VfB Stuttgart

„Wir haben endlich wieder Kontinuität im Verein“: Wie Claus Vogt auf sein erstes Jahr als VfB-Präsident zurückblickt

Claus Vogt ist Präsident des VfB Stuttgart 1893 e.V. und Aufsichtsratsvorsitzender der VfB Stuttgart 1893 AG
VfB-Präsident Claus Vogt. © Benjamin Büttner

Am 15. Dezember 2019 wurde Claus Vogt zum neuen Präsidenten des VfB Stuttgart gewählt. Kaum hatte der inzwischen 51-Jährige seine Arbeit beim Bundesligisten angetreten, brach die Coronavirus-Krise über den Profifußball herein. Im Interview spricht Vogt über sein kräftezehrendes erstes Jahr als VfB-Oberhaupt, den Umgang mit der Pandemie, die Debatte um die künftige Verteilung der Fernsehgelder und die sportliche Führung.

Wie haben Sie Ihr erstes Jahr als VfB-Präsident erlebt?

Ich denke, wir haben gemeinsam viel erreicht. Wir sind mit der 1. und 2. Mannschaft aufgestiegen, haben endlich wieder Kontinuität im Verein, spielen einen attraktiven Fußball und erhalten selbst nach Niederlagen - wie der gegen den FC Bayern kürzlich - unheimlich viel Zuspruch. Wir treiben die Gründung einer Frauenfußball-Abteilung voran, prüfen da mögliche Kooperationen mit anderen Vereinen aus der Region und wissen im Frühjahr hoffentlich, wie wir es dann machen. Über all das dürfen wir sehr zufrieden sein. Aber Corona macht natürlich auch vieles unberechenbar. Auch aus Planungsgründen wünsche ich mir, dass diese Krise bald vorbei ist.

Wie sehr trifft sie den VfB?

Wir versuchen zu sparen, wo wir können. Es ist großartig, wie unsere Sponsoren und Businesspartner zu uns halten. Dafür sind wir dankbar. Wir haben auch keinen Mitgliederschwund oder Umsatzeinbruch beim Merchandising. Dennoch verlieren wir pro Heimspiel ohne Fans mindestens 1,5 Millionen Euro.

Gonzalo Castro als Kapitän hat bereits signalisiert, dass sich die VfB-Profis einem möglich zweiten Gehaltsverzicht nicht von vornherein verschließen würden. Ist der denn angedacht?

Sollten wir weiter so viele Einnahmen verlieren, ist das sicher eine Option. Ich glaube, viele Vereine tun sich schwer damit, dieses Thema anzugehen. Es ist ein tolles Zeichen, dass unser Kapitän so offen damit umgeht. Aber die Gespräche dazu liegen im Verantwortungsbereich von Thomas Hitzlsperger. Ich möchte da nicht vorgreifen.

Der VfB hat auch schon vor mehreren Monaten einen KfW-Kredit beantragt. Warum wurde er Ihrer Meinung nach noch nicht bewilligt?

Das kann ich nicht abschließend beantworten. Oft herrscht wohl der Eindruck vor, das Geld, das der Profifußball bekommen würde, würde direkt an die Spieler und in deren Gehälter fließen. In unserem Fall geht es aber definitiv um den Fortbestand unseres Unternehmens und die Absicherung der Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter.

In Zeiten von Geisterspielen ist vielerorts eine zunehmende Entfremdung zwischen dem Profifußball und seinen Fans zu beobachten. Spüren Sie die auch?

Ja, das Interesse nimmt ab. Das zeigen mir Gespräche mit Fans, Mitgliedern oder Geschäftspartnern. Menschen, für die das vorher undenkbar gewesen wäre, kommen plötzlich auch mal ein Wochenende ohne Fußball aus. Seit Monaten hat der Fußball, das was ihn ausmacht, verloren: die Emotionalität. Aber Corona ist nicht die einzige Ursache dieser Entfremdung, sondern ein Katalysator.

Diese Entwicklung läuft schon seit mehreren Jahren. Es geht in manchen Bereichen des Profifußballs zu oft nur noch darum, so schnell und so viel wie möglich zu verdienen. Das gilt es anzumahnen. Jetzt, wo Merchandising-Umsätze gesunken oder Stadien auch in Zeiten der Teilzulassung nicht voll geworden sind, bekommen manche Vereine das zu spüren. Gehälter und Ablösen sind zu hoch, Wettbewerbe zu aufgebläht und durch Lostöpfe zu berechenbar, Wochen mit Spielen und TV-Übertragungen zu voll gepackt. In vielen Bereichen sollte wieder ein Gang runtergefahren werden.

Stichwort TV-Übertragungen. Wie beurteilen Sie den Schlüssel zur künftigen Verteilung der Fernsehgelder?

Wir hätten uns schon etwas anderes gewünscht. Doch es war ein Fingerzeig in die richtige Richtung. Aber man hätte sie sicher noch fairer verteilen können.

Als die Corona-Krise über den Profifußball hereingebrochen ist, wurde vielerorts zur Solidarität aufgerufen. Wie viel ist - auch in der Diskussion um die TV-Gelder - davon übrig geblieben?

Besonders in schlechten Zeiten zeigt sich der Charakter von Menschen. Es gab nicht wenige, die zu Beginn dieser Krise von Solidarität und Gemeinschaft gesprochen, das später dann aber nicht mit Leben gefüllt haben. Wir als VfB haben uns für eine fairere Verteilung eingesetzt, die sicher zur Förderung des sportlichen Wettbewerbs beigetragen hätte. Und wir werden das auch weiterhin tun und weiter unsere Meinung sagen.

Bis wann wird der VfB die Affäre um die angebliche Weitergabe von Mitgliederdaten an Dritte aufgearbeitet haben?

Wir haben alle Fragen, die uns von der Behörde dazu gestellt wurden, fristgerecht beantwortet. Wir sind weiter dabei, diese Thematik lückenlos aufzuarbeiten. Sorgfalt ist uns dabei wichtiger als Schnelligkeit. Die Mitglieder haben es verdient, dass wir das sauber machen. Wir hoffen, spätestens im Frühjahr sagen zu können, was Stand der Dinge ist.

Im kommenden Jahr endet auch der Vertrag von VfB-Sportdirektor Sven Mislintat. Wie er zuletzt betonte, würde er gerne länger in der aktuellen Konstellation weiterarbeiten. Würden Sie das auch begrüßen?

Ich glaube, wir haben eine sehr gute und erfolgreiche Konstellation, ja. Sven Mislintat macht einen sehr guten Job, natürlich auch Thomas Hitzlsperger, Pellegrino Matarazzo, Markus Rüdt und viele andere. Wir haben gute sportliche Rahmenbedingungen und eine intakte Mannschaft. Warum sollten wir da etwas ändern?

Zur Person

Claus Vogt (51) ist seit Dezember 2019 Präsident des VfB Stuttgart. Der Familienvater führt ein Facility-Management-Unternehmen in Böblingen und lebt in Waldenbuch. 2017 gründete er den FC PlayFair!, der sich für Fan-, Vereins- und Verbandsinteressen im Profifußball einsetzt.