50 Jahre ZVW

Willy Brandt, der Kniefall und die Sendung mit der Maus: 50 Jahre Zeitungsverlag Waiblingen - die frühen 70er Jahre im Porträt

Willy Brandts "Kniefall von Warschau" als Opernstoff
Bundeskanzler Willy Brandt kniet am 7. Dezember 1970 vor dem Warschauer Ehrenmal, das den Helden des Ghetto-Aufstandes vom April 1943 gewidmet ist. © dpa

Es wirkt in der Rückschau nicht wie Zufall, es erscheint im Gegenteil folgerichtig, fast zwingend, dass der Zeitungsverlag Waiblingen ausgerechnet Anfang der 70er Jahre entstand; dass sich just damals solch ein selbstbewusstes, starkes Verlagshaus formierte. Diese Gründung fügt sich stimmig ein in den damaligen Zeitgeist. Anfang der 70er, das waren Jahre, in denen der Biedersinn der Adenauerzeit endgültig verflog, Jahre, in denen sich eine nicht mehr in Untertanenhaltung geduckte Zivilgesellschaft herausbildete. Medien, die der kritischen Öffentlichkeit zur Selbstverständigung dienten, gewannen an Bedeutung.

Um diese Entwicklung zu verstehen, müssen wir zunächst etwas weiter zurückblenden: ins Jahr 1962, als die sogenannte Spiegel-Affäre die junge Bundesrepublik aufwühlte. Ein Spiegel-Artikel stellte damals das Konzept des atomaren Erstschlags und die Rüstungspolitik unter Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß infrage. Danach sahen sich Mitarbeiter des Magazins der Strafverfolgung ausgesetzt; wegen angeblichen Landesverrats. Die Öffentlichkeit aber solidarisierte sich verblüffend entschlossen mit dem Spiegel und protestierte breit gegen den Versuch, eine missliebige Redaktion zum Schweigen zu bringen. Die Affäre endete damit, dass Strauß als Minister abtreten musste. Es war ein großer Sieg für den investigativen, kritischen Journalismus in Deutschland; manche sagen: die eigentliche Geburtsstunde der Pressefreiheit in Deutschland.

Die kulturellen Revolutionen der 68er waren 1971 bereits in Gesellschaftsbereichen angekommen, denen man bis dato wohl kaum solche Freigeisterei zugetraut hätte. In eben jenem Jahr '71 erschien zum Beispiel das Buch „Rebell am Ball“. Es handelte von Günter Netzer. Auf dem Cover war der Mann, der mit seinen visionären Steilpässen ungeahnte Tiefen des Raums auslotete, mit langem Haar zu sehen. Der Sportler als Popstar, als Lifestyle-Verkörperung: Das gibt es nicht erst seit CR7.

Netzer, der ganz andere Kicker, Brandt, der ganz andere Kanzler

Niemand aber prägte den Geist der Jahre um 1971 stärker als Willy Brandt. „Wir wollen mehr Demokratie wagen“, sagte er, als er im Oktober 1969 als erster Sozialdemokrat Bundeskanzler geworden war. Und fuhr fort: „Wir stehen nicht am Ende unserer Demokratie, wir fangen erst richtig an!“ Die Opposition mochte noch so sehr zischeln – „Unglaublich! Unerhört!“ –, der Meilenstein war gesetzt.

Die ikonische Szene schlechthin aus jener Zeit: Im Dezember 1970 unterzeichnete Brandt den Warschauer Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen und anerkannte damit die Oder-Neiße-Linie als Grenze zwischen beiden Ländern offiziell. Am Rande des Ereignisses besuchte der Kanzler das Mahnmal des Warschauer Ghetto-Aufstandes von 1943. Und sank auf die Knie.

Es war mehr als nur eine Geste der Demut und der Schuld vor der Vergangenheit. Es war auch ein Zeichen, das in die Zukunft weisen sollte: Ein anderes Deutschland ist möglich, nicht martialisch auftrumpfend, sondern fähig zur Empathie.

