„Das hat meine Seele berührt": Wie ein Tattoo in Schorndorf einem behinderten Mädchen helfen kann
Nach einer Hüft-OP liegt Fenja – eingegipst vom Bauchnabel bis zu den Zehen – im Stuttgarter Olgäle. Ganze acht Stunden hat die komplizierte Operation gedauert. Doch einfach hatte es das Mädchen von Anfang an nicht: Mit einem Gendefekt, dem Aicardi-Syndrom, zur Welt gekommen, ist Fenja schwerstmehrfachbehindert. Dreimal war sie dieses Jahr schon mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus. Sie hat bis zu sieben epileptische Anfälle täglich. Das Mädchen leidet unter Schmerzen, muss viele Medikamente nehmen und verträgt keine feste Nahrung. Sie schläft schlecht, ist auf Hilfsmittel und Therapien angewiesen. Die Viereinhalbjährige wird wohl nie stehen, gehen, eigenständig sitzen oder sprechen können. Dazu kommt: Ihre Mutter kann das 18 Kilogramm schwere Mädchen, das sich oft ruckartig bewegt, die Treppen zur Wohnung schon nicht mehr hochtragen. Beim Vater geht es noch. Doch das Risiko, mit Fenja die Treppen hinunterzustürzen, wird größer. Lange wird das nicht mehr gut gehen – ohne Aufzug im Haus.
98.000 Euro müssen für den Aufzug zusammenkommen
Im Treppenhaus ist zu wenig Platz für einen Treppenlift. Ein Umzug kommt für die Familie nicht infrage, schließlich ist die Eigentumswohnung in Fellbach-Schmiden ansonsten behindertengerecht. Außerdem soll Fenja nicht aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen werden. Also haben sich Stefanie und Olaf Kirstein entschieden, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen und Geld für einen Außenaufzug samt Metallsteg zum Balkon zu sammeln. Kostenschätzung: 98.000 Euro.
Über die Spendenplattform „Gofundme“ haben Fenjas Eltern mittlerweile rund 40.000 Euro gesammelt. Auf einem Spendenkonto bei der Kreissparkasse sind 18.000 Euro zusammengekommen. In Fellbach, wo die Familie wohnt, gibt es immer wieder Aktionen für die Familie: einen Gutsleverkauf oder ein Handballspiel mit ehemaligen Bundesligaspielern. Die neueste Idee, um an Geld für den Außenaufzug zu kommen, ist eine Benefiz-Tattoo-Aktion in Schorndorf. Und hier kommt Fenjas Onkel, Jürgen Dobler, ins Spiel: Nachdem der SchoWo-Macher und Kirchengemeinderat den Spendenaufruf für Fenja auf Facebook geteilt hatte, bot ihm Dany Basic, der mit seinen Outlaw-Rockern seit Jahren mit einer Biker-Parade auf der SchoWo auftritt, an, am kommenden Samstag und Sonntag jeweils von 9 bis 19 Uhr in seinem „Pimpin Tattoos“-Studio in der Kirchgasse 15 zugunsten von Fenja zu tätowieren – gemeinsam mit Alex W. von „Tattoo9Lives“ aus Stammheim.
Die beiden Tätowierer kennen sich seit Jahren. Beide sind Rocker – mit Herz: „Familie ist das Wichtigste“, sagt Basic, der seit 1998 in Schorndorf tätowiert und seit 2000 Inhaber des Tattoo-Studios ist. Als der 51-Jährige, selbst Vater von zwei erwachsenen Kindern, mitbekommen hat, dass Jürgen Doblers Familie Hilfe braucht, hat er keinen Moment gezögert: „Das hat meine Seele berührt.“ Für ihn sind Fenja und ihre Eltern Helden. Und Jürgen Dobler ist für ihn nicht nur ein Freund, sondern auch ein Vorbild. Also hat er ihm vorgeschlagen, zwei Tage lang für Fenja zu tätowieren.
1000 Euro spendet allein der Motorradclub Outlaws
Und das ist sein Angebot für den guten Zweck: Jedes einfache Tattoo – also Namens- und Schriftzüge oder Motive wie Federn, Herzen oder Schmetterlinge – das inklusive Beratung und Vorbereitung innerhalb einer Stunde gestochen ist, kostet 100 Euro, die dann komplett an Fenja gehen.
Tätowieren Dany Basic und Alex W. zwei Tage lang jeweils zehn Stunden, kommen 4000 Euro zusammen. Und der Motorradclub Outlaws, dem Basic angehört, gibt noch mal 1000 Euro für Fenja dazu – das hat ihm der Präsident des deutschen Clubs zugesagt. Dass er als Rocker oft diskriminiert und wegen seines Aussehens abgestempelt werde, bedauert Basic sehr: „Ich bin ein Freidenker, ich liebe Motorräder, Tätowieren und Kunst.“ Mit Drogenhandel oder anderen kriminellen Machenschaften, wie dem Club nach der Biker-Parade auf der SchoWo vorgeworfen wurde, hat der 51-Jährige nichts zu tun. Er versichert: „Ich sehe vielleicht böse aus, aber mein Herz ist voller Liebe – für allem für Kinder.“
Tätowiertermine gibt es am Wochenende vor Ort. Um die Wartezeit zu überbrücken – und weitere Einnahmen zu generieren –, gibt es Punsch, Glühwein, Rote Wurst und Kuchen. Ein paar Interessierte gibt es bereits. Und auch Fenjas Papa überlegt, ob er sich ein Tattoo stechen lassen soll. Im Grunde sind der 50-Jährige, der selbst mit einer Krebserkrankung zu kämpfen hat, und seine 38-jährige Frau aber einfach nur dankbar für jede Unterstützung: „Das hilft so ungemein und gibt viel Kraft.“
Info:
Die Online-Spendenplattform für Fenja ist unter https://gofund.me/b778f982 zu finden. Außerdem hat die Familie ein Spendenkonto bei der Kreissparkasse Waiblingen eingerichtet: IBAN DE 52 6025 0010 1002 2175 77.



