Backnang

Unter Drogen Polizisten attackiert und Sanitäter bespuckt

Polizeikontrolle
Drogentest bei einer Polizeikontrolle. © Benjamin Büttner

In der Nacht auf Mittwoch hat ein 23-Jähriger in Backnang randaliert. Der junge Mann stand unter Drogen, attackierte die Polizisten und bespuckte einen Sanitäter. Polizei, Rettungsdienste und Feuerwehren sind immer häufiger mit Angriffen konfrontiert. Im vergangenen Jahr zählte das Polizeipräsidium Aalen 157 Gewalttaten gegen Polizeibeamte. Ein Viertel mehr als ein Jahr zuvor. Im Sozialausschuss des Kreistages sorgte diese Zahl für Entsetzen, als der Vizepräsident des Polizeipräsidiums Wolfgang Reubold bei der Vorstellung der Kriminalstatistik 2019 auf dieses „Dauerphänomen“ hinwies.

Es ist noch keinen Monat her, dass ein 62-Jähriger, der mit Corona infiziert war, in Rudersberg mehrfach gegen die verordnete Quarantäne verstieß. Ins Schorndorfer Krankenhaus gebracht, randalierte er dort weiter und spuckte auch auf die Polizeibeamten. In der Nacht zum Mittwoch hatte es nun die Backnanger Polizei mit einem 23-Jährigen zu tun, der gegen 0.30 Uhr in Socken und lediglich mit T-Shirt sowie kurzer Hose bekleidet in der Friedrichstraße unterwegs war. Die Streife wollte den Mann kontrollieren, der einen verwirrten Eindruck machte und offensichtlich erheblich unter Drogen stand. Wie die Polizei mitteilt, rastete der 23-Jährige aus, als die Polizisten bei ihm ein Tütchen mit Marihuana fanden. Er versuchte zu flüchten, leistete massiven Widerstand gegen seine Festnahme und wehrte sich derart heftig, „dass er nur unter größter Kraftanstrengung fixiert werden konnte“, wie die Polizei weiter schreibt. Ein Polizist zog sich bei der Verhaftung mehrere leichte Verletzungen zu. Zudem spuckte der 23-Jährige einem Rettungssanitäter ins Gesicht. Letztlich musste er von einem Notarzt sediert werden und wurde anschließend in ein Krankenhaus eingeliefert. Ihn erwarten nun Strafanzeigen wegen Widerstands, Körperverletzung sowie Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Über 157 solche und ähnliche Fälle berichtete das Polizeipräsidium Aalen in seiner Kriminalstatistik 2019. „Die Gewaltbereitschaft gegen Polizeibeamte ist im Jahr 2019 beim Polizeipräsidium Aalen erneut gestiegen.“ In den drei Landkreisen stieg die Zahl der Fälle um 6,9 Prozent und habe mit 342 Fällen den höchsten Stand im Fünfjahresvergleich erreicht. Auf den Rems-Murr-Kreis entfiel das Gros der Übergriffe mit 157 Taten. „Besonders auffällig ist hierbei der sinkende Respekt gegenüber den eingesetzten Beamten/-innen, kombiniert mit einer hohen Gewaltbereitschaft.“ 150 Polizisten wurden verletzt. Die meisten Täter (61 Prozent) standen unter Alkohol.

Die Zahlen dokumentieren „die zunehmende Respektlosigkeit und Aggressionsbereitschaft gegenüber eingesetzten Polizeibeamten“, schreibt das Polizeipräsidium. Ein Fakt, den CDU-Kreisrat Ingo von Pollern ausgesprochen empörte. Besserung erhofft sich Vizepräsident Reupold von den Bodycams, mit denen seit Sommer 2019 inzwischen viele Streifenpolizisten ausgestattet werden. Erste Erfahrungen im Rahmen einer Erprobung hätten gezeigt, dass durch den Einsatz von Bodycams eine deutliche Aggressionsminderung erzielt werden könne.

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Klein, handlich, robust und leicht zu bedienen: Seit Sommer 2019 werden Streifenbeamte mit Bodycams ausgerüstet.  Allein die Tatsache, gefilmt werden zu können, kühlt den Übermut bei manchem Aggressor. © Gabriel Habermann


Wie Bodycams deeskalieren

Wie Bodycams deeskalierend wirken, beschreibt die Polizei am Beispiel einer Schlägerei im Dezember in Schorndorf. Beim Eintreffen der Polizei erwies sich der Beschuldigte als äußerst aggressiv und aufgebracht, worauf die Polizisten den Einsatz einer Bodycam ankündigten. Daraufhin habe sich der Schläger beruhigt und seine Provokationen gegenüber der Streife eingestellt. Der Mann war nicht einmal gefilmt worden. Allein die Ankündigung von Videoaufnahmen reichte aus.

Von zunehmender Gewalt sind nicht nur Polizisten betroffen, sondern auch Rettungsdienste. 2019 wurden landesweit 190 Fälle erfasst, bei denen Rettungsdienst- oder Feuerwehrangehörige während ihres Einsatzes Opfer von Gewaltdelikten wurden, so die Statistik. Das Polizeipräsidium Aalen registrierte 13 solcher Fälle. Für Rettungsdienstleiter Marco Flittner vom Roten Kreuz Rems-Murr stellte die Gewalt Neuland dar, schrieb das DRK in einer Pressemitteilung über einen Vorfall, bei dem ein Patient einer Notfallsanitäterin unvermittelt und brutal ins Gesicht geschlagen hatte.

Steigende Risiken für Helfer

Schon seit 2008 bietet das DRK Deeskalationstrainings für die Mitarbeiter des Rettungsdienstes zusammen mit den Einsatztrainern der Polizei. „Wer helfen will, Helfen zu seinem Beruf gemacht hat - und dies aus Überzeugung“, so Flittner - der rechne während einer Patientenversorgung nicht mit einem Schlag. Weil aber Beleidigungen und das Aggressionspotenzial von Patienten zugenommen haben, entsteht ein Gefühl, im Einsatz einem steigenden Risiko ausgesetzt zu sein. „Die Helfer werden vorsichtiger“, beobachtete Flittner und bedauert dies. Empathie und Nähe zum Patienten seien die Basis jeder Hilfeleistung. „Wenn wir eine Distanz aufbauen, können wir keinen Einsatz mehr leisten.“