Schorndorf

Werner, Weik und Friedrich: Sonst knallt's

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Götz Werner dirigiert wie ein Karajan des bedingungslosen Grundeinkommens den argumentativen Fluss des Geschehens. © Habermann / ZVW
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Marc Friedrich glänzt mit David-Copperfield-Gestik. © Habermann / ZVW
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Mattias Weik zaubert mit einem magischen Trick den Euro weg. © Habermann / ZVW
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Volles Haus: Weik (links) und Friedrich in der Schorndorfer Künkelinhalle. © Habermann / ZVW

Drei Videos in diesem Artikel

Schorndorf. Jeder Mensch bekommt ein bedingungsloses Grundeinkommen. „Sonst knallt’s.“ Ihr so betiteltes Buch stellten DM-Gründer Götz Werner und die Bestsellerautoren Weik/Friedrich 500 Besuchern in der Schorndorfer Künkelinhalle vor.

Video: Matthias Weik und Marc Friedrich über die Eurokrise.

„Ich wär sofort dabei“, schwärmt danach der Mann im Foyer, „welche Partei steht dafür ein?“ – „Was halten Sie davon?“, fragt die Frau am Parkschein-Automaten und murmelt: „Also, ich weiß nicht . . .“

Das Modell des bedingungslosen Grundeinkommens ist von klarer Eleganz wie Bauhaus-Architektur, von schlichter Schönheit wie ein chinesisches Haiku-Gedicht, klingt so genial simpel wie der Einfall jenes Erfinders, der damals zu seinen Kumpels sagte: „Machen wir die Ecken weg, dann rollt’s.“ Aber funktioniert es wirklich? Riesenbegeisterung. Riesenzweifel.

Eine Steuer ersetzt 40 bisherige Steuern

Dies ist, in einer Nuss-Schale, was Götz Werner, milliardenschwerer Unternehmer, Gründer der Drogeriemarktkette DM, und die Remstäler Wirtschaftsbuchautoren Marc Friedrich und Matthias Weik präsentieren – erstens: Durch die Digitalisierung werden viele von uns arbeitslos, weil Rechner und Roboter uns ersetzen. Zweitens: Deshalb brauchen wir alle ein bedingungsloses Grundeinkommen. Drittens: Der Staat finanziert das, indem er nicht wie bisher 40 Steuern erhebt – Lohnsteuer, Gewerbesteuer, Tabaksteuer und und und –, sondern eine einzige: eine Konsumsteuer.

Weniger Arbeit

Erstens: Digitalisierung

Video: Matthias Weik und Marc Friedrich: Industrie 4.0 wird alles auf den Kopf stellen.

„Die neue industrielle Revolution wird alles auf den Kopf stellen“, sagt Matthias Weik: Fabriken in China, die einst mit 15 000 Mitarbeitern produzierten, schaffen heute dasselbe mit einem Zehntel des Personals plus Maschinen. Wände, die wir heute mauern, kommen übermorgen aus dem 3-D-Drucker. Noch scannt eine Supermarktkassiererin die Warenpreise ein: wie altmodisch. Wozu noch Lkw-Fahrer, wenn die Lastwagen künftig alleine fahren? „Es wird jede Branche treffen, wirklich jede.“ Laut einer UN-Studie werden in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren 50 bis 75 Prozent aller derzeitigen Arbeitsplätze wegfallen.

"Den Großeltern gegenüber arbeitslos"

Nun gut, neue könnten entstehen. Aber so viele wie bisher? Wohl kaum. Schon heute sind wir „gegenüber unseren Großeltern ein Stück weit alle arbeitslos“, sagt Götz Werner, Jahrgang 1944. „Als ich anfing, galt noch die 45-Stunden-Woche.“ Wirtschaftshistoriker schätzen, dass sich die Arbeitsstunden pro Kopf seit 1900 halbiert haben.

Schrecklich? Nein, sagt Werner, gut so. Den Lustschauder-Effekt seiner nächsten Worte kostet er voll aus: „Aufgabe der Wirtschaft ist es, die Menschen von der Arbeit zu befreien! Aufgabe der Wirtschaft ist es, paradiesische Zustände herzustellen. Nicht Arbeitsplätze zu schaffen, sondern Arbeitsplätze abzuschaffen. Damit die Menschen endlich machen, was sie wollen, statt machen zu müssen, was sie sollen.“

Menschenrecht

Zweitens: Grundeinkommen

Video: Götz Werner fordert ein Umdenken beim Thema "Einkommen".

