfundene Geschichte, dass in den 1970er Jahren von einem Volontär des Zeitungsverlages erwartet wurde, die wichtigsten Apfelsorten zu kennen und unterscheiden zu können. Der Rems-Murr-Kreis - genauer gesagt: die Kreise Backnang und Waiblingen - hatten zwar seit dem Zweiten Weltkrieg seine bäuerliche Prägung bereits verloren. Doch die Bauern spielten noch eine weit größere Rolle als heute. Das lässt sich auch an Zahlen ablesen. Von den nahezu 5000 Bauernhöfen sind gut 1000 übrig. Die Industrialisierung der Landwirtschaft ist rapide vorangeschritten, die Höfe sind enorm gewachsen, und ein guter Bauer muss auch und vor allem ein pfiffiger Betriebswirt sein, der mehr denn je seine Produkte direkt vermarktet.

Dass früher eben nicht alles besser war, lässt sich übrigens schmecken und genießen. Vor 50 Jahren hatten die Remstäler Weine einen denkbar schlechten Ruf. Die Wengerter kannten auch keine Absatzsorgen. Der Württemberger trank eben seinen Trollinger in Massen und hatte noch nicht Geschmack an edlen (und billigeren) Tropfen aus dem Ausland gefunden. Masse statt Klasse lautete die Devise im Weinberg. Auf den Ar ergossen sich 200 liederliche Liter Wein in die Fässer.

Zauberwort: Ertragsreduzierung

Vor diesem Hintergrund grenzt es an ein Wunder, dass das Remstal heute zum Flaggschiff unter den Anbaugebieten in Württemberg und Deutschland avanciert ist, was Qualität und Kreativität angeht. Es waren Pioniere wie Hans Haidle in Stetten, Gerhard Aldinger in Fellbach, Jürgen Ellwanger in Winterbach (und viele mehr), die dem Quantitätsdenken und den Genossenschaften den Rücken kehrten. Ertragsreduzierung hieß das Zauberwort, mit der das Potenzial, das in den hiesigen Böden und im Klima steckt, ausgeschöpft wird. Remstäler Weingüter zählen zu den besten mindestens in Württemberg und erreichen Weltklasse-Format – so urteilen recht einmütig etablierte Weinführer.

Kommunalpolitik: Reform, Remstalrebell und Regierende

Keine Einmütigkeit herrscht an Rems und Murr, ob sich die Kommunalreform wirklich ausbezahlt hat. Gut ein Jahr nach dem Zeitungsverlag ist aus den Kreisen Backnang und Waiblingen der Rems-Murr-Kreis gebildet worden. Vor allem die Murrtäler haderten mit dem Zwangszusammenschluss, zumal ihnen das Kennzeichen BK wie auch die Herrlichkeit der Kreishauptstadt Backnang gestohlen wurde.

Im Remstal indes begann zu dieser Zeit, Anfang der 1970er Jahre, ein Rebell von sich reden zu machen. Helmut Palmer aus Geradstetten - an das neu geschaffene „Remshalden“ mochte er sich nie gewöhnen! - mischte die politische Landschaft auf und war auf Jahrzehnte ein Dorn im Fleisch der etablierten Politik.

Nach dem Niedergang der Altliberalen im Remstal waren die Christdemokraten die dominierende politische Partei. Hans Filbinger erreichte bei den Landtagswahlen 1972 satte 52,9 Prozent der Stimmen im Land. Umso verwunderlicher ist, dass der Sozialdemokrat Manfred Wende in dieser Zeit noch zweimal das Direktmandat in den Bundestag errungen hat. Seit 1976 aber holen sich die Christdemokraten Dr. Paul Laufs, Dr. Joachim Pfeiffer und jüngst Christina Stumpp ihre Mandate ohne Probleme.

Kleine Anekdote über das politische Leben am Rande: In den Gemeinde- und Kreistagssitzungen wurde geraucht und gesoffen. Der Aschenbecher und die Flasche Trollinger auf den Ratstischen gehörten dazu wie ungelesene Unterlagen und ein Schultes, der seine Mannen im Griff hatte. Frauen in den Räten waren eine Rarität. Willy Brandts kräftige Parole „Mehr Demokratie wagen“ erreichte den Rems-Murr-Kreis eher als laues Lüftchen. Für Wirbel sorgte in Schorndorf die Gründung der „Manufaktur“, ein von den Konservativen misstrauisch beäugtes Sammelbecken von langhaarigen 68ern, die dem Muff der Nachkriegszeit den Kampf ansagten. Womit wir bei der Wirtschaft im „Musterkreis im Musterländle“ wären, wie der damalige Rems-Murr-Landrat Horst Lässing gebetsmühlenhaft in seinen Reden wiederholte. Der Rems-Murr-Kreis zählte bis in die 1980er Jahre tatsächlich zu den Arbeitsamtsbezirken mit den geringsten Arbeitslosenraten - und wies mit die höchsten Wachstumsraten auf. Doch der Strukturwandel hinterließ tiefe Spuren, wie ein Blick auf die Unternehmen zeigt, die einst zwischen Rems und Murr die meisten Arbeitsplätze boten.

Bosch, Mahle, AEG und Bauknecht

Um es hart zu sagen: Rems- und Murrtal sowie der Welzheimer Wald waren nach dem Zweiten Weltkrieg für Stuttgarter Industriefirmen das, was für diese später Polen, Ungarn, oder China wurden. Gebiete mit billigem Bauland und einem großen Arbeitskräftereservoir. So haben in den 60er Jahren Bosch und Mahle, die AEG oder Bauknecht ihre Fabriken hierher verlagert. Die etablierte Leder- und Textilindustrie - Hornschuch in Urbach, Adolff in Backnang - hatte ihren Zenit bereits überschritten. Es begann eine Ära der Massenfertigung von Waschmaschinen (Bauknecht, Schorndorf und Welzheim), Elektrowerkzeugen (AEG, Winnenden; Bosch, Murrhardt), Fernsehgeräten (Sony-Wega, Fellbach) oder Autoleuchten (Reitter & Schefenacker, Schwaikheim). Dies ist Geschichte. Bei Birkel in Endersbach werden keine Nudeln mehr hergestellt, bei Jacobi in Großheppach wird kein Weinbrand mehr destilliert.

Vor allem zwei Unternehmen von damals haben nicht nur überdauert, sondern sich zu weltweit agierenden Konzernen entwickelt. Stihl in Waiblingen und Kärcher in Winnenden: Die beiden Familienunternehmen sind mittlerweile die größten Arbeitgeber im Rems-Murr-Kreis. Zufall? Wohl eher nicht. Die Konzerne sind wieder weg. Dafür prägen bodenständige Unternehmer seit einem halben Jahrhundert den Rems-Murr-Kreis – und beschäftigen die meisten Mitarbeiter. Firmen wie Schnaithmann in Remshalden, Frech in Schorndorf oder Harro Höfliger in Allmersbach sind „Hidden Champions“ und in ihren Branchen führend; und weltweit oft besser bekannt als vor Ort.

Fangen wir an mit etwas, woran sich in all den Jahren nicht viel geändert hat an Rems und Murr. Der Ärger im Verkehr. Der Stau gehört zu unserem Leben. Wenn ich mit meinen Eltern in den 60er Jahren am Wochenende in den Welzheimer Wald fuhr, standen wir Blech an Blech am Waiblinger Freibad und quälten uns „stop-and-go“ durch die Ortschaften im Remstal quasi als Vorfreude auf den erfrischenden Sprung in den eiskalten Eisenbach-Stausee. Als Volontär in den 80er Jahren waren Termine in aller

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