Szenen des Aufbruchs: Von der Ökumene bis zur Sendung mit der Maus

Im Dezember 1971 erhielt Brandt den Friedensnobelpreis. In seiner Vorlesung in Oslo sagte er: Es gehe darum, „Kriege abzuschaffen, nicht nur, sie zu begrenzen“. Denn Krieg sei nicht die „ultima ratio“, das äußerste Mittel der Vernunft; sondern „die ultima irratio“, die extremste Unvernunft.

All das fügte sich ein in ein größeres Panorama. Im Juni 1971 fand in Augsburg das Ökumenische Pfingsttreffen statt, der erste gemeinsame Kirchentag von evangelischen und römisch-katholischen Christen. Und just im März 1971, dem Gründungsmonat des Zeitungsverlages Waiblingen, lief die erste Folge der „Sendung mit der Maus“.

Die Kinder von heute, das vermittelte diese Fernsehsendung, haben nicht einfach still zu sein und zu gehorchen, sie sind nicht bloße Modelliermasse, die von Erwachsenen in Form geknetet wird – diese Kinder sind ernstzunehmen in ihrer Neugier, ihre Lust auf Weltentdeckung will befriedigt sein, ihre Fragen verdienen Antworten!

In gewisser Weise kann man sagen: Anfang der 70er Jahre war die Nachkriegszeit endgültig vorbei. Eine dynamischere, modernere Welt nahm Gestalt an. Was diese Jahre so besonders macht, ist aber nicht nur, dass die Menschen die Möglichkeiten und Chancen der Zukunft so klar zu sehen vermochten; sondern auch, dass die unausweichlichen Kehr- und Schattenseiten dieses Aufbruchsmutes sich noch nicht so scharf abzeichneten, sondern sich erst kurz darauf drängend offenbarten.

Die Grenzen des Wachstums, die Ölkrise und die RAF

Die Mondlandung am 20. Juli 1969 hatte vielen Leuten das Gefühl vermittelt, dass nichts – nicht einmal das Undenkbare, nicht einmal die verrückteste Science-Fiction – menschenunmöglich sei. Diesem technologischen Überschwang galt auch die Atomkraft noch nicht als problematisch, sondern als Weg in eine aller Energiesorgen enthobene Zukunft. Breite Proteste sollten sich erst im Laufe der 70er Jahre formieren.

1971 sah auch noch niemand voraus, dass nur zwei Jahre später vier Sonntage lang die Straßen und Autobahnen der Bundesrepublik gähnend leer und gespenstisch still daliegen würden, wegen eines bundesweiten Fahrverbots. Ursache: ein Preisstreit mit den Ölförderländern. Die Deutschen lernten das Wort „Energiekrise“ kennen.

Unbegrenztes Wachstum: 1972 setzte eine Studie des Club of Rome ein erstes Fragezeichen hinter diesen Begriff. Vollends brüchig wurde der Fortschrittsfuror dann mit dem Wälzer „Global 2000“, 1977 von US-Präsident Jimmy Carter in Auftrag gegeben, 1980 veröffentlicht. Das Buch warnte vor wachsenden Umweltproblemen und Klimaveränderungen und darf heute als ein prophetisches Hauptwerk des späten 20. Jahrhunderts gelten.

Auch der linke Weltveränderungs-Enthusiasmus der 68er offenbarte seine Abgründe. Das Treiben der 1970 gegründeten RAF wurde zunächst nur als eher leises bundesrepublikanisches Hintergrundrauschen wahrgenommen – in den Jahren 1975 bis 1977 aber gipfelte es im Deutschen Herbst und in der bleiernen Zeit: in enthemmtem linksextremistischen Mordterror und in einer fiebrig überhitzten Überwachungswut der Staatsmacht.

1971 ist ein faszinierendes Schwellenjahr: Es erzählt vom Schwung einer sich reformierenden demokratischen Gesellschaft; und von manchen Hoffnungen, die sich später als naiv entpuppten. Manche der Ideen aber, die damals ihren Durchbruch feierten, prägen unser Leben bis heute.