Ein bedingungsloses Grundeinkommen als „Menschenrecht“ nach Artikel 1 des Grundgesetzes, ein Betrag, der ein „bescheidenes, aber menschenwürdiges Leben“ ermöglicht: „Und das kriegen Sie Ihr ganzes Leben“, sagt Götz Werner. Wer mehr will, „muss fleißig arbeiten“.

Denn so, wie es ist, kann es nicht bleiben, schreiben die Autoren im Buch: Dass Menschen malochen, dafür nicht genug Geld zum Leben bekommen und deshalb als „Aufstocker“ Hartz IV brauchen, sei „im Grunde staatlich geförderte Lohndrückerei“. Gäbe es dagegen ein Grundeinkommen, müssten „alle, deren Geschäftsmodelle auf Hungerlöhnen basieren, sich warm anziehen. Entweder verschwinden sie mangels Mitarbeitern ganz schnell vom Markt, oder sie müssen deutlich besser zahlen“; oder „ganz fix automatisieren.“ Auf der Bühne spinnt Werner das noch etwas knackiger aus: Das Grundeinkommen würde verhindern, dass Menschen knechten für kleines Geld und Panik kriegen, wenn „der Kühlschrank komische Geräusche macht“.

Überbürokratisierte Transferleistungen entfallen

Jeder erhält ein Grundeinkommen – dafür fallen „überbürokratisierte Transferleistungen“ weg, sagt Marc Friedrich: vom Arbeitslosen- über Wohngeld bis zu Hartz IV, mitsamt dem riesenhaften, teuren bürokratischen Apparat, der dieses ganze kafkaesk undurchschaubare System verwaltet.

Die Autoren kennen natürlich die gängige Gegenrechnung der Kritiker: 1000 Euro im Monat für jeden, das ergäbe bei 81 Millionen Einwohnern der Bundesrepublik eine knappe Billion Euro pro Jahr; eine Zahl mit zwölf Nullen. Aber Moment: Das sogenannte Sozialbudget, die Summe der staatlichen und privaten Sozialleistungen, liegt derzeit auch bei etwa 900 Milliarden.

„Ein Mensch ist noch nicht viel, wenn er warm wohnt und satt zu essen hat. Aber er muss warm wohnen und satt zu essen haben, damit die bessere Natur sich in ihm regt“: Dies schrieb Friedrich Schiller 1792. Er formulierte damit, sagt Götz Werner, den „Gencode des bedingungslosen Grundeinkommens“.


Ganz einfach

Drittens: Konsumsteuer

Tut der Mensch etwas für sich, ist er Konsument, ob er sich nun eine Fußreflexzonenmassage gönnt oder eine Brezel kauft: Nennen wir das Verbrauch. Tut der Mensch etwas für andere, ist er Produzent, ob er nun Fußsohlen massiert oder Brezeln backt: Nennen wir das Leistung.

Leistungen zu besteuern, ist „kontraproduktiv“, sagen die Buchautoren. Warum soll man jemanden mit Abzügen bestrafen, der arbeitet? Warum ihm von seinem ehrlich verdienten Lohn Einkommenssteuer abknapsen? „Knospenfrevel“, nennt Götz Werner das und fordert: Besteuern wir den Verbrauch! Und nur den Verbrauch. Den Konsum von Gütern, den Konsum von Dienstleistungen. Ob ich Brot kaufe oder Kaviar, ein T-Shirt oder einen Frack, ein Bobbycar oder einen Porsche, Mineralwasser oder Champagner, ob ich mir eine Putzfrau leiste oder eine Zahnbehandlung. Leistungen erbringen? Steuerfrei. Leistungen nutzen? Steuerpflichtig. „Je mehr Leistungen du in Anspruch nimmst, desto mehr musst du durch Steuern beitragen.“

Maximal 50 Prozent

Eine Konsumsteuer von „maximal 50 Prozent“ würde reichen, behauptet Marc Friedrich. Aber halt: Bisher liegt die Umsatzsteuer bei 19 Prozent – ginge das auf 50 hoch, würde doch gleich alles viel teurer?! Nein, sagt Werner: Bisher ist in den Brezelpreis ja nicht nur die Umsatzsteuer einkalkuliert, sondern auch Einkommensteuer, Lohnsteuer, Sozialabgaben. All das würde künftig entfallen. Der Brezelpreis bliebe im Idealfall stabil.

