Waiblingen Mercedes-Stern-Klau trifft ins Herz

Finger weg! Foto: Palmizi / ZVW

Waiblingen. „Mercedes-Stern ausgebaut“ – „Mercedes-Stern entwendet“ – solche Überschriften tauchen in schöner Regelmäßigkeit in den Pressemeldungen der Polizei auf. Eine Spurensuche fördert Erstaunliches zutage.

Holger heißt in Wahrheit nicht Holger, und seine Schandtaten liegen bereits Jahrzehnte zurück. Zweimal hat er des Nachts Mercedes-Sterne mit Gewalt abgerissen. Nur so. Weil es ihm irgendwie ein gutes Gefühl verlieh, weil es ein „subversiver Akt“ war. Etwas kaputt machen, das einem mutmaßlich gut situierten Mitbürger gehört – das hat so was von Revolte. Von Statement. Es verleiht einer an sich unrechtmäßigen, sinnlosen, verurteilungswürdigen Handlung nachträglich eine Art moralische Rechtfertigung. Zumindest klingt das so, wenn Holger davon erzählt. Tiefe Bewunderung schwingt mit, sobald die Rede auf Rolf kommt, der natürlich auch nicht Rolf heißt. Der lagerte damals 55 gestohlene Mercedes-Sterne zu Hause. In Worten: fünfundfünfzig. Als sie seinerzeit aus anderen Gründen eine Wohnungsdurchsuchung bei ihm veranlassten, hatte Rolf ein dickes Problem. Zeitweise sollen abgebrochene Sterne gar als Eintrittskarten für bestimmte Partys gedient haben, wird kolportiert.

Stern nur "zerstörerisch" vom Auto zu trennen

Bei Mercedes-Benz-Cars gibt sich die Pressestelle äußerst wortkarg: „Zum Diebstahl von Mercedes-Benz-Sternen liegen uns keine Informationen vor.“ Der Stern könne nur „zerstörerisch“ vom Fahrzeug abgetrennt werden, weshalb er hiernach nicht als Ersatzteil verwendet werden könne. Eine Demontage von außen bei geschlossener Motorhaube sei nicht möglich.

Neuester Vorfall in Schwaikheim 

Das sehen Diebe anders. Immer wieder berichtet die Polizei von einem fachmännischen Ausbau des Sterns. Erst vor zwei Tagen waren Diebe wieder in Schwaikheim unterwegs; dort kam es in letzter Zeit mehrfach zu Aufbrüchen von hochwertigen BMW. Ganoven bauen bevorzugt teure Lenkräder und Navigationsgeräte aus; und diesmal richteten sie ihr Augenmerk auch auf Fahrzeuge anderer Marken: An einer C-Klasse montierten sie zwei Tagfahrlichter und Abstandssensoren fachmännisch ab. An drei Fahrzeugen fehlt das Mercedesemblem.

Stern fachmännisch ausgebaut

Ende März baute ein Dieb in Waiblingen den Stern eines Mercedes fachmännisch aus. Das klingt nun nicht nach jugendlicher, sinnfreier Zerstörungswut, ebenso wenig wie diese Polizeimeldung vom 8. Mai aus Flieden in Hessen: „Die Täter entfernten den Mercedes-Stern, vermutlich um an die Sensoren für das Abstandsmess-System heranzukommen. Dies gelang ihnen nicht. Sie nahmen lediglich den Stern mit und flüchteten.“

Diebe passen sich diversen Techniken an 

Im Lauf der Jahre entwickelte Mercedes diverse Techniken, um den Sterne-Klau zu erschweren. Die Diebe passten sich an. Auf einschlägigen Internet-Portalen bieten jede Menge Verkäufer „gebrauchte“ Mercedes-Sterne an. Das ganz große Geld verdient damit vermutlich keiner. Das günstigste Angebot liegt bei etwa 15 Euro, wobei es natürlich drauf ankommt, um welche Art Stern es sich handelt. Sowieso tragen längst nicht mehr alle Mercedes-Modelle einen Stern auf der Motorhaube. An vielen Modellen entfaltet der Stern seinen Glanz als Einbauteil im Kühlergrill. Das Teil gibt’s gar als beleuchtete Variante.

Alternative: Abnehmbare Sterne

Die Kosten für einen Ersatz-Stern variieren je nach Modell. Abnehmbare Sterne gibt’s auch – solche sind für mehr als 100 Euro zu haben. Mercedes-Benz-Cars selbst macht keine Angaben zu Preisen für den Fall, dass ein Mercedes-Fahrer eine Werkstatt mit der Reparatur des Schadens beauftragt. Die Kosten variieren je nach Betrieb. Wer’s kann, ersetzt den Stern selbst.

Stern-Abriss zielt mitten ins Herz 

Nicht allein wegen des finanziellen Schadens ärgern sich Mercedes-Besitzer natürlich über Sterne-Klau. Ein geklauter Stern fühlt sich anders an als eine zerkratzte Autotür, mutmaßt Holger: Der Stern-Abriss zielt mitten ins Herz. Ein Nutzer eines Internet-Forums hat das Gefühl vor einiger Zeit mit diesen Worten beschrieben: „Selbst auf meinem Privatgrund wurde meiner E-Klasse der Stern abgebrochen, in welchen Zeiten leben wir nur. Man sollte die Täter dafür richtig schuften lassen. Es kann wohl definitiv nur am Neid liegen und eventuell dürfte hier und da ’ne Sicherung fehlen.“

Stern: "hohe Qualität und Haltbarkeit"

Michael (49), Besitzer eines Mercedes Baujahr 1981, hatte noch nie Probleme, zumal der flache Stern auf der Haube an diesem Modell nicht so sehr ins Visier von Dieben gerate. Der Mercedes-Liebhaber verbindet mit dem Stern „hohe Qualität und Haltbarkeit“. Ein Nutzer des Forums „Motor-Talk“ teilt mit, seiner Frau gebe der Stern Orientierung und er selbst werde „keinen Benz mehr ohne Stern kaufen“.

Der Stern und der Dreizackweck

Nicht viele Markenzeichen bringen es zu einer derart weltumspannenden Berühmtheit wie der Mercedes-Stern.

Der Stern soll mit seinen drei Zacken die Motorisierung zu Lande, zu Wasser und in der Luft symbolisieren.

Wegen des Sterns kam es schon häufig zu Streitigkeiten, welche die Kontrahenten in langwierigen Gerichtsverhandlungen ausfochten. Beispielsweise wollte der Daimler-Konzern erreichen, dass die Produktion des Dreizackwecks in Worms-Horchheim eingestellt wird, weil das Gebäck Ähnlichkeit hat mit dem Mercedes-Stern. Daimler unterlag. Zur Begründung hieß es, das Gebäck könne eine weitaus längere Tradition vorweisen als der Stern.

Daimler schreibt auf der Homepage zur Geschichte des Sterns: „Die entscheidende Idee haben Paul und Adolf Daimler, die Söhne des im Jahr 1900 verstorbenen Unternehmensgründers: Sie adaptieren einen dreizackigen Stern als Markenzeichen. Mit einem solchen Symbol hatte ihr Vater Gottlieb Daimler in seiner Zeit als technischer Direktor der Gasmotorenfabrik Deutz das Wohnhaus der Familie auf einer Postkarte mit einer Deutzer Stadtansicht markiert. Am 24. Juni beantragt die DMG Gebrauchsmusterschutz für eine plastisch gezeichnete Ausführung des Symbols.“

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