Schorndorf Immer mehr Reichsbürger im Kreis

Die Polizei habe für ihn den Status eines Werkschutzes, so ein Schorndorfer Reichsbürger. Foto: Pixabay.com / CC0 Public Domain

Schorndorf.
Die Herren lieben die Verschwiegenheit. Sie bunkern sich ein, wenn sie nicht gerade zwangsweise einen öffentlichen Auftritt bei Gericht haben. In Schorndorf und Umgebung weiß man, dass es sie gibt, die Reichsbürger oder Germanitier, wie sie sich selber gern nennen. Und es gibt sie in nicht geringer Zahl.

Richterin Freier und dieser Germanitier

Ein Lied davon singen kann etwa die Schorndorfer Richterin Petra Freier, die sich freilich nicht einschüchtern lässt.

Wir schreiben das Jahr 2012. Richterin Freier hat wieder einen dieser Germanitier vor sich. Es geht um Beamtenbeleidigung. Zur Verurteilung sollte er freilich vor Gericht erscheinen. Er erscheint nicht, weil er und die Gesinnungsgenossen, die hinten drin sitzen, feixen dazu, ein deutsches Gericht nicht anerkennen.

Sechs Polizeibeamte, zwei Hundestaffeln, ein Schlüsseldienst und ein Krankenwagen

Weil der Mann stadtbekannt ist, schickt die Richterin die Polizei in die Kirchgasse, den Mann holen. Wäre doch gelacht, ihn nicht vorführen zu können. Im Einsatz: sechs Polizeibeamte, zwei Hundestaffeln, ein Schlüsseldienst und ein Krankenwagen.

Stunden nach dem Einsatz saß er dann mit einer frisch genähten Platzwunde doch im Gericht. Zwangsweise vorgeführt. Seine Tiraden ist er freilich doch losgeworden. Die Bundesrepublik sei für ihn ein „staatssimulierender Gewerbebetrieb“.

Status eines Werkschutzes

Die Polizei hat für ihn den Status eines Werkschutzes. Das Gericht der Deutschland AG, das sich anmaßt, über ihn zu richten, hat er immer wieder lahmlegen wollen. Das Fax-Gerät soll überquellen. Die Strafe: 400 Euro wegen Beamtenbeleidigung in zwei Fällen.

Zuvor stellte der ärztliche Direktor der Winnender Psychiatrie fest, dass der Mann zurechnungsfähig ist. Abseits seiner kruden Verschwörungstheorie. Man könne davon ausgehen, dass er weiß, bei wem das Gewaltmonopol liegt.

Man wundert sich

Es muss etwas passieren, dann auf einmal bewegt sich was. 2015 ging die Kunde rum, im Süden von Schorndorf, in gutbürgerlicher Gegend, ganz unweit von der grünen Landtagsabgeordneten, lebe ein polizeibekannter Reichsbürger. Wir fahren hin.

Am Klingelschild steht nichts. Die Wohnung sieht verwaist aus. Ja, sagt eine Nachbarin, die Polizei sei auch schon da gewesen, der Mann ausgezogen. Anruf beim Pressesprecher des Polizeipräsidiums Aalen. Wir wollen wissen, wohin der Mann verzogen ist. Antwort: Diese Auskunft könne es nicht geben. Man wundert sich. Da schießen Reichsbürger auf Polizisten, und die Polizei zieht sich auf den Datenschutz zurück.

Aus Überzeugung?

Ende 2016. Wir machen eine Geschichte mit einer Schorndorfer Gerichtsvollzieherin. Titel: „Wenn sie klingelt, öffnen sich Abgründe“. Sie schildert freimütig. Etwa ihre Zusammenkünfte mit Reichsbürgern. Was für ihren Geschmack inzwischen allzu häufig vorkommt. „Die Problematik nimmt überhand.“

Man hat den Eindruck, je mehr Fälle aufschlagen, je mehr in den Medien kommt, umso mehr beruft man sich darauf, dass dieser Staat ja gar nichts zu sagen hat. Und sei’s nur, wenn es darum geht, die Gasrechnung nicht zu überweisen oder den GEZ-Beitrag. Natürlich aus Überzeugung.

Laut Aussage von Dr. Bernd Langer, Facharzt für Psychiatrie, stecken oft rein wirtschaftliche Gründe hinter kruden Ansichten von „Reichsbürgern“. Sie wollen einfach ihre Steuern und Abgaben nicht bezahlen. Archivbild: Bernhardt

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