Schorndorf

Rems-Murr-Kreis behält beide Krankenhäuser - Schorndorfer Klinik wird saniert

Welzheim Rettungswache eine Schicht im Rettungswagen
Rettungsdienste fahren auch weiterhin die Rems-Murr-Klinik in Schorndorf an. Die Schließung des Krankenhauses aufgrund hoher Sanierungskosten ist vom Tisch. © Habermann / ZVW

Schorndorf/Winnenden. Der Rems-Murr-Kreis behält seine beiden Krankenhäuser. Die befürchteten hohen Sanierungskosten für Schorndorf haben sich deutlich verringert. Der Aufsichtsrat der Kliniken empfiehlt dem Kreistag, im April der neuen Medizinkonzeption zuzustimmen. Die Kliniken setzen weiter auf ein starkes Wachstum.

Ein Kommentar von unserem Redakteur Martin Winterling finden Sie hier.

Am Dienstagabend hat der Aufsichtsrat der Rems-Murr-Kliniken getagt und über eine neue Medizinkonzeption beraten. Drei Szenarien standen zur Diskussion, wobei sowohl ein Neubau in Schorndorf wie auch die Schließung dieses Krankenhauses angesichts der Kosten und der Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung offenbar nicht ernsthaft zur Debatte standen. Dem Vernehmen nach müssen in die beiden Krankenhäuser bis 2024 nahezu 70 Millionen Euro investiert werden.

Erhalt "aus wirtschaftlicher wie auch aus medizinischer Sicht die beste Lösung"

In einer Pressemitteilung informierten die Rems-Murr-Kliniken am Mittwochnachmittag über das Ergebnis der Aufsichtsratssitzung, ohne ins Detail zu gehen und konkrete Zahlen zu nennen. Wörtlich heißt es: „In einer umfassenden Analyse kommt die Geschäftsführung zu dem Schluss, dass eine Weiterentwicklung beider Klinik-Standorte, Schorndorf und Winnenden, sowohl aus wirtschaftlicher wie auch aus medizinischer Sicht die beste Lösung für eine zukunftsfähige Strategie der Rems-Murr-Kliniken ist.“ Mit den beiden Standorten könne eine hochwertige Gesundheitsversorgung für den Rems-Murr-Kreis gesichert werden. Die Empfehlung der Geschäftsführung werde jetzt in den Kreisgremien erläutert.

Landrat: „Wir wollten keine Beruhigungspillen verteilen“

Der Aufsichtsratsvorsitzende der Rems-Murr-Kliniken, Landrat Dr. Richard Sigel, betonte, dass jetzt die Beratungen in den Gremien im Vordergrund stehen: „Nach dem aufwendigen Prozess zur Erstellung der Medizinkonzeption ist es jetzt an der Zeit, über dieses 200 Seiten starke Werk in den Gremien zu beraten. Zusätzlich werden wir auch die Krankenkassen, das Sozialministerium und die Öffentlichkeit in diesen Prozess einbinden.“ Der Kreistag entscheidet am 24. April. Sigel betonte das Engagement des Geschäftsführungs-Teams, der Klinikleitungen, der Pflegedienstleitung, der Chefärzte und auch der Beteiligten im Landratsamt. Er weist in seiner Stellungnahme ebenfalls darauf hin, dass der Kreis seinerzeit für den Neubau in Winnenden viel Geld investiert habe. „Diese Lasten der Vergangenheit müssen wir langsam, aber sicher abtragen. Mit der Medizinkonzeption haben wir jetzt einen genauen Fahrplan darüber, wie wir diese Investitionen für eine bessere Gesundheitsversorgung nutzen können. Wir wollten keine Beruhigungspillen verteilen, sondern eine solide und verlässliche Planungsgrundlage erstellen. Wir brauchen als Landkreis Klarheit, wie viele finanzielle Mittel wir für eine gute Gesundheitsversorgung im Landkreis in den kommenden Jahren aufbringen müssen.“

Unternehmerischer Fahrplan dür die Kliniken

Der Geschäftsführer der Rems-Murr-Kliniken, Dr. Marc Nickel, zeigt sich stolz auf die Leistung seines Führungsteams. Eine Medizinkonzeption ist ein unternehmerischer Fahrplan für ein Krankenhaus, der die Entwicklung in den nächsten fünf bis zehn Jahre vorausplant, heißt es in der Mitteilung der Kliniken. Die Konzeption beschreibe im Detail, wo die medizinischen Entwicklungspotenziale der einzelnen Fachbereiche der Rems-Murr-Kliniken liegen, damit die Menschen im Rems-Murr-Kreis bestmöglich medizinisch versorgt werden können und der Betrieb der Kliniken wirtschaftlich ist. Neben medizinischen Überlegungen werden weitergehende Aspekte in die Konzeption einbezogen. Dazu gehören zum Beispiel eine genaue Untersuchung der Patientenströme, eine Analyse der Situation der Kliniken im regionalen Markt, die Auslastung der einzelnen Häuser in Schorndorf und Winnenden sowie das mögliche Leistungswachstum.