Lange Nachrede

Vom Schreiben eines Artikels

Bedingungsloses Grundeinkommen? Telekom-Chef Timotheus Höttges ist dafür: Die digitale Revolution verlange „unkonventionelle Lösungen“. Tesla-Gründer Elon Musk ist dafür: Die Chance, dass es dazu kommt, „ist recht hoch“. Siemens-Boss Joe Kaeser ist dafür: Der Schritt sei „völlig unvermeidlich“. Kluge Leute. Ach, und doch, und doch . . . Jetzt sitzt du da und sollst einen Artikel schreiben über den Abend.

Wie ein Fieberschub packt dich momentweise die Faszination für diese Bauhaus-Klarheit, Haiku-Schönheit – und dauernd fressen dich neue Einwände auf: Haben die drei die Finanzierbarkeitskalkulation nicht wahnsinnig lässig über den Daumen gepeilt? Und was hätte all das für gesellschaftliche Folgen? Bekäme jeder 1000 Euro, würden viel zu viele nichts mehr schaffen und in der Hängematte dämmern, das ist der Klassiker unter den Gegenargumenten. Stimmt nicht, haben Werner, Weik, Friedrich gesagt: Der Mensch will arbeiten!

Die eine wie die andere Behauptung kommt dir wie pure Kaffesatzleserei vor.

Ohne Ehrenamt funktioniert ohnehin nichts

Du, deine Frau, die beiden Kinder – jeder kriegt 1000 Euro pro Monat. Was geschähe? Das müsste sich doch wenigstens für die eigene Familie beantworten lassen. Der ältere Sohn würde weiter studieren, da hast du keine Zweifel. Der jüngere würde weiter zur Schule gehen, dafür würdest du schon sorgen, ob’s ihm passt oder nicht. Deine Frau? Hat zwei Halbtagsjobs. Beide würde sie bestimmt nicht aufgeben. Aber vielleicht den einen? Und du: Weiter jeden Tag Artikel schreiben? Oder die Arbeitszeit reduzieren, öfter zu Hause bleiben, dein Ehrenamt als Fußballjugendleiter endlich so ausfüllen, wie du das schon immer wolltest (und nebenbei einen Roman schreiben, der nie über Seite zwölf hinauskäme)?

Vielleicht fände Götz Werner das gar nicht schlecht. „Denken Sie mal bitte Schorndorf minus ehrenamtliches Engagement“, hat er gesagt – „da würden Sie alle ausziehen.“ Dank des bedingungslosen Grundeinkommens könnte eine Gesellschaft gedeihen, in der mehr Leute füreinander da und alle ein bisschen zufriedener wären als die ewig gehetzte Ellbogenmeute, die wir heute sind. Wir würden gelassener, weniger materialistisch, weniger konsumgeil . . . Äh, nein. Konsumgeilheit bliebe natürlich Pflicht. Wegen der Konsumsteuereinnahmen.

Und was, wenn sich eben doch massenweise Menschen auf die faule Haut legen, statt am Bruttosozialprodukt zu werkeln?

Friedrich gibt dem Euro noch maximal fünf Jahre

Sicher, Marc Friedrich, dieser charmante Luftikus, hat das alles dermaßen überzeugend verkauft, dass er locker auch den Henkelpokal für den Heizdeckendealer des Jahres gewinnen könnte. Aber glaubt er im Innersten daran oder hat er bloß eine knackige Kernthese fürs nächste Bestsellerbuch gebraucht, nachdem sich die dauernde Warnung vor dem totalen Euro- und Finanzcrash mittlerweile doch ein bisschen abgenutzt hat? Vor einem Jahr bei einer Podiumsdiskussion sagte er: „Ende der Dekade haben wir ein neues Geldsystem.“ Und nun in Schorndorf: Er gebe dem Euro noch „maximal fünf Jahre“. Das Datum des großen Kladderadatsch scheint schleichend nach hinten zu wandern wie der Weltuntergang bei den Zeugen Jehovas.

Vielleicht mal die Kollegen fragen? „Ich bin absolut skeptisch“, sagt der Kulturexperte, „das wäre der größte Menschenversuch seit dem Kommunismus.“ – „Ich bin dafür“, jubelt die Online-Redakteurin, „auf jeden Fall!“ – „Ich wär sofort dabei“, hat der Mann im Foyer erklärt. Und die Frau mit dem Parkschein: „Also, ich weiß nicht.“ Sie alle sprechen dir aus der Seele.

Mehr zu Marc Friedrich und Matthias Weik

Das Buch „Sonst knallt’s!“ ist für 10 Euro im ZVW-Shop unter www.zvw-shop.de erhältlich.