50 Jahre ZVW

Wie war das früher beim ZVW? Zwei Reporter-Legenden aus dem Kreis erzählen

Reinhardt und Beck
Zwei begnadete Erzähler, mit Worten so virtuos wie mit Gesten: Oskar Beck (links) und Uli Reinhardt, die in den 70er Jahren die Redaktion des Zeitungsverlags Waiblingen aufmischten. © Gabriel Habermann

Wie war das früher beim Zeitungsverlag Waiblingen? Diese beiden waren dabei, und sie können erzählen, dass es kracht: der eine mit durchtrieben pointensicherer Schläue, der andere mit einer Herzenswärme, dass man ihn mal kurz knuddeln möchte. In ihren ZVW-Geschichten kommen die Roten Khmer vor, der Kran von Schifferstadt, der Infrarot-Flieger und der Sex im Welzheimer Wald.

Die coole Socke: Oskar Beck, 71; er schrieb von 1971 bis 1976 für den ZVW – und traf später als Sportreporter alle Großen von Franz Beckenbauer bis Kati Witt. Der Charme-Bär: Uli Reinhardt, 74; er fotografierte von 1972 bis 1986 für den Verlag – und danach für den Stern, den Spiegel, Geo, Fokus.

Grüßgott, Herr Retter, ich will Journalist werden

Journalist wurde man damals, indem man, nun ja, es halt wurde. Reinhardt zum Beispiel war schon Mathe-Lehrer am Waiblinger Salier-Gymnasium, als das Schicksal ihn ereilte. Es geschah im Jahre 1972: Beim ZVW gab es damals weder einen Schlussredakteur noch einen fest angestellten Fotografen. Redaktionsleiter Richard Retter fragte die Mannschaft: Eins von beidem kriegt ihr – was wollt ihr haben? Das Team entschied mehrheitlich: her mit dem Knipser! Da gibt es doch diesen Mathe-Pauker, der früher, um sich sein Studium zu finanzieren, nebenher für uns fotografiert hat ...

„Zum hellen Entsetzen meiner Familie“ sagte Reinhardt zu; und blieb standhaft, als bei der Vertragsunterzeichnung ZVW-Verleger Albrecht Villinger sagte: „Sie kriegen den Posten. Aber wollen Sie das wirklich machen? Sie haben doch schon einen schönen Beruf. Überlegen Sie sich das noch mal gut.“

Szenenwechsel: Oskar Beck. „Alle Becken waren Lehrer. Mein Vater. Mein Opa. Seine sechs Brüder. Es war selbstverständlich, dass ich Lehrer werd’. Ich bin gar nicht gefragt worden.“ Also studierte er drei Semester – seine Motivation reichte aber nicht so weit, dass er tatsächlich Vorlesungen besuchte. Der Vater: Lehrer also nicht? „In zwei Wochen will ich wissen, was du dann wirst!“

In seiner Not stieg Jung-Oskar in den Bus, fuhr zum Zeitungsverlag, schlich „unangemeldet die Treppe hoch“, klopfte bei Richard Retter an der Tür und sagte: „Ich will Journalist werden.“

Schreiben Sie mal was, antwortete Retter, irgendwas. Beck ging heim, schrieb irgendwas über Muhammad Ali und brachte es zur Post. Einen Tag später rief Retter an: „Sie können morgen anfangen.“

Das Geschlechtsleben im Welzheimer Wald

Von einer wundersamen Leichtigkeit handeln diese alten Geschichten und vom Geist der Freiheit. Die reinste Remstal-Prawda ist das, schimpften zwar die Gewerbetreibenden, „warum druckt ihr die Zeitung nicht gleich auf rotem Papier“? Villinger aber, wenngleich selber kommunistischer Umtriebe durchaus unverdächtig, fand: Man muss seine Leute halt machen lassen. Und so hielt Retter das auch.

Bei der Welzheimer Zeitung ging Redakteur Fritz Frasch in Urlaub. Retter zu Beck: „Du machst das, solange der weg ist.“ Beck fuhr also rauf in den Wald.

So, da war er. Jetzt, dachte er, musst du gleich mal „ein Zeichen setzen“, damit die Leute hier merken, dass du da bist. Nur: Worüber schreibt man da oben? Vielleicht über ... den Wald?

Er ließ sich vom Förster den Tann zeigen – und hoppla, da lagen ja tatsächlich erregende Geschichten rum: Obwohl durch den Forst keine Straße führte, herrschte hier offenbar Verkehr; gebrauchte Präservative im Gestrüpp zeugten davon.

Bingo. Beck haute seinen ersten Welzheimer Aufmacher in die Schreibmaschine: über den Geschlechtstrieb der Wäldler. Zeichen gesetzt. Feierabend.

Am nächsten Tag ging er zu Mittag in den Welzheimer Grünen Baum. „Aufruhr. Totales Theater.“ Am Nachmittag rief Retter an: „Du, Oskar, komm lieber wieder heim.“

Groß denken: Die "doppelseitige Auslandsreportage"

Uli Reinhardt entwickelte derweil ein furioses Talent, Albrecht Villinger für radikal ambitionierte Projekte Geld aus den Rippen zu leiern.

Die Wengerter machten einen Ausflug nach Frankreich? Reinhardt wollte mit. Villinger – „ich hab gehört, Sie fahren nach Paris“ – zog den Geldbeutel, steckte dem Fotografen einen Hundert-Mark-Schein zu und sagte: „Sie werden feststellen, es ist teuer dort.“

Für eine Serie über das Waldsterben hatte Reinhardt eine bescheidene kleine Idee: Wie wär’s, wenn wir ein Flugzeug chartern nebst Pilot und jeden einzelnen Waldschaden im ganzen Landkreis mit einer Infrarotkamera dokumentieren?

Villinger: „Was kostet das?“ Reinhardt: „Weiß ich auch nicht.“ Na dann, sagte Villinger, machen wir’s halt.

Den Achttausender-Gipfel aber erreichte Uli Reinhardts genialisch-visionärer Lokalzeitungs-Größenwahn mit der Einführung der „doppelseitigen Auslandsreportage“.

Ende der 70er Jahre marschierten vietnamesische Truppen in Kambodscha ein, um die Steinzeitkommunisten der Roten Khmer zu vertreiben. Unmassen von zwischen die Fronten geratenen Flüchtlingen saßen an der thailändischen Grenze fest. Ärzte aus aller Welt reisten an, um in baum- und wasserloser Steppe bei brütender Hitze Menschen zu retten am anderen Ende der Welt.

Mit dabei: Annemarie Schwörer, Kinderärztin aus Korb. Und Uli Reinhardt, Fotograf vom ZVW.

Verschwunden! Ein Thriller um Gotthilf Fischer

Während Reinhardt seine Begabung für aufwühlende und teure Stoffe kultivierte, entwickelte Beck, der vor allem als Polizei- und Gerichtsreporter eingesetzt wurde, nebenbei einen Hang zum Boulevardesken: als „Sachbearbeiter für Gotthilf Fischer“.

Der Chorleiter, schon damals der Mozart der Selbstvermarktungsvirtuosität, wusste: Egal, ob du gelobt oder geschmäht wirst – Hauptsache, du stehst in der Zeitung. Wenn allzu lange keine Schlagzeile raussprang, wurde der Dirigent nervös.

Also rief er in der Redaktion an: „Herr Beck, mr müsst dringend mal wieder a Gschichte über mich machen.“ Beck: „Aber Herr Fischer, die letzte war vor einer Woche!“ Fischer: „Eben. Ich hab was für Sie: Mir ist mein Jeans-Jäckle verloren gegangen.“

Und so schrieb Polizeireporter Beck einen Krimi-Reißer: Spurlos verschwunden – wer hat Gotthilf Fischers Jeans-Jäckle zuletzt gesehen?

Sein größter ZVW-Scoop aber gelang Beck 1975. Beinahe.

Die Jagd nach dem Kran

Samstagnacht, grade eben sind die Schorndorfer ASV-Ringer Deutscher Meister geworden: Riesensause in einer Schorndorfer Kneipe, Beck dabei. Irgendwann vor Morgengrauen fragt der ASV-Manager: Sag mal, Oskar, du bist doch noch recht nüchtern – hast du grad was vor? Nein? Also, dann fahren wir jetzt nach Schifferstadt und verpflichten den Dietrich.

Wilfried Dietrich! Der Kran von Schifferstadt! Sportlegende Hilfsausdruck! Na gut, sein größter Erfolg, Olympia-Gold in Rom, ist schon ein paar Wochen her: 1960 war das. Dietrich ist mittlerweile 43. Außerdem: Der wird doch seinen Schifferstädtern nicht untreu. Trotzdem: Es wäre der Clou.

Der ASV-Manager nimmt 10 000 Mark in bar aus der Abendkasse des Meisterkampfs, wickelt sie in Zeitungspapier der Schorndorfer Nachrichten ein – und am Sonntagmorgen um 8 Uhr klingeln sie in Schifferstadt bei Dietrich an der Wohnung. Der Ringer macht im Bademantel auf. Am Esszimmertisch enthüllen sie den Zaster, der ASV-Manager erklärt das Offensichtliche: „Wilfried, i will di kaufa.“

Und da schau her: Der Kran greift Richtung Kuli! Wenn er jetzt unterschreibt, hat Beck die Hammerstory für den ZVW exklusiv.

Da läutet es an der Haustür: Dietrichs Nachbar. Er sagt: „Wilfried, es ist Zeit. Wir müssen in die Kirche.“

Es ist, als interveniere eine höhere Macht: Der Kran kommt zur Besinnung, nimmt statt des Kulis das Gesangbuch und geht beten. Der ASV-Manager muss die 10 000 Mark wieder einwickeln. Geile Exklusivstory; leider geplatzt.

Was aus ihnen wurde

Uli Reinhardt verließ 1986 den ZVW, machte sich selbstständig, baute die Weinstädter Reportage-Agentur Zeitenspiegel auf, bereiste als Fotograf das Afghanistan der Taliban, Lateinamerika, den Balkan in der Zeit der Kriege. Beck machte sich schon 1976 vom Acker, betrieb bei den Stuttgarter Nachrichten eine so gewitzt-kritische VfB-Berichterstattung, dass Präsident Mayer-Vorfelder ihn mit dem Ehrentitel „Die Stradivari unter den Arschgeigen“ bedachte, bereiste als Sportreporter die Welt.

Weit sind sie herumgekommen. Der Zeitungsverlag Waiblingen aber, sagt Oskar Beck, ist „ein Teil von meinem Leben“. Und Uli Reinhardt nickt: „Ein enorm wichtiger.“ Denn die beiden mögen weiß Gott wo gewesen sein – begonnen hat es hier bei uns.

Wie war das früher beim Zeitungsverlag Waiblingen? Diese beiden waren dabei, und sie können erzählen, dass es kracht: der eine mit durchtrieben pointensicherer Schläue, der andere mit einer Herzenswärme, dass man ihn mal kurz knuddeln möchte. In ihren ZVW-Geschichten kommen die Roten Khmer vor, der Kran von Schifferstadt, der Infrarot-Flieger und der Sex im Welzheimer Wald.

Die coole Socke: Oskar Beck, 71; er schrieb von 1971 bis 1976 für den ZVW – und traf später als Sportreporter

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