Kernen

Zwangsarbeiter-Denkmal in Kernen: Das hat sich der Waiblinger Künstler dabei gedacht

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So wird es aussehen, das Zwangsarbeiterdenkmal für Kernen: Zwei solcher Stelen, die sich Künstler Michael Schäfer (Dritter von links) ausgedacht hat, werden in Stetten und Rommelshausen aufgestellt. Schäfer ging als Sieger aus einem Wettbewerb der Kunstschule Unteres Remstal hervor. Deren Leiterin Christine Lutz sowie die zweite Preisträgerin Bettina Wyderka und Andreas Stiene und Jürgen Wolfer von der Kernener Interessengemeinschaft Erinnerungsort Zwangsarbeit freuen sich mit dem Künstler. © Ralph Steinemann Pressefoto

Sowohl in Rommelshausen als auch in Stetten sollen bald Stelen an die Zwangsarbeiter erinnern, die hier zur Nazizeit eingesetzt wurden. Jetzt wurde dem Künstler Michael Schäfer, der den Siegerentwurf für das Denkmal beisteuerte, die Prämie überreicht. Die Initiatoren Andreas Stiene und Jürgen Wolfer berichten in einer Pressemitteilung, wie es dazu kam – und was die Idee hinter Schäfers Kunstwerk ist.

So hatte sich die Interessengemeinschaft Erinnerungsort Zwangsarbeit aus Kernen 2016 an die Kunstschule Unteres Remstal mit einem ungewöhnlichen Anliegen gewandt: Es sollte ein Denkmal für die Ungerechtigkeit der Zwangsarbeit während der Zeit des Nationalsozialismus entworfen werden. Kunstschulleiterin Christine Lutz rief Künstlerinnen und Künstler dazu auf, sich an einem Wettbewerb zu beteiligen. 15 meldeten sich, Mitglieder einer Steinbildhauerklasse und der Künstlergruppe Art-U-Zehn.

Die Vorgaben für das Kunstwerk: Es sollte alle bekannten 143 Namen der Zwangsarbeiterinnen und Kriegsgefangenen in Stetten und Rommelshausen aus der Zeit von 1939 bis 1945 nennen. Es sollte aus zwei sich ergänzenden Teilen bestehen, nicht höher als drei Meter und aus beständigem Material gefertigt sein. In einem mehrstufigen Auswahlverfahren wurden aus den eingereichten zwölf Entwürfen der erste und zweite Preis bestimmt.

Ein drastischer Einschnitt im Leben der Betroffenen

Der Siegerentwurf von Dr. Michael Schäfer aus Neustadt, prämiert mit 1000 Euro, greift den drastischen Einschnitt der Deportation und der Zwangsarbeit im Leben der Betroffenen auf. Die Zeit des Nationalsozialismus hat er als einen „Keil“ dargestellt, der den Lebensweg dieser Menschen radikal verändert hat. Besonders beeindruckt hat Schäfer die Lebensgeschichte der Mutter von Jürgen Wolfer, die als Zwangsarbeiterin in Aichwald gearbeitet hat.

Für ihn ebenfalls eindrücklich beschrieben hat die Leidensgeschichte der Deportierten die Leipziger Buchpreisträgerin Natascha Wodin in ihrem Roman „Sie kam aus Mariapol“. Auf Schäfers Skulptur werden die Namen auf dem abgeknickten Rohr spiegelbildlich und allmählich verblassend zu sehen sein. Das Schicksal vieler Rückkehrer, die nach der Leidenszeit in Deutschland in der Heimat als „Vaterlandsverräter“ angesehen wurden, endete in den Lagern Sibiriens.

Beide Stelen nach Schäfers Entwurf, je eine in Rommelshausen und Stetten, sollen demnächst in Auftrag gegeben werden und sind teilweise durch die Gemeinde, teilweise aus Spenden finanziert. Sie erinnern dann neben dem Alten Rathaus in Rommelshausen und auf dem Platz der Glockenkelter in Stetten an die Zwangsarbeiter. Einen solchen Erinnerungsort gibt es in Kernen bislang nicht. Nur auf dem Friedhof in Rommelshausen werden noch zwei Gräber in Ehren gehalten, in denen zwei Männer aus Polen und der Tschechei ruhen, die am Bahngleis in Rommelshausen bei der Zwangsarbeit ums Leben gekommen sind. Die Standorte der Stelen indes sind kein Zufall: In der Glockenkelter waren Zwangsarbeiter untergebracht, und die Gemeindeverwaltung war laut Andreas Stiene „Teil des Systems“. Sie half bei der Rekrutierung der Zwangsarbeiter für Firmen in Stetten und Rommelshausen.

Der zweite Preis geht an eine Künstlerin aus Korb

Mit einem zweiten Preis (500 Euro) wurde die in Korb lebende Künstlerin Bettina Wyderka ausgezeichnet. Die Künstlerin ist im Schwerpunkt in der Malerei tätig und hat sich nach Angaben der Interessengemeinschaft intensiv mit einem Gedicht einer ukrainischen Zwangsarbeiterin auseinandergesetzt. Sie selbst habe den Text als „leidenschaftliche Sehnsucht und doch bescheiden“ beschrieben. Die darin erwähnten Symbole der Wurzel und Krone hat sie auf hohe Sandsteinsockel gestellt: die umgekehrte Wurzel als Zeichen der Deportation aus der Heimat und dagegen die Krone als Symbol für die wieder zurückgegebene Würde der Menschen.