Berglen

Eine der besten Floristik-Azubis Deutschlands arbeitet in Berglen

KellerA
Anja Keller lebt ihren Beruf, sogar in der Freizeit und im Urlaub. © Ralph Steinemann

Berglen. Unter die besten drei hat es Anja Keller zwar nicht geschafft. „Aber ich war immerhin unter den besten zehn. Das ist für mich genug Bestätigung“, meint die Auszubildende der Gärtnerei Bühner in Steinach entspannt. Die 25-Jährige hatte sich unter 150 Teilnehmern für das Finale eines bundesweiten Floristikwettbewerbs in Hamburg qualifiziert. Dort war sie in einer der beiden Disziplinen sogar die Beste von allen.

Aufregend, spannend und toll organisiert sei die Veranstaltung gewesen, so Anja Keller. Anreise mit Zug oder Flugzeug ging nicht, sie musste die „Rohlinge“ für ihren Wettbewerbsbeitrag wie einen Schatz hüten, fuhr also, um ihn unbeschädigt nach Hamburg zu transportieren, mit dem Auto. Die Teilnehmer übernachteten in einem Jugendhostel. Für einen Abstecher zur neuen Elbphilharmonie fehlte leider die Zeit: „Da war alles genau durchgeplant.“ Dafür fand der Wettbewerb im imposanten Gebäudekomplex „Altes Mädchen“ statt, in dem auch das Lokal „Bullerei“ von Sternekoch Tim Mälzer ist.

Beruf bestehe darin, etwas für andere zu verschönern

Apropos Mädchen. In ihrem Gewerbe sind zwar oft Männer die Chefs, aber während der Ausbildung, wie in ihrer eigenen Berufsschulklasse, sind nahezu nur Frauen vertreten. Das Problem ist offenbar das gleiche wie beim Erzieherberuf: Wie mit dem nicht gerade üppigen Lohn „eine Familie ernähren“? Was sie schade findet, denn Florist(in) sei ein wunderbarer Beruf, so Anja Keller. Sie ist mit ihm aufgewachsen, denn ihre Eltern haben eine Gärtnerei in Oeffingen. „Ich wusste allerdings lange nicht, dass ich das auch mal machen werde.“ Sie hat sich erst sozusagen besonnen nach einem Praktikum bei einem „ganz tollen Betrieb“ in Endersbach. Dort sei ihr so richtig klargeworden, dass der Beruf darin bestehe, etwas für andere zu verschönern, und zwar etwas, was für diese immer eine besondere Bedeutung habe.

„Umweg“ über Studium von Germanistik und Geschichte

Anja Keller hat einen „Umweg“ zu ihrem Beruf hinter sich, nach dem Abitur nämlich Germanistik und Geschichte studiert (und das Studium auch abgeschlossen). Den Betrieb ihrer Eltern eines Tages zu übernehmen, erschien ihr zunächst als zu stressig. „Ich hab’ immer gesagt, das mach’ ich ganz sicher nicht später. Heute weiß ich, dass es nicht an dem Gewerbe speziell liegt, sondern, dass jeder Selbstständige viel schaffen muss.“ Aber nach dem Studium sei ihr auch bewusst gewesen, dass es mit ihren Fächern beruflich nicht weitergeht. Sie machte einige Praktika, auch in der Gastronomie. Bei dem Betrieb in Endersbach gefiel ihr, „dass ich einfach mitschaffen durfte. Der Chef dort hat mir das alles mit so viel Begeisterung rübergebracht, ist so dahinter gestanden. Da habe ich irgendwann gedacht, hinter dem Beruf muss mehr stecken.“

Mediterraner Trauerkranz für „Romeo und Julia“

Im September hat sie sich für den Wettbewerb mit einem Strauß beworben, beziehungsweise Fotos von ihm aus verschiedenen Perspektiven eingesandt. Aus 150 Bewerbern wurden schließlich zehn für das Finale in Hamburg ausgewählt. Für die „Hausaufgabe“ dann durften die Finalisten zwischen Trauer oder Hochzeit wählen. Das Thema „Romeo und Julia“ bekam Anja vorgegeben. Sie entschied sich für Trauer, was zum einen als Motiv ohnehin ihre Stärke sei, zum anderen sei das eine gute Generalprobe für die anstehende Gesellenprüfung gewesen, weil es dort auch um diesen Anlass gehen wird.

Ein Herz aus Blumen steckte Anja am besten

Konkret musste sie den Blumenschmuck für einen Kranz oder eine Urne kreieren, also kein Sargbouquet. Das „Material“ für den Kranz nahm sie mit nach Hamburg und „baute“ es vor der Jury zusammen. Während der einzige Mann im Finale sich für eine sehr moderne Version des gleichen Themas entschied, entschied sie sich für „klassisch“, und mit Blick auf „Romeo und Julia“ wiederum für eine mediterrane Ausführung, nahm dazu Blätter von Eukalyptus, Rosmarin, Salbei und tiefrote Baccararosen.

Die zweite Aufgabe, komplett vor Ort zu bewältigen, bestand aus einer sogenannten Überraschungsarbeit. Die Finalisten mussten mit Blumen ein Herz stecken. Das gelang ihr von allen am besten, sie bekam dafür die höchste Punktzahl. Dieser Teil zählte aber nur 30 Prozent, so dass es letztlich nicht ganz aufs Podest reichte. Hätte sie den Kranz nicht besser machen können? „Na ja, hinterher kann man das immer sagen. Aber ich selbst fand ihn schön, ich war zufrieden mit ihm.“ Die Jury habe ohnehin eher das Drumherum bemängelt, also nicht den Kranz selbst. „Das war für mich so okay.“

Auch Ikebana kann sie sich vorstellen

Anja Keller hat noch anderthalb Jahre Lehre vor sich. Ihr Ausbildungsbetrieb in Steinach gefällt ihr super. „Ich hätte nichts dagegen, danach noch eine Weile hier zu bleiben.“ Grundsätzlich gebe es für Floristen aber noch mehr Möglichkeiten als „Blumenladen“, zum Beispiel Events auszustatten oder mal auf einem Kreuzfahrtschiff zu arbeiten.

Fortbildungen und über kurz oder lang den Meister zu machen, auch das sei eine Option. Und zurück nach Oeffingen, in den Familienbetrieb? „Also, die haben gesagt, lass dir Zeit, guck dir erst mal alles an.“ Ihr Vater habe einst diese Chance nicht gehabt, sondern früh den Laden übernehmen müssen, unmittelbar nach der Lehre. „Aber mich hat der Beruf richtig gepackt. Ich denke auch in der Freizeit ständig darüber nach, was man noch alles machen könnte.“ Auch Japan, also Ikebana, kann sie sich vorstellen. Im Urlaub hilft sie im elterlichen Betrieb mit, das ist für Anja Keller selbstverständlich. Sie lacht: „Ich bin im zweiten Lehrjahr, ich darf den Laden also schon auch mal selbst schmeißen.“ Das ist so ganz nach ihrem Geschmack.