Baden-Württemberg

Kinderkliniken vor dem Kollaps: „Werden nicht mehr alle Kinder behandeln können"

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Symbolfoto. © Pixabay.com/stux

Betten fehlen, Personal sowieso, Operationen müssen verschoben werden – und jetzt rollt auch noch eine Virus-Welle übers Land. Immer mehr Kinder erkranken an Atemwegsinfektionen wie RSV. Kinderkliniken in Deutschland schlagen deshalb Alarm.

Eine Umfrage der DIVI (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin) soll Aufschluss darüber geben, wie schlimm die Situation wirklich ist. Schon wenige Stunden vor Ablauf der Frist deutet sich an: Die Lage ist verheerend.

RSV-Welle: Steigende Zahlen bei Kleinkindern

Bereits am Freitagmittag (25.11.) hat die Deutsche Presseagentur (dpa) ein Gespräch mit DIVI-Generalsekretär Florian Hoffmann veröffentlicht. Hoffmann sprach darin von „Katastrophenzuständen“. Die Anzahl der Kleinkinder, die aktuell am RSV-Virus erkrankten, gehe „senkrecht nach oben“. Kinder und ihre Familien müssten in Notaufnahmen auf Pritschen schlafen, Betten seien Mangelware.

Wie sieht es in Baden-Württemberg aus? Trifft die RSV-Welle auch uns? Und wie ist die Situation in den Kinderkliniken? Bei den Rems-Murr-Kliniken war am Freitagnachmittag (25.11.) niemand mehr zu erreichen. Ein Anruf bei der DIVI-Pressestelle soll Klarheit verschaffen.

DIVI-Sprecherin: „Ein System, das gegen die Wand gefahren wurde“

Welche Rolle RSV-Viren in Kinderkliniken in Baden-Württemberg spielen, dazu liegen DIVI-Sprecherin Nina Meckel keine Zahlen vor. Im Verlauf des Gesprächs wird aber schnell klar: Das RSV-Virus könnte nur die Spitze des Eisbergs sein. "Es zeigt, was in einem System passiert, das gegen die Wand gefahren wurde, wenn es auf eine Virus-Welle trifft."

Aktuell laufe eine Umfrage unter Kinderkliniken in Deutschland, die innerhalb von 24 Stunden die Situation an ihrer Klinik beschreiben sollen. „Bisher haben alle, mit denen wir gesprochen haben, signalisiert: Wir haben keine freien Betten“, so Meckel. Bei der DIVI sei man überzeugt, dass das ein Dauerzustand ist, der sich nicht allein mit der aktuellen RSV-Welle erklären lasse. Weitere Umfragen sollen in den nächsten Wochen und Monaten dazu Daten liefern.

Personalmangel, Betten fehlen, Herz-OPs werden verschoben

„Alle haben das gleiche Bild gezeichnet“, sagt Meckel. Zeit im Alltag fehle, Personalmangel führe dazu, dass eigentlich vorhandene Betten nicht betrieben werden können. Die Folge: OPs müssten verschoben werden – und das betreffe alle Arten von Operation. „Selbst bei Kindern, bei denen ein Loch im Herzen geschlossen werden muss, kann es sein, dass die OP drei, vier, fünfmal verschoben werden muss.“

Das Problem trifft alle Kliniken in Deutschland gleichermaßen, sagt Meckel. Egal ob Norden, Westen, Osten oder Süden – niemand habe Platz. „Die Option, Kinder zur Behandlung mit dem Hubschrauber in eine andere Klinik zu fliegen, gibt es also nicht.“

Ärzte in Alarmbereitschaft: „Die Situation ist sehr ernst“

Die Ärzteschaft sei entsprechend in Alarmbereitschaft. „Wir werden nicht mehr alle Kinder behandeln können“, so DIVI-Sprecherin Meckel. „Und was ist dann? Wie sieht die Situation in drei bis fünf Jahren aus, wenn wir jetzt nichts unternehmen?“

Nichts unternehmen, das ist für die DIVI keine Option. 5000 Intensivmediziner werden sich nächste Woche in Hamburg versammeln, um die aktuelle Situation im Gesundheitswesen bei einer Tagung zu diskutieren. Am Donnerstagmorgen (01.12.) soll es eine Pressekonferenz geben, die sich auch an die Politik richtet. „Die Situation ist sehr ernst“, sagt Meckel. „Deshalb werden wir gerade sehr deutlich.“