Schorndorfer OB hatte schon damals die hohen Sanierungskosten angezweifelt

„Ende gut, alles gut“, lautet das Fazit von Matthias Klopfer, der sich als Schorndorfer Oberbürgermeister seit April 2016 vehement für den Erhalt seines Krankenhauses eingesetzt hat und schon damals die hohen Sanierungskosten von 90 bis 100 Millionen Euro anzweifelte. Als SPD-Kreisrat ist er Mitglied im Aufsichtsrat der Kliniken und sieht sich im Nachhinein bestätigt. Ohne nachkarteln zu wollen, wie er betont. Die vorgelegte Medizinkonzeption biete die beste Lösung für die Patienten. Über die Kosten für den Kreisetat macht er sich weniger Sorgen. Fünf bis zehn Millionen Euro pro Jahr seien für die Gesundheitsversorgung der Bürger zu verkraften.

Hesky erkennt keine sinnvolle Alternative zur Schorndorfer Sanierung

„Das Gutachten war gut und richtig“, stellt Andreas Hesky (Freie Wähler) fest. Die Medizinkonzeption gebe den beiden Kliniken eine Perspektive, wobei der Waiblinger Oberbürgermeister auch an die Mitarbeiter denkt. Eine sinnvolle Alternative zur Sanierung von Schorndorf erkennt Hesky nicht, zumindest nicht vom heutigen Blickwinkel aus. Ein Knackpunkt des Konzeptes könnte das Land Baden-Württemberg werden, so Hesky. Es müsse für die Pläne mit ins Boot geholt werden.

Streit zwischen Winnender und Schorndorfer Chefärzten beigelegt

Angesichts des Wachstums benötigen die 420 000 Bürger des Rems-Murr-Kreises die 620 Betten in Winnenden und rund 290 in Schorndorf, betont Dr. Wolfgang Weigold, Sprecher der FDP/FW-Fraktion im Aufsichtsrat der Rems-Murr-Kliniken. Von den drei zur Diskussion stehenden Varianten kam für ihn nur die erste infrage, nämlich Schorndorf zu erhalten und zu sanieren. Das medizinische Konzept sei so, wie bereits vor einem Jahr geplant gewesen sei. Der durch die erschreckend hohen Sanierungskosten von bis zu 100 Millionen Euro ausgebrochene Streit zwischen den Winnender und Schorndorfer Chefärzten sei beigelegt. Die Kosten hätten sich einerseits reduziert und würden andererseits über viele Jahre gestreckt. Als einzig offene Frage für Weigold bleibt, wie der baden-württembergische Sozialminister Lucha zu überzeugen ist, dass im Fall Schorndorf eine Schließung der falsche Weg und laut Weigold „unverantwortlich“ wäre. Lucha zeigte sich überzeugt, dass 50 der rund 250 Krankenhäuser im Land dichtgemacht werden müssen.

Holzwarth: „Wachstum ist die einzige Chance“

„Aus Winnender Sicht ist es erfreulich, dass nach dem Entwurf der Medizinkonzeption der Standort Schorndorf erhalten und sogar wachsen wird“, stellt Hartmut Holzwarth fest. Darüber hinaus freut sich der Winnender Oberbürgermeister, CDU-Kreisrat und Mitglied des Klinikenaufsichtsrates, dass gleichermaßen Winnenden wachse. „Wachstum ist die einzige Chance und der richtige Weg.“ Die Voraussetzungen dafür seien da und mit dem Konzept zweifelsfrei nachgewiesen. „Daher werden wir uns auch in Winnenden mit steigender Bettenkapazität auseinandersetzen. Mit der jetzigen Kapazität geht das leider nicht.“

Die Kliniken in Schorndorf und Winnenden

Die Rems-Murr-Klinik Schorndorf ist ein Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung mit 286 Betten. Das Krankenhaus ist als Schlaganfallzentrum sowie regionales Traumazentrum zertifiziert und als Schwerpunkt für Altersmedizin etabliert. Das Krankenhaus hat Fachkliniken in den Bereichen Allgemeine Innere Medizin, Gastroenterologie, Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie, Unfallchirurgie und Orthopädie, Gynäkologie und Geburtshilfe, HNO (Belegklinik), diagnostische und interventionelle Radiologie sowie Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin und Schmerztherapie.

Mit 625 Betten und 13 OP-Sälen, darunter ein Hybrid-OP, hat sich für das ärztliche und pflegerische Personal im Klinikum Winnenden die Chance eröffnet, sich noch stärker zu spezialisieren, schreiben die Rems-Murr-Kliniken über den 2014 eröffneten Neubau in Winnenden, der rund 300 Millionen Euro gekostet hat. Das Krankenhaus weist 13 Fachkliniken auf, darunter Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin, Kardiologie und Neurologie. Insgesamt versorgen die 2100 Mitarbeiter in den beiden Häusern jährlich mehr als 40 000 Patienten. Tendenz steigend.

Die Rems-Murr-Kliniken schreiben entgegen den Hoffnungen durch den Neubau weiterhin rote Zahlen in zweistelliger Millionenhöhe. Angestrebt wird, dass sich der Betrieb der beiden Krankenhäuser selbst trägt. Tilgung und Zinsen für die aufgenommenen Kredite werden voraussichtlich jedoch weiterhin am Träger, dem Landkreis Rems-Murr, hängenblieben. Im Kreishaushalt 2017 sind 26,8 Millionen Euro für die Krankenhäuser eingestellt.