Der Waiblinger Faschingsumzug
Waiblingen. Das Publikum zeigt sich närrisch und das Wetter frühlingshaft, als wären die winteraustreibenden Jecken schon mit ihrer Arbeit fertig. Doch die Masken- und Hästräger, Trompetenbläser und Gardetänzerinnen legten gerade erst los: Beim großen Umzug waren sie auf dem Höhepunkt der närrischen Kampagne ganz in ihrem Element.
Es wuseln und gruseln die Geister und Dämonen, auf dem Fuße folgen lustige Guggengesellen mit großem Getrommel und dem Bassgeknurre ihrer Sousafone, dazu bewegen sich hüpfend und einen Arm zum Winken immer in der Luft unzählige leichtfüßige Gardemädchen. Man könnte fast meinen, in Waiblingen ist Frühlingsfest. Vor den Cafés genießen Menschen die Sonnenstrahlen und am alten Postplatz stößt man im Freien mit Sekt an, bevor man sich entlang der eineinhalb Kilometer langen Umzugsstrecke sein Plätzchen sucht.
Farbraketen und Guggenmusik, die in den Ohren wuselt
Die Narren flanieren vorbei an Zuschauern, die zwei- und dreireihig auf sie warten, ihnen froh gelaunt zuwinken und immer wieder in den Narren- und Schlachtruf einstimmen, die das Moderatorenteam der gastgebenden Waiblinger Zünfte zur Begrüßung per Mikrofon durchsagt. Auch erfährt das Publikum etwas über die historischen Wurzeln und über den Ort, auf die sich Häs und Zunftname beziehen. So soll der Feldgrabb der Narrenzunft Schmiden einer Sage zufolge über das Schmidener Feld wachen. Die Figur der Esslinger Schildmaid erinnert an eine Jungfrau, die im Mittelalter auf einem Markt einen Kojoten kaufte, der ihr treuer Begleiter wurde. Selbsterklärend die Namensgebung der Woiblenger Ohrawusler, die mit tollen Sonnenbrillen und ohrenbetörendem Sound vorüberwuseln und zusammen mit den Waiblinger Gruppen den Zug anführen.
Remshexen halten für eine Showeinlage an
Allen voran der „abgesetzte Oberbürgermeister“ Andreas Hesky auf dem Bollerwagen mit der Aufschrift „Willkommen Virginia Beach“. Mit „Sa-he“ begrüßt das Publikum den Wagen der Waiblinger Salathengste, es folgen „Hie-Wai“- und „Rems-Hex“-Rufe für die WFG. Die drollig dreinblickenden Remshexen halten für eine Showeinlage an, gehen gemeinsam mit Teilen des Publikums in die Hocke, bevor alle zu lautstarken und hämmernden Beats aufspringen und tanzen. „Teuflisch gut“ schallt es der Tammer Teufelsbrut mit ihren schrecklichen Vampirzähnen entgegen, das dreifach „Korn-Fetz“ gehört zu den sympathischen Kornwestheimer Kornfetzern, von denen jede Maske ihren eigenen, nie schreckhaften Gesichtsausdruck hat. Ganz im Gegenteil zur Gruselfraktion: Schwarze Dämonen, Häslacher Schattenwesen, rote Schauermasken, fahl geschminkte Gesichter - die Liste der finster dreinblickenden Unheimlichen ist lang.
Respekt flößen die Zombies und Gruselwesen ein
Rund zehn Vereine kamen mit Garden, zehn Guggenmusiken waren da, die anderen waren Häs- und Maskenträger, davon ein Großteil Hexen, zählt Benjamin Stein, Zunftmeister der Remshexen, auf. Hie und da „begießen“ dies schabernacktreibenden Hexen die Zuschauer mit Konfetti, doch nicht mehr in den Massen wie früher. „Es gibt heute mehr Auflagen“, erklärt Benjamin Stein. „Wir dürfen auch keine Haargummis mehr klauen.“ Für Rauchfackeln habe es ein Verbot des Landesverbands Württembergischer Karnevalvereine (LWK) gegeben. Trotzdem fällt den Hexen viel ein, um sich und das Publikum närrisch zu bespaßen. Bei den Succubus-Hexen aus Donaueschingen raucht’s. Sie lassen ein paar harmlose Farb-„Raketen“ über die Köpfe regnen und zeigen ihre Masken mit den langen warzigen Nasen. Der Teufel schnappt sich ein Mädchen und tanzt ein paar Schritte mit ihr des Wegs. Gut ein Dutzend der Grosselfenger Dalbach-Hexen baut sich zur imposanten Menschenpyramide auf und erntet Applaus. Respekt flößen die Zombies und Gruselwesen ein: Sobald ein besonders schauriger Fratzenzieher seinen Blick etwas länger auf Zuschauer in den „gefährdeten“ ersten Reihen richtet, weichen einige vorsorglich zurück. Meistens mopsen die Geister nur einen Hut oder eine Perücke und setzen sie sofort wieder auf - natürlich nicht ohne die Frisur ein bisserl zu verstrubbeln.
„Ein Narrenzelt, um sich nach dem Umzug zu treffen, fehlt.“
Im Vergleich zum Vorjahr, als 64 Gruppen durch die Gassen hopsten, erfährt der Umzug mit heuer 81 Gruppen erneut eine Steigerung. Zunftmeister Benjamin Stein: „Es hat sich herumgesprochen, dass es eine angenehme Strecke zum Laufen ist, mit schöner Altstadt, und dass das Publikum gut mitmacht, deshalb kommen die Leute gerne her.“ Der einzige Kritikpunkt aus Sicht des Zunftmeisters: „Ein Narrenzelt, um sich nach dem Umzug zu treffen, fehlt.